Therapieabbruch

Von Abbruch und Neuanfang: Wenn die Psychotherapie abgebrochen wird

(c) Marin Goleminov
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Es ist oft nicht einfach, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Meist suchen sich Betroffene erst professionelle Hilfe, wenn der Leidensdruck sehr groß ist. Noch schwieriger ist es aber, sich einzugestehen, dass man mit der aktuellen Hilfe nicht weiterkommt.

Das Erste, das beim Betreten von Alexandras* Wohnung ins Auge fällt, sind die großen Biedermeier-Möbel, die geordneten Schuhe und Jacken und die unzähligen, perfekt ausgerichteten Fotos. Die Küchenregale und die darin befindlichen Einmachgläser sind etikettiert. Töpfe, Gläser, Suppenkellen und Pfannenwender – alles hat seinen exakten Platz. So aufgeräumt wie ihre Wohnung wirkt auch Alexandra als Person. Sie ist freundlich, spricht offen und strukturiert. Sie hat perfekt getrimmte Haare, und ihre vielen Tattoos wirken harmonisch aufeinander abgestimmt. Es sind vor allem Tiere und Insekten, welche wie in Vitrinen auf ihrem Körper präsentiert werden.

In großen Glaskästen züchtet Alexandra, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, Zimmerpflanzen. Ordnung gehört zu Alexandras Leben. Das hat auch den Ursprung in Alexandras Autismus-Spektrum-Störung, welche vor Kurzem diagnostiziert wurde. „Gratuliere, Sie haben Asperger“, erinnert sie sich an die Diagnose im vergangenen März. „Ich bin Autistin, was mit 27 relativ spät diagnostiziert wurde. Das ist bei Personen, die keine Männer sind, aber relativ normal“, erzählt Alexandra. Sie wird wütend. Wütend auf ehemalige Pädagoginnen und Pädagogen, vor allem auf ihre ehemalige Therapeutin, welche die Diagnose übersehen hat.

„Es geht mir echt nicht gut. Ich fange jetzt wieder mit der Therapie an“

Vor zwei Jahren, zu Beginn der Coronapandemie in Österreich, ging es Alexandra schlecht. Die Arbeit als Pflegerin im Krankenhaus wurde ihr zu viel: „Der Job ist an sich schon schwierig. Man ist einer sehr hohen körperlichen und psychischen Belastung ausgesetzt. 2020 hat sich alles geändert. Abläufe wurden angepasst. Man hat ein komplett neues Krankheitsbild betreut, das man nicht verstanden hat.“ Neues Personal sei von gesperrten Stationen zu ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen geschickt worden und musste eingeschult werden. Es gab neue Gerätschaften, ein neues Überwachungssystem, Beatmungsgeräte, die zuvor nie verwendet wurden. „Es war extrem viel, und die gesamte Struktur wurde über den Haufen geworfen. Nach ungefähr einem Jahr Arbeit habe ich mir gedacht: Okay, es geht mir echt nicht gut. Ich fange jetzt wieder mit der Therapie an.“

Alexandra suchte sich Hilfe bei einer Therapeutin, und ihrer psychischen Gesundheit ging es schrittweise wieder besser. Nach wenigen Monaten wurde Alexandra von ihrer Therapeutin als stabil eingestuft und eine Pause vorgeschlagen. Heute weiß Alexandra, dass stabil nur eine Umschreibung für lebens- und arbeitsfähig ist. Gut ging es ihr in keiner Weise. Ihre psychische Gesundheit verschlechterte sich wieder. „Ich habe mich nach der Sommerpause wieder bei meiner Therapeutin gemeldet, weil es mir immer schlechter ging. Ich war ab September nur mehr im Krankenstand. Ein bis zwei Wochen Krankenstand, dann ein bis vier Wochen arbeiten“, schildert Alexandra rückblickend. Die Therapie habe ihr nicht helfen können. Irgendwann zog sie den Schlussstrich.

Rund zehn Prozent der Klientinnen und Klienten in Österreich brechen die Therapie ab

Frühzeitig abgebrochene Therapien sind keine Seltenheit, erzählt die Präsidentin des österreichischen Bundesverbands für Therapie (ÖBVP), Barbara Haid. Rund zehn Prozent der Klientinnen und Klienten in Österreich brechen die Therapie ab. „Wenn die Beziehung zwischen Klienten und Therapeuten nicht gut läuft, besteht die Gefahr, elementare Gegebenheiten zu übersehen“, sagt Haid – so geschehen im Fall von Alexandra und ihrer nicht gestellten Diagnose. Aber auch fehlendes Vertrauen vonseiten der Klienten mache es schwierig, sich im Therapieprozess zu offenbaren. Therapeutinnen und Therapeuten seien nicht unfehlbar, betont die ÖBVP-Präsidentin.

