Stadtsaal: Indien, jetzt in Mariahilf

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Recht mondän und bequem ist der Wiener Stadtsaal in Wien-Mariahilf geworden, ein Ex-Ballsaal mit Platz für die Beine. Eröffnet wurde das Kabarettlokal mit einem langen Zug durch Höhen und Tiefen des Kabaretts.

Wenn der österreichische Kabarettist durch die Länder – „durch die Provinzen“, wie er gern weniger föderalistisch korrekt sagt – tourt, verschlägt es ihn oft in einen Stadtsaal, in nüchternen Gemeinden „Mehrzweckhalle“ genannt. Nun endlich gibt es auch in Wien-Mariahilf einen solchen. Und zwar keinen schlechten. Ein Ex-Ballsaal, Säulen und Gold, hohe Decke, Platz für die Beine. Originelles Buffet (Gulasch etc. im Glas), trinkbarer Schankwein.

Und gehobene Lage: Mariahilfer Straße 81. „Wir Künstler haben uns immer so ein Haus gewünscht, in der Nähe, wo wir wohnen, wo wir essen gehen“, kommentierte Josef Hader, Moderator des Eröffnungsabends. „Wir lieben ja alle Rucola, Volvo, Pinot grigio. Wir sind eine Wertegemeinschaft: Geld haben, aber doch bescheiden. Mit kleinem Geländewagen. Beruflich über Leichen gehen. Aber mit Bioresonanz.“

Der Stadtsaal sei wohl die erste kulturelle Einrichtung in der Mariahilfer Straße, scherzte etwas später der viertellustige bayrische Kleinkünstler Willy Astor. Man könne sagen: „Maria hat geholfen.“

Der Vergleich zwischen diesen beiden Kommentaren zur Lage zeigte wieder, was gutes Kabarett ausmacht. Es berauscht sich nicht an Wortspielereien, es nimmt die Sprache gerade in ihrer Hohlheit ernst und wahr. Seine Ironie ist jederzeit vom Absturz in den Ernst gefährdet. Und der Absturz kommt. Wie für die Reisenden in „Indien“ (1991): Wie Hader und Alfred Dorfer nach vielen Jahren wieder aus diesem Klassiker lasen, merklich selbst angerührt von ihren in aller Lächerlichkeit würdevollen Charakteren, das war ein Höhepunkt des langen Abends.

Der einen Besucher, der das Kabarett nicht (mehr) eifrig verfolgt, auch lehrte: Etliche neuere Künstler stehen nicht mehr in dieser von Hader und Dorfer, aber auch Karl F. Kratzl und Thomas Maurer (der im Stadtsaal einen Ausschnitt aus seinem subtilen Oberösterreicher-in-China-Report „Àodìlì“ brachte) geprägten Tradition.

Nadja Maleh etwa: Sie verdodelt Klischees (diesfalls: die Russin, die Französin, die Inderin) bis zum Überdruss, aber ohne diese Banalitäten zu überhöhen. Oder Thomas Stipsits aus Leoben: Seine Austropop-Parodien sind nichts als virtuos. Von der elenden Stones-Persiflage des Mike Supancic kann man nicht einmal das behaupten.

Höchst merkwürdig ist dagegen Martina Schwarzmann aus Bayern: Wenn sie über das Abrichten von Bibern sinniert oder erwägt, ein älteres Ehepaar mit dem Ruf „Papa, wo warst du all die Jahre?“ zu erschrecken, sieht man, wie aberwitzige Lust am Grotesken sie befällt. Diese Frau kann Skihütten-Songs schreiben, bei denen einem der Jagertee im Mund gefriert. Was für ein Unterschied zur platten Volksmusik-Parodie von Heilbutt & Rosen!

Wer könnte, wer wollte je Gunkl bremsen?

So hemmungslos, wie Schwarzmann ihre Fantasien laufen lässt, so radikal gibt sich Gunkl seinen philosophischen Ausschweifungen hin. Bei ihm fließt alles – über.

Über Krise, Krieg und Kapitalismus sinnierte Lukas Resetarits und dozierte Werner Schneyder; ihre (hoffentlich in Wirklichkeit nicht ganz so klischeehaften) Beziehungsprobleme brachten Weinzettl & Rudle auf die Bühne; Bernhard Ludwig erklärte eine neue Diät, die etliche Besucher spontan auf sich zu nehmen versprachen.

Ganz Wien wird sie nicht so bald schlankmachen, denn, wie Hader weise festhielt: „Die mehreren sind nie da.“ Der Stadtsaal wird dennoch florieren, das kann man ihm prophezeien und wünschen.

Der neue Wiener Stadtsaal

1870 wurde der 350 m2 große Saal als Ballsaal des Hotels „Zum blauen Bock“ gebaut. Bis Juli 2010 war dort der Verein für Konsumenteninformation. Nun betreiben dort Fritz Aumayr (ehemals Kulisse, Spektakel, Vindobona) und Andreas Fuderer (Chef des Kabarett Niedermair) eine Bühne – ohne Subventionen. Demnächst spielen: Thomas Stipsits (5.1.), Klaus Eckel (6.), Stermann und Grissemann (7.), Willi Resetarits und Ernst Molden (8.). Info: stadtsaal.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2011)

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