In seinen „Geschichten aus der Heimat“ wirft Dmitry Glukhovsky einen scharfen Blick auf die politische wie soziale Tristesse im zeitgenössischen Russland, wo er selbst zur Fahndung ausgeschrieben ist.
Selbstredend ist weder Wladimir Sorokin noch Dmitry Glukhovsky in Russland. Sorokin lebt in Berlin, Glukhovsky hat, nachdem er im Juni in Russland zur Fahndung ausgeschrieben wurde – er habe in Interviews das Wort „Krieg“ verwendet, schreibt die Zeitung „Kommersant“ –, das Land verlassen. Sorokins Roman „Norma“ kursierte als Samisdat-Ausgabe im Untergrund, als das Sowjetimperium schon in den Nähten krachte. Glukhovsky wiederum gehört der Generation an, die im Kindesalter den Anbruch einer anderen Zeit erlebte – in der ein geschrumpfter, aber noch immer bombastisch großer Staat versuchte, sich in einem System namens „Demokratie“ zurechtzufinden.
„Demokratie“ wird von denen, die sie nicht schätzen, in Russland als „Djermokratija“ bezeichnet, ein Wortspiel, in dem der Ausdruck für ein festes menschliches Ausscheidungsprodukt auf die Demokratie aufgepfropft wird. Wie wörtlich das zu nehmen ist, lässt sich am Fall Sorokin studieren: Schon 2002 stopften Mitglieder einer Bewegung namens „Gemeinsamer Weg“, auch bekannt als „Putin-Jugend“, Werke Sorokins in eine riesige, selbst gebastelte Kloschüssel, medienwirksam vor dem Moskauer Bolschoi-Theater.