Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Jahresrückblick

Design im Jahr 2022: Vernünftig werden, emotional bleiben

Auch das Design kommt zur Vernunft: Ideen müssen endlich zirkulieren. Und Materialien sowie Produkte dürfen wieder zurückkommen. Dazwischen bleibt Platz für Gefühle und Schnörkel.

Es heißt ja auch: Jahreskreis. Weil alles kommt wieder, nur eben in einem neuen Jahr. Mit den Designentwürfen ist es oft nicht anders. Das alte - 2022 - ist trotzdem ein wenig ausgeschert aus der Routine. Aber selbst daran hat man sich auch in der Design-Community und in der Möbelbranche gewöhnt. Fast hat man sich schon damit abgefunden, dass Einrichten eine eher virtuelle Angelegenheit wird. Die Architekten und Architektinnen schauen sich schon nach Baugründen im Metaverse um. Und wo virtuelle Räume entstehen, könnten bald auch virtuelle Möbel stehen. Ein paar Avantgardisten und Visionärinnen blicken sicherheitshalber schon voraus, wie etwa der Argentinier Andrés Reisinger. Aber irgendwann hatten dann doch die meisten ihre erste Corona-Infektion hinter sich und zugleich auch die Überzeugung, dass es nur noch digital Entwicklungsperspektiven gibt. Das Jahr klinkte sich wieder ein in gängigen Schienen. Eine davon heißt traditionell: Salone del Mobile. Das Design-Event in Mailand ist diesmal bis in den Juni nach hinten gerutscht. Umso mehr bemühte es sich, allen zu zeigen, wie wichtig es war, dass er zurück war. Genau das nämlich hat sich auch nicht allen sofort erschlossen. 

Alles im Kreis

Schließlich ist das Merkmal „nachhaltig“ längst kein Add-On mehr, das man generös verteilt an seine Design-Produkte, wenn im Marketing oder im Produktionsbudget noch Platz dafür war. Vielmehr ist es inzwischen die Voraussetzung für viele, dass überhaupt etwas Neues entstehen darf.  Da musste sich eine Riesen-Möbel-Messe wie der Salone, die vom „Neuen“ lebt, schon ins Zeug legen. Schließlich produziert er nicht nur Riesen-Aufmerksamkeit, Riesen-Flugverkehr, sondern auch riesige Mengen an Abfall. Doch die Messe und die Designwoche drumherum versuchten ambitioniert, sich in die neuen Anforderungen einzuschwingen. Jene, die für Gestalter wie den Deutschen Stefan Diez ohnehin so selbstverständlich sind, dass er sie auch von den Herstellern einfordert, mit denen er kooperiert. Schon im Jahr zuvor hatte Diez zehn Prinzipien für „Circular Design“ aufgestellt, an die er sich halten möchte. Und auf die er ebenso seine Auftraggeber abklopft. Damit im Prozess etwa Sofas entstehen können, die sich am Ende ihrer Nutzungsdauer sortenrein in verschiedensten Materialien trennen lassen.

Auch neue Materialien, die als nachhaltig gelten, reihen sich im Möbelkatalog ein: "Corker" von ClassiConbeigestellt

Nebenbei sickerten die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft nicht nur als gedankliche Leitlinien in den Entwurfsprozess, sondern auch in den theoretischen Diskurs, in eine aktivistische Grundhaltung, die immer mehr Designer und Designerinnen zeigen. Da wird nicht nur die Welt der Produkte neu gedacht, sondern auch, wie die Menschen mit diesen Dingen in Zukunft umgehen sollen. Wie tauscht man sie untereinander aus? Wie organisiert man eine gemeinsame Nutzung? Viele Unternehmen legen auch in diesem Jahre ihre Produkte noch einmal auf den Tisch, um sie zu evaluieren. Und mit neuen Materialien, Produktionsmethoden oder Vertriebsideen noch einmal auf den Markt zu schicken. Kreislauffähig im besten Fall. Viele Unternehmen haben spätestens 2022 verstanden, dass ihre Verantwortung für das Produkt nicht dann endet, wenn sie es verkauft haben. Wie etwa der niederländische Hersteller Circuform, der gemeinsam mit der Gestalterin Ineke Hans den Rex-Stuhl entwickelt hat. Ein Stuhl, den man beim Hersteller wieder zurückbringen kann, wenn sich seine Nutzung erledigt hat. Mit Häusern und Architekturen funktioniert das noch nicht ganz so gut. Aber wenn Altes geht, bevor Neues kommt, durchstreifen Architekten und Architektinnen inzwischen die Möglichkeiten und Baustellen, um beim „Urban Mining“ nach Ressourcen zu schürfen, die man für die neuen Entwürfe verwenden kann.

Auch Kunststoff will nachhaltig sein: Wie hier in Form von "Juno" von Arper.
Auch Kunststoff will nachhaltig sein: Wie hier in Form von "Juno" von Arper.SALVA LOPEZ

Der Kreis als richtungsweisende Perspektive. Minimalismus bezieht sich dabei eher darauf, wenig vom Wertvollen zu verwenden. So wie es das nordische Design ohnehin schon Jahrzehnte vorexerziert hat. Aber wenn das einmal geklärt ist, darf das Design auch wieder großzügiger ausschweifen: bei den Emotionen vor allem. Auch das hat das Jahr 2022 klargemacht. Design darf im Kreis laufen, aber gestalterisch die Extraschleife gehen. Die Schörkel kommen zurück. Denn wenn schon Neues entsteht, dann sollen die Entwürfe auch etwas mit den Menschen anstellen. In der Architektur wie auch im Produktdesign, nämlich Gefühle erzeugen. Gute Gefühle. Eines davon ist jenes, wenn man weiß, dass man ein Jahr lang den Planeten nicht unnötig zugemüllt hat. 

Was 2022 wichtig war

Zum Jahresrückblick der „Presse“-Redaktion