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Kolumne

Christkind gesucht

Trotzdem Abheben zum Traumjob
Trotzdem Abheben zum Traumjob(c) Getty Images (pinstock)
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Auf zum Traumjob. Folge 45. Traumjobs fallen nicht vom Himmel, aber...

So manches Jobinserat liest sich heute wie ein Wunschzettel ans Christkind. Das verschreckt so manche Bewerber und wirft einerseits die Frage auf, worauf es beim Lesen einer Stellenausschreibung tatsächlich ankommt und andererseits, inwieweit sich der allseits beschriebene Fachkräftemangel schon bis zu den Recruitingabteilungen durchgesprochen hat.

Berufserfahrung von mehreren hundert Jahren (vorzugsweise Post und Paketdiensttätigkeiten), Selbstflieger oder geschult im Umgang mit leichten Fluggeräten, Überstunden- und Schichtarbeitsbereitschaft während der Weihnachtszeit, ausgezeichnete Sprachkenntnisse sowie Erfahrung im Umgang mit Google Translator, 100-prozentige Reisebereitschaft, Freude an der Zusammenarbeit mit älteren Herren (Weihnachtsmänner), hitze- und kälteunempfindlich, Einverständnis zum Tragen einer Kopfbedeckung während der Arbeitszeit (Heiligenschein), so in etwa könnte der Auszug aus einem Stelleninserat für die Suche nach dem Christkind aussehen. Angeboten wird dafür eine ehrenamtliche Tätigkeit mit höchstem internationalem Ansehen.

Ist das jetzt eine Senior- oder Juniorposition oder sind damit überhaupt Frührentner gemeint, die eine Freizeitbeschäftigung suchen? Mit derartigen Jobausschreibungen sehen sich, überspitzt formuliert, so manche Jobsuchende im Bewerbungsprozess konfrontiert.

Selbstredend wirft das die Frage auf, wie kann ein derartiges Stelleninserat richtig zu interpretieren ist und in weiterer Folge in den Bewerbungsunterlagen abgebildet wird?

Muss versus Kannkriterien

Für die meisten Recruitingabteilungen sind Jobinserate tatsächlich so etwas wie Wunschzettel und oftmals herrscht sogar bei erfahrenen HR-Managern eine gewisse Ratlosigkeit, wenn sie ein Inserat für eine neu zu vergebene Position selbst formulieren sollen.

Das beginnt schon bei den notwendigen Qualifikationen, welche in der Regel Musskriterien sind, das heißt darüber sollten Bewerber jedenfalls verfügen. Die Akademisierung unserer Gesellschaft schreitet in den letzten Jahrzehnten unentwegt voran und heute gibt es schon für viele Berufsbilder ein dazugehöriges Studium.

Die Anzahl ist tatsächlich explodiert. Diese Entwicklung hat ebenfalls in den Jobinseraten Einzug gehalten, nämlich, dass heute vielfach ein Studium als Voraussetzung gilt, wo noch vor 10-15 Jahren ein Lehr- oder Maturaabschluss gereicht hätte.

Das bringt dann wiederum ältere Jobsuchende in die Bredouille, die zwar über sehr viel Berufserfahrung verfügen, aber eben keinen Studienabschluss vorweisen können. In der aktuellen Arbeitsmarktsituation empfehle ich meinen New/Outplacement- Klientinnen und- Klienten, sich gegebenenfalls trotzdem auf das Inserat zu bewerben, selbst wenn das Ausbildungskriterium nicht erfüllt ist.

Als Daumenregel für Inserate gilt ja ohnehin, dass ca. 80 Prozent der Anforderungen vom Bewerber erfüllt sein sollten, um sich zu bewerben. Erfahrungsgemäß bewerben sich Männer schon bei einem Erfüllungsgrad von 60 Prozent und Frauen fragen bei 90 Prozent noch nach, ob sie qualifiziert genug für die Position sind.

Ein weiteres Kriterium sind die Sprachkenntnisse. Durch die Globalisierung haben diese ebenfalls enorm an Bedeutung gewonnen. Unsere Arbeitswelt ist heute um ein Vielfaches diverser, was die Zusammenarbeit über die Grenzen eines Landes hinaus verstärkt hat.

Teams agieren international und so kommt es, dass eine in Österreich sitzende Empfangsdame mittlerweile ebenfalls zumindest über Englischkenntnisse verfügen muss. Laut Jobinserat sollen diese Kenntnisse jedoch so gut wie immer ausgezeichnet sein.

Nur die Wenigsten geben das formale Sprachniveau (A 1 – C 2) im Stelleninserat an, was die Einschätzung für so manche Bewerber wieder schwerer macht. In diesem Fall kommt es sehr stark auf das tatsächliche Umfeld und die Position an, also beispielsweise, ob die Bewerber im Job dann tatsächlich permanent in englischer Sprache schriftlich und mündlich mit anderen Fachexperten kommuniziert oder ob es lediglich mündlich und nur teilweise verwendet wird.

So kann unter Umständen ein Sprachniveau B 2 als „ausreichend ausgezeichnet“ durchgehen. Aja und last but not least haben Jobbezeichnungen zur Orientierung großteils ausgedient, da vor allem in großen internationalen Konzernen beinahe wöchentlich neue Jobtitel erfunden werden.

An dieser Stelle lassen die Anforderungen gute Rückschlüsse darauf zu, was in der jeweiligen Position gefordert wird. Und sollte selbst das nicht ausreichen, dann am besten in der HR-Abteilung nachfragen. Das ist im Übrigen gleich eine ganz gute Möglichkeit, Kontakt zu knüpfen und sich einen ersten Eindruck vom Unternehmen zu verschaffen.

Jobinserat und Bewerbungsunterlagen

Das Stelleninserat sollte sich im besten Fall 1:1 in den Bewerbungsunterlagen wiederfinden. Dabei gilt die Grundregel, dass die formalen Kriterien (Ausbildung/Sprachkenntnisse/sonstige Qualifikationen) sowie die Berufserfahrung im Lebenslauf zu finden sind und die persönlichen Stärken im Anschreiben stehen.

Ich empfehle meinen New/Outplacement-Kandidatinnen und -Kandidaten es dabei den Recruitern so einfach wie nur irgend möglich zu machen, da eine Erstsichtung der Unterlagen im Schnitt nicht länger als 30 – 60 Sekunden dauert. Deshalb sollte die erste Seite im Lebenslauf, ähnlich einem Schaufenster, bereits die Highlights der wichtigsten Anforderungen auf den ersten Blick präsentieren.

Zumeist sind das die Ausbildung, der letzte Job (detailliert beschrieben) sowie andere Qualifikationen, die die Bewerber entweder einzigartig machen oder wichtig für die Ausübung der Position sind (zum Beispiel besondere IT-Programmkenntnisse). Tja und selbiges gilt natürlich mittlerweile ebenso für sämtliche social media Profile, weil wer weiß schon so genau, ob das Christkind nicht mittlerweile auch dort aktiv schon aktiv tätig ist.

Frohe Weihnachten und gutes Gelingen!

Michael Hanschitz

Michael Hanschitz ist seit nunmehr 15 Jahren als New/Outplacementberater, Autor und Karrierecoach tätig. Er ist Gründer des Beratungsunternehmens Outplacementberatung (www.outplacementberatung.co.at) und Autor des Buches Menschen fair behandeln. Mit seiner Arbeit unterstützt er Menschen und Organisationen in schwierigen Veränderungsprozessen. Beraten mit Herz und Verstand lautet seine Devise.

Michael Hanschitz
Michael Hanschitz(c) Marek Knopp