Vor einem Abbruch „liegt es in der Verantwortung des Therapeuten, die therapeutische Beziehung durch ein abgesprochenes Ende zu beenden“, sagt Haid. Gründe für eine frühzeitige Beendigung kennt sie viele: „Oft liegt es daran, dass die Beziehungsdynamik zwischen Patient und Psychotherapeut in Schieflage kommt und man sich als Patient nicht verstanden fühlt. Dass Themen aufkommen, die zu belastend sind, und man nicht mehr weitermachen will, obwohl man es sollte. Auch unbeabsichtigte Kränkungen vonseiten der Therapeuten oder Therapeutinnen sind ein häufiger Grund, warum Patienten ihre Therapie abbrechen.“ Finanzielle Belange, also wenn sich Patienten ihre Behandlung nicht mehr leisten können, führten laut Haid ebenfalls oft dazu, dass die Therapie frühzeitig beendet wird.

Wenn aus dem Abbruch ein Ende wird

Wie sich ein abgesprochenes Ende in der Therapie anfühlen kann, erzählt Lukas*. Lukas ist 28 Jahre alt. Er redet offen über seine Anfänge in der Psychotherapie: „Ich fing mit 21 an, in Therapie zu gehen, da ich mich mit mir selbst nicht wohlfühlte. Ich fühlte mich durch meine Sexualität verunsichert und merkte, dass ich Probleme hatte, die nicht von allein weggehen.“ Er bekam einen Kassenplatz, also von seiner Krankenversicherung bezahlte Therapiestunden, und ging knapp drei Jahre wöchentlich in Therapie. Heute meint er, dass er damals gut an sich arbeiten konnte. Er war zufrieden und sprach mit seiner Therapeutin darüber, dass er die Therapie gern beenden wolle. Sie bestärkte ihn in seinem Vorgehen und leitete mit zwei abschließenden Einheiten ein Ende ein. Dadurch, dass Lukas einen Kassenplatz hatte, ließ sie ihm zusätzlich offen, die Therapie später wieder aufzunehmen, aber für ihn war die Therapie vorerst beendet.

Aus ihrer Erfahrung als Therapeutin erklärt Barbara Haid, wie das Ende einer Therapie ablaufen soll: Therapeutinnen und Therapeuten sollten nach gewisser Zeit die festgelegten Therapieziele rekapitulieren und abwägen, ob diese schon erreicht wurden. Dann liege es in der Verantwortung der Therapeutinnen und Therapeuten, ein Ende einzuleiten. Umgekehrt meint Haid, sollen aber auch Klientinnen und Klienten von sich aus ein Ende einleiten, wenn sie das Gefühl haben, dass sie mit der Therapie abschließen wollen, da dies ein Akt der Selbstbestimmung ist. In beiden Fällen soll das Ende aber nicht abrupt stattfinden. Dafür nimmt sich Haid noch ein paar Stunden mit ihren Klientinnen und Klienten Zeit, in denen sie einen Bogen von der ersten bis zur letzten Stunde spannt und schaut: Was ist in der Therapie passiert? Was war schwierig? Welche Meilensteine hat eine Person erreicht, und was können die Patienten sozusagen nach Hause mitnehmen?

„Zum damaligen Zeitpunkt war es das absolut Richtige, die Therapie zu beenden“

Mara* hat vergangenes Jahr ebenfalls nach Absprache mit ihrer Therapeutin ihre Therapie abgeschlossen und erzählt heute von einer für sie traumatisierenden Zeit vor gut einem Jahr. Im September erfuhr die damals 22-jährige Studentin, dass sie schwanger war. Da sie sich bereits in der dreizehnten Woche befand, musste sie innerhalb von drei Tagen eine Entscheidung treffen. Von allen Seiten wurde auf sie eingeredet. Mara meint, dass ihr damals die Entscheidung genommen worden sei. Es kam zum Abbruch der Schwangerschaft. „Nach der Abtreibung hatte ich eine schwere depressive Episode. Ich konnte gar nicht mehr aufstehen. Ich konnte nichts machen, wollte niemanden sehen“, reflektiert sie über die Zeit vor einem Jahr. „Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt. Ich war von einem Tag auf den anderen ein komplett anderer Mensch.“

