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Till Brönner: „Ich knutsche nicht mit Trompetern“

(c) EPA (Javier Etxezarreta)
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Das mit dem Jazz ist stets mit einer Menge Klischees behaftet. Till Brönner, seriöser Jazzer, aber auch Jurymitglied in „X-Factor“, will mit dem Buch „Talking Jazz“ vom Einheitsbrei der Formatradios weglocken.

Das mit dem Jazz ist stets mit einer Menge Klischees behaftet. An den Plätzen, wo dieser abgehangene Sound gespielt wird, sollte möglichst elegant blauer Dunst wehen. Im Optimalfall klimpert das Eis in den Whiskeygläsern, und die Musik ist entweder Gefühlsverstärker für Melancholie oder für den Geist der Rebellion. Dass man aber auch guten Jazz spielen kann, der zwischen diesen Polen pendelt, und dennoch damit die Charts entern kann, das hat der deutsche Trompeter Till Brönner bewiesen.

Er zeigte auf anspruchsvolle, aber kulinarische Art, dass man dem Publikum durchaus etwas zumuten kann, was es womöglich noch nicht kennt. Er bürstet deutsches Liedgut jazzig gegen den Strich, probierte den sanften Philadephia-R&B à la Erykah Badu, reiste nach Rio de Janeiro, wo er mit Stars wie Milton Nascimento und Sérgio Mendes ein unglaublich entspanntes Brasil-Album aufnahm, auf dem Melody Gardot und Annie Lennox sangen. Brönners aktuelles Album „At The End Of The Day“ flirtet mit sanftem Pop. Brönner spielt verhuschte Melodien und singt mit dem hauchigen Duktus eines Michael Franks Lieder von David Bowie, den Killers und den Beatles. Gleichzeitig machte er, der zu Recht gegen die Verzopftheit des quotensüchtigen Formatradios wettert, damit Schlagzeilen, dass er sich als Jazzer in die Jury der deutschen Talenteshow „X-Factor“ setzte.

In seinem nun erschienenen Buch „Talking Jazz“ erklärt sich der bald Vierzigjährige. Der Musiker, der locker auch als Dressman seine Miete verdienen könnte, erzählt darin, wie ein Foto, das Jim Rakete von ihm schoss, ihn in die Frauen- und Jugendzeitschriften hinein- und aus dem Ghetto der gerne herummäkelnden Jazzkenner hinauskatapultierte. Brönner, der seit 1993 Alben aufnimmt, brachte 2004 den Jazz zurück in die Top Twenty der deutschen Charts. Er ist in der Position, gegen die Jazzorthodoxie zu wettern – sehr eloquent, wie es sich in dem instruktiven Buch zeigt, das als fiktives Interview inszeniert ist. Brönner kämpft an zwei Fronten gegen die Jazzklischees.

Er ätzt gegen die Zukunftsnostalgie der Jazzkritiker. Seine These: „Das wenigste, das nach Avantgarde tönt, ist dazu befähigt, dem Hörer Glücks- und Freiheitsmomente zu verschaffen, die anderswo unmöglich wären.“ Brönner, dessen persönliche Jugendrevolte den langhaarigen Rockgitarristen galt, kommt es darauf an, dass die Persönlichkeit des Musikers zum Vorschein kommt.

Und warum hat er sich dann an „X-Factor“ beteiligt, einer Show, die das genaue Gegenteil propagiert? Brönner: „Ich habe mich mit Manu Katché beraten, einem superseriösen französischen Schlagzeuger, der bei ,Nouvelle Star‘ in der Jury sitzt. Er hat mir geraten, ganz ich selbst zu bleiben, nur zu loben, wenn ich als Musiker Grund dazu habe, nicht wenn nur das Rundherum unterhaltsam ist.“ Brönner nachdenklich: „Vielleicht sollten wir uns abgewöhnen, Castingshows überhaupt unter musikalischen Aspekten zu betrachten. Vielleicht geht es nur um die Erzählung. Ein Mensch muss Herausforderungen annehmen, er muss Prüfungen bestehen, und wer alle Prüfungen bestanden hat, ist der Sieger. Und bekommt die Tochter des Königs.“


Ja, die Damen, die strebten immer schon zur Kunst und ihren Protagonisten. Im Popgeschäft sogar in Form von sexuell aggressiven Groupies. Gibt es dieses Phänomen auch bei Jazztrompetern, wo die doch trainierte Lippen haben? Brönner bleibt vage: „Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Trompeter besser küssen können. Ob es stimmt, kann ich zuallerletzt sagen, ich knutsche nicht mit anderen Trompetern.“

Dass es Frauen mit ihm schwer haben, deutet sich an einigen Stellen des Buches an: „Bei fast jeder Frau kommt irgendwann der Augenblick, wo du völlig ausgepumpt vom Konzert endlich zu Hause ankommst, und dann sagt sie: Anscheinend hast du mit deiner verdammten Trompete mehr Spaß als mit mir. Und das Allerschlimmste ist, dass es Momente gibt, da wäre die ehrlich Antwort: Ja, mein Schatz, so ist es.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2011)