Franz Welser-Möst dirigierte eine ungewöhnliche Programmfolge zum Jahreswechsel, mit einem Liszt-Walzer, der kein Walzer ist. Die CD-Version wird man gewiss demnächst als Dokument feinsinniger Orchesterkultur handeln
Ein Reißerprogramm war das nicht. Wer eine quotenträchtige Walzerfolge erwartet hatte, musste beinah bis zum Schlusspunkt des offiziellen Programms warten, dass er wirklich zufriedengestellt sein konnte: „Wien und der Wein“, das ließ sich trefflich mitsingen. Doch bis zum Erklingen von Joseph Straußens „Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust“ waren gute zwei Stunden verstrichen, in denen Stücke wie der „Mephistowalzer“ des Jahresregenten Franz Liszt oder die Liszt gewidmeten „Abschiedsrufe“ von Johann Strauß erklungen waren.
Man hätte Rätselspiele veranstalten können, ob es einem Musikfreund gelingen mochte, den Walzerrhythmus bei Liszt herauszuhören, oder sogar, wie lange es dauert, bis er ihn im Strauß-Walzer wirklich ausgemacht hatte – denn auch er ist eher Tondichtung denn Tanzstück.
Musik von jener Art jedenfalls, die der gestrenge Kritiker der „Neuen Freien Presse“, Eduard Hanslick, einst „Walzer-Requiem“ getauft hat, um damit die hochfliegenden symphonischen Pläne des Walzerkönigs ein wenig zu zausen.
Hie und da wagen es aber auch die Philharmoniker, zum prestigeträchtigsten Termin ihres Jahreskalenders, vorrangig die Kenner anzusprechen, statt die ewig gleichen Ohrwürmer zu reproduzieren. 2011 ging man aufs Ganze. Erstmals stand das Neujahrskonzert unter der Leitung des neuen Wiener Generalmusikdirektors, Franz Welser-Möst. Und man setzte voll und ganz auf die in den vergangenen Jahren in der Oper erreichte, mittlerweile wirklich wie selbstverständlich wirkende Harmonie.
Ohne einen derben Ton
Dass man Walzer ohne jede Derbheit, ohne falsche Tempo-(ver-)rückungen musizieren kann, dass man jede Wiederholung einer Melodie ein wenig anders modellieren und dynamisch auch ein rasantes Stück wie den „Cachucha“-Galopp von Vater Strauß im Pianissimobereich ansiedeln kann, das zählt zu den Hörerfahrungen, die man diesmal am Silvesterabend und am Neujahrsmorgen im Goldenen Saal machen konnte.
Tatsächlich lässt sich der Ehrgeiz der Sträuße in Sachen „hoher Musik“ ja nicht nur am Opernversuch Johanns mit „Ritter Pazman“ ablesen – aus dem diesmal der Csárdás erklang –, sondern auch an den (von Hanslick bekrittelten) „Aufwertungen“ der Walzerform zu symphonischen Dimensionen, mit weit und unregelmäßig gespannten Melodielinien. Auch die Operette „Simplicius“ hat Opernformat – Franz Welser-Möst hat sie vor einem guten Jahrzehnt in Zürich, mühsam aus Quellen rekonstruiert, wieder belebt und im Neujahrskonzert einige Fragmente daraus, voran die „Donauweibchen“, präsentiert. Auch das vergleichsweise „schwere“ Kost, freilich vom Orchester mit Lust und Liebe federleicht exekutiert.
Die CD-Version dieses Konzertes wird man gewiss demnächst als Dokument feinsinniger Orchesterkultur handeln, die von einer exzellenten Musikerpartnerschaft kündet. Und man wird wieder populärere Neujahrskonzert-Programme zusammenstellen; vielleicht sogar mit Welser-Möst am Dirigentenpult.
Für 2012 ist zunächst einmal das Comeback eines anderen großen „Symphonikers“ avisiert: Mariss Jansons.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2011)