Bekenntnisse des Mangels in Russland
Schlechte Nachrichten zu verkünden, das will in Russland offiziell niemand gern. Auch wenn es allerlei schlechte Nachrichten zu verkünden gibt, Tag um Tag. Die Armut steigt, die Sanktionen greifen, der schnelle Sieg, den Präsident Wladimir Putin all den Hurra-Patrioten versprochen hatte, ist eine Mär. Zugeben aber, dass die geplante Vernichtung der Ukraine – die offiziell natürlich niemand so nennt – auch mit der Zerstörung Russlands einhergeht, käme keinem Beamten in den Sinn. Und doch sieht sich das Innenministerium seit einiger Zeit immer wieder gezwungen, auf gewisse „Einschränkungen“ hinzuweisen, wie es heißt, weil die Sanktionen des Westens offenbar durchschlagen. Schönreden hilft nicht.
Und so tritt der Sprecher des Innenministeriums eines Tages vor die Kameras und sagt: Die russische Polizei werde heuer keine Neuwagen erhalten. Die ausländischen werden nicht geliefert, die inländischen haben Probleme, gewisse Teile zu bekommen. Die 4,5 Milliarden Rubel (umgerechnet rund 66 Millionen Euro) würden nun für andere Zwecke ausgegeben, sagt er. Wofür, sagt er nicht.
Einige Tage später wieder ein Bekenntnis zum Mangel: Die Menschen müssten länger auf ihre Pässe warten, sagt der Innenministeriumssprecher. Es gibt keine neuen Drucker für die Dokumente mehr. Bisher wurden die Drucker vor allem aus Italien und den USA importiert. Russland stellt keine her. Durch die Sanktionen gibt es auch keine Drucker, keine Ersatzteile für Drucker, keine Anlagen zur Veredelung von Papier, keine speziellen Bindemaschinen. Stattdessen gibt es lange Wartezeiten. Und die Hoffnung, dass die vorhandenen Geräte nicht so schnell den Geist aufgeben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2022)