„Führer one day“: Dead Kennedys über Jerry Brown

Alte Popsongs können durch die Politik plötzlich wieder aktuell werden – nicht nur in Ungarn, sondern auch in Kalifornien.

Subtext

Dass der Landeshauptmann von Kalifornien in Poptexten vorkommt, hat gute Tradition: So widmete Joan Baez in Woodstock (1969) ihren „Drug Store Truck Drivin' Man“ dem damaligen Gouverneur Ronald Reagan, der der Hippiebewegung ein exzellentes Feindbild abgab, nicht zuletzt weil er auf Proteste gegen den Vietnamkrieg mit Einsatz der Nationalgarde und Verhängung des Kriegsrechts in Berkeley geantwortet hatte.

Joan Baez' Song war mit Zeilen wie „He's the head of the Ku Klux Klan“ kein freundliches Lied. Aber es war geradezu nett im Vergleich zu dem Song, den die kalifornische Punkband Dead Kennedys einst für Jerry Brown, Gouverneur von 1975 bis 1983, schrieb: In „California Über Alles“ wurde er namentlich genannt, und ihm wurden (in ausgesprochen ungerechter Weise) finstere Absichten unterstellt: „Soon I will be president. Carter power will soon go away, I will be Führer one day, I will command all of you, your kids will meditate in school...“

Die Voraussage ist nicht in Erfüllung gegangen, auf Carter folgte Ronald Reagan, nicht Jerry Brown. Der ist dafür seit gestern abermals Governor of California. Ebenfalls nicht Präsident wurde sein Amtsvorgänger Arnold Schwarzenegger, der sich schmeicheln darf, mit einem lieblicheren Song in die Popgeschichte eingegangen zu sein: Die englische Boygroup Worlds Apart besang ihn 1994 im Song „Arnold Schwarzenegger“ als virtuellen Nebenbuhler, der in den Träumen der Geliebten auftaucht.

Schwarzenegger hat sich unseres Wissens nie über diese Dichtung beklagt. Ob Jerry Brown sich dagegen wehren wird, wenn „California Über Alles“ nun wieder in Radios laufen sollte, ist abzuwarten. Der Song ist immerhin 31Jahre alt, er stammt aus dem Jahr 1979, wodurch das Jahr 1984 (natürlich im Orwell'schen Sinn) als zukünftig vorkommen kann.

Auch nicht gerade neu ist „It's On“ von Ice-T, das nun ungeahnte Aktualität erhielt: Dieses Stück aus dem Jahr 1993 war 2011 der erste Fall für die neue ungarische Medienbehörde. Es wurde als „jugendgefährdend“ gewertet, gegen den Sender Tilos Radio wurde ein Verfahren eingeleitet.

„It's On“ ist ein typischer Gangsta-Rap der alten Schule, es wird viel geschossen und so kriminell geprahlt, dass es schon stark nach Selbstironie klingt. Namentlich vor kommt Charlton Heston, US-Schauspieler, Bürgerrechtler und Präsident der National Rifle Association, die für freien Waffenbesitz für alle eintritt. Er hatte 1992 Aktionären von Time Warner den Text von Ice-Ts „Cop Killer“ vorgelesen, worauf die Plattenfirma den Vertrag mit Ice-T kündigte. „Find me Charlton Heston and we might cut his head off“, hieß es dann in „It's On“. Man muss Heston nicht mehr schützen: Er ist 2008 an Alzheimer gestorben. Und Ice-T, auch schon 52 und ein bisschen weise, reagierte auf das Verbot seines Oldies per Twitter mit zufriedener Ironie: „Die Welt hat noch immer Angst vor mir.“

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2011)

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