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Redebedarf

Zurück in die Zellen!

100 Rätsel der Kommunikation, Folge 17. Manche Gespräche brauchen eines: demonstrative Geschlossenheit. Räumlich gesehen.

Meine Freundin. Ich liebe sie. Auch wenn sie mir manchmal nicht zuhört, wenn ich mit mir rede. Aber sie kann, glaube ich, nichts dafür. Sie hat Ohren wie ein Adler, wie sie gerne sagt. Oder: ausgeprägte „Party-Ohren“, wie ich gerne sage. Ganz besonders sensible Antennen sitzen mir da gegenüber. Sie richten sich auf alles andere, nur nicht auf mich. Vor allem, wenn wir im Lokal sind. Oder eben auf Partys. Da schwingen so interessante Signale durch den Raum. Konversationsbrocken. Wortfetzen. Man muss sie nur aufklauben. Vom Nebentisch. Mit den Ohren.

In den Augen, die mich da anschauen, während ich so vor mich hin rede, erkenne ich deutlich, dass die Ohren ganz woanders sind. Dort drüben, wo es die spannenderen Neuigkeiten gibt. Von mir weiß meine Freundin ja schon alles. Ihre Ohren wirken fast so, als würden sie sich am liebsten nach hinten drehen. Wie der Esel es etwa vermag. Der hat den akustischen 180-Grad Rundblick. Beneidenswert, denkt meine Freundin. Ich denke: Die Designer sind schuld. Wenn sie sich ein wenig mehr um die Akustik gekümmert hätten, dann würde auch der Nebentisch in der kollektiven Gemurmel-Wolke eintauchen, in der man selbst seine fein isolierte Gesprächsblase hätte.  

Offene Räume

In Büros wird auch viel geredet. Oder: Die Unternehmen hätten das zumindest gerne so. Sonst müsste man die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht mühsam wieder zurück ins Büro holen. Dort dürfen sie dann geduscht und frisiert in Kontakt miteinander treten. Und nicht nur introvertiert ihre Mails im Pyjama versenden. Das „Open Space“-Büro ist seit Jahrzehnten das Raumkonzept der Wahl. Wände? Die würden ja nur brachial die vielen Kommunikationsfäden zerschneiden, die sich da quer durchs Büro spannen. Aber nur in der Fantasie der Unternehmen. Längst hat die Forschung bewiesen: Je offener das Büro angelegt ist, desto weniger wird miteinander geredet. Zumindest nicht laut. Eher stumm und schriftlich. Mit E-Mails etwa. Dafür könnte man aber auch im Pyjama und zu Hause bleiben.

Am liebsten ins Büro kommen ja die Führungskräfte. Die erkennt man daran, dass sie eigene Wände haben. Und Türen, die sie schließen können. Um ungestört zu reden. Aber keine Sorge: Die Welt wird gerechter. Manche Unternehmen borgen sich längst für ihre Büroquadratmeter ein Konzept aus, das im öffentlichen Raum längst rar geworden ist: die Telefonzelle. Wände für alle quasi. Da redet man zwar auch nicht mit Arbeitskollegen und -kolleginnen ungestört. Aber dafür mit allen anderen, die zu Hause im Pyjama geblieben sind. Oder geduscht und frisiert Unterschlupf in anderen Zellen in anderen Unternehmen gefunden haben. Man muss sich endlich nicht mehr hinter Topfpflanzen verstecken, in Fensternischen verkriechen, an die Außenwände pressen, wenn ein wichtiger Anruf kommt. Und man kann die Zellen genauso gut als Schweigeräume benutzen. Geschützt vor allen den Büro-Rausposaunern und Büro-Flüsterern, die ja keine stören wollen und erst dadurch Aufmerksamkeit erregen.

Da werden ein paar Party-Esel-Ohren traurig hängen, wenn die Telefonzellen wieder zurückkommen. Ein Trost: Auch in Großraumbüros kann man den Gesprächen anderer lauschen. Den schriftlichen, stummen zumindest. Vor allem in Unternehmen mit ausgeprägter CC-Kultur. Also im E-Mail-Verkehr. Und wem das nicht reicht, der kann auf Twitter den Diskussionen anderer heimlich und öffentlich zugleich folgen. Oder man konzentriert sich beim Feierabend-Bier traditionellerweise wieder auf eines: den Nebentisch.

100 Rätsel der Kommunikation

Norbert Philipp bespricht in dieser Kolumne die dringendsten Fragen der digitalen und analogen Kommunikation: Muss man zu Chatbots höflich sein? Wie schreit und schweigt man eigentlich digital? Heißt „Sorry“ dasselbe wie „Es tut mir leid“?. Und warum verrät „Smoke on the Water“ als Klingelton, dass ich über 50 bin