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Wie Wohnkosten an den sozialen Abgrund drängen

Viele Haushalte müssen sich warm anziehen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Wohnen und Heizen werden teurer. So sehr, dass immer mehr Menschen in die finanzielle Schieflage geraten. Wer trägt Schuld dafür?

Räume bleiben kalt oder nur minimal beheizt. Eine kurze Dusche ersetzt das Baden. Die Socken werden doppelt getragen. Dieser Tage zeigen sich Haushalte kreativ, um ihre Energierechnung möglichst niedrig zu halten. Die steigende Inflation und Energiepreise bohren Löcher in das Portemonnaie. Obendrauf kam die Anhebung der Richtwertmiete um rund sechs Prozent im