Die junge Studentin merkte, dass sie Hilfe brauchte, und begann im Oktober mit einer Therapie. Sie erzählt, dass sie dankbar ist, dass der Prozess damals von Anfang an so gut funktioniert hat und sie sich auf Anhieb mit ihrer Therapeutin verstand: „Es war nicht so, dass es dann die ganze Zeit um die Abtreibung ging. Wir gingen viel auf die Hintergründe ein. Es wurde eine Verbindung zwischen aktuellen Problemen und dem Vorfall hergestellt, weil ich zuerst ganz viel nicht verstanden habe. Warum ich mich so fühle, und warum ich nicht loslassen kann.“

Im Mai sprach Maras Therapeutin dann eine Pause an, da sie die 22-Jährige entgegen ihrer Selbsteinschätzung als gefestigt genug sah: „Ich hätte von mir aus wahrscheinlich noch nicht gesagt, dass ich aufhören möchte, weil mir die Therapie gutgetan hat.“
Für Mara war diese Zeit anfangs ungewiss. Sie hatte Angst, dass es ihr wieder schlechter gehen würde. „Mittlerweile weiß ich, dass es zum damaligen Zeitpunkt absolut das Richtige war, die Therapie zu beenden. Es hat mich doch auch noch ein Stück weitergebracht, weil es eben ein Abschied war. Es ist auch gut, wenn etwas ein Ende findet“, erzählt Mara heute mit einem Lächeln.

Neuanfang nach der Therapie

Für Mara bleibt die Therapie bis heute abgeschlossen. Lukas hingegen suchte nach zweijähriger Pause erneut Unterstützung in Form einer Psychotherapie. „Ich glaube, ab dem Punkt, wo ich wieder angefangen habe, war es für mich in Ordnung. Der Weg dorthin war aber sehr schmerzhaft. Sich selbst einzugestehen, dass man wieder Unterstützung braucht. Aber so was passiert im Leben“, erzählt Lukas über die Wiederaufnahme. 2020 änderte sich vieles in seinem Leben. Er hatte eine Trennung hinter sich, und zusätzlich brach die Coronapandemie aus. „Nach dem Ende der ersten Therapie war für mich klar, dass, wenn ich mal weitermachen sollte, es mit jemand anderem in eine andere Ebene gehen muss“, sagt Lukas. Er suchte sich diesmal einen Psychiater und bekam zusätzlich zur therapeutischen Behandlung Medikamente. Nach sieben Monaten konnte er mit den Medikamenten aufhören und auch die neue Therapie beenden. „Ich habe bereits in meiner ersten Therapie viele Werkzeuge mitbekommen, welche mir helfen, an mir zu arbeiten“, sagt Lukas. „Und das macht es spannend für mich, denn ich versuche mich da auch herauszufordern und neue Wege zu finden, um Probleme zu lösen. Es geht schon irgendwie. Aber wenn es schlechter wird, dann würde ich sagen, melde ich mich wieder bei meiner Therapeutin.“

Auch Alexandra befindet sich aktuell wieder in Therapie, um sich selbst besser kennenzulernen. Die Therapie hilft ihr dabei, mit dem Asperger-Syndrom umzugehen. Über ihren damaligen Abbruch sagt sie: „Ich glaube schon, dass meine damalige Therapeutin mich sehr stark unterstützt hat, bei meinem Weg aus dem Beruf raus. Aber mein Anspruch an Therapie war damals ein anderer. Ich wollte für meinen neuen Lebensabschnitt eine neue Therapie beginnen, also mit einer neuen Person.“

Seit Alexandras aktueller Therapeut ihr das Asperger-Syndrom diagnostiziert hat, fühlt sie sich erstmals in ihrem Leben aufgehoben. Sie versteht nun, warum sie so ist, wie sie ist. Dafür nimmt sich Alexandra aktuell auch eine einjährige Auszeit, um sich ausführlicher mit sich selbst und ihrer Diagnose auseinanderzusetzen. Ihr geht es psychisch seither erheblich besser. Alexandra kündigte als Pflegerin und orientierte sich neu. Im Jänner wird sie ihren neuen Beruf als Tätowiererin starten.

*Namen von der Redaktion geändert

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