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Gerichtsnotiz

Wie egoistisch ist es, jemanden nicht leiden sehen zu können?

Archivbild.(c) Deutsch Gerhard / picturedesk.com
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Ein 55-jähriger Mann erwürgte seine schwerkranke Frau. Sie wollte nicht sterben. Er stand nun wegen Mordes vor Gericht - was sagt das natürliche Rechtsempfinden dazu?

Wenn jemand kein Mitleid mit anderen fühlt, nennen wir das unmenschlich. Doch was, wenn das Mitleid groß ist, dass es alles überschattet? Wenn es jemandem unerträglicher ist als das Leid, das dahinter steht? Am Dienstag fand im Wiener Straflandesgericht ein Mordprozess statt, in dem der Täter mit Liebe argumentierte. In sich zusammengefallen saß er im Verhandlungssaal. Der Kopf an der Brust, die Augen feucht. Und begann zu erzählen. Sprach so schnell, dass er immer wieder gebremst werden musste. Erzählte von der starken Verbundenheit mit seiner Frau. Von ihren Schmerzen. Und, das fiel ihm besonders schwer: von der Nacht, in der er die Hände um ihren Hals legte und sie erwürgte. Erich S. stand am Mittwoch wegen Mordes vor Gericht. Ihn als Mörder zu verurteilen, würde aber „dem natürlichen Rechtsempfinden widersprechen“, argumentierte seine Verteidigerin.

Sie plädierte auf Totschlag, meinte aber, es sei doch eigentlich so etwas wie Sterbehilfe gewesen. Doch eins ist klar, und auch die Verteidigung machte kein Hehl daraus: Die todkranke Frau S. wollte nicht sterben. Sie freute sich auf die Zukunft, war in einer optimistischen Phase. Doch wie kam es dazu, dass mit dem 24. Februar 2022 der Mann im Krankenhaus landete und seine Frau am Obduktionstisch?