Die „Fledermaus“ wird uns niemals gleichgültig sein

Zum Jahreswechsel demonstrierte Wiens neuer Opernchef, wie er Wiener Spieltradition mit neuem Ensemble-Gedanken vermählen möchte.

Die Fledermaus“ zum Jahreswechsel – vordergründig betrachtet ist es völlig egal, wie eine solche Vorstellung abläuft oder ob – wie diesmal am Silvesterabend – Anna Netrebko als Stargast erscheint. Die Aufführung wird auf jeden Fall gestürmt. Und doch: Seit 1960, als Herbert von Karajan höchstselbst am Pult stand, um die erste Nachkriegs-„Fledermaus“ im Haus am Ring zu dirigieren, präsentiert man das Operettenkleinod meist als etwas Besonderes.

Das war so, als man 1979 Leopold Lindtbergs Inszenierung durch jene heute noch gespielte von Otto Schenk ablöste und auf der Bühne Stars wie Lucia Popp, Edita Gruberová, Bernd Weikl und Brigitte Fassbaender versammelte. Das hat auch der Langzeitdirektor Ioan Holender so gehalten, der zumindest in seinen letzten Jahren die „Fledermaus“ möglichst gut besetzt hat. Dominique Meyer, sein Nachfolger, macht da keine Ausnahme. Und er signalisiert, was er sich unter Ensemble-Pflege vorstellt. Da sind geradezu nostalgische Verknüpfungen, wenn Helmut Lohner, der Frosch von 1979, zurückkehrt und zu aktuellen Pointen nach wie vor mit erstaunlicher Wendigkeit die alten akrobatischen Akte vollführt.

Oder wenn Alfred Sramek hinreißend grantelnd als Gefängnisdirektor durch die Szenen wandert und Pointen in alle Richtungen verschießt – hie und da vielleicht auch einmal in Richtung Kollegen oder Souffleurkasten.

Da ist die Spiellaune von einst präsent und ist jahrzehntelange Bühnenerfahrung, die dann jüngere Kollegen mitreißen kann. Auch hat ein Tenor vom Format Michael Schades die Chance, allen Witz inklusive Selbstironie ungebremst vom Stapel zu lassen. Auch stimmlich kommt dabei eine Verve zum Tragen, die sich von der dezent differenzierten Spiel- und Singweise, wie sie die jüngere Wiener Ensemble-Generation pflegt, krass unterscheidet. Da ist Adrian Eröd als Dr. Falke im wahrsten Sinne des Wortes der „Spielmacher“: Behutsam nimmt er die Aktionen immer wieder auf Kammerspieldimensionen zurück. Dort fühlen sich auch der Eisenstein von Markus Werba und die Adele von Daniela Fally wohl, die gleichwohl ihrer Partie nichts von der altgewohnten Quirligkeit schuldig bleibt.

Angelika Kirchschlagers Orlofsky und Camilla Nylunds Rosalinde halten, offenbar bewusst zurückgenommen, die Mitte zwischen großer (wenn auch „Champagner“-)Oper und subtiler Komödie. Die Philharmoniker musizieren unter der durchaus inspirierenden und umsichtigen Stabführung des jungen Patrick Lange mit entsprechendem Elan, der egalisiert hat, dass szenisch manches mehr Tempo vertragen würde. Insgesamt aber ein Abend der Zusammenführung alter wienerischer Tradition und des Versuchs, den Ensemblegeist neu zu beleben.

Die „Fledermaus“ ist am 3. Jänner nochmals live zu begutachten.

E-Mails an: wilhelm.sinkovic@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2011)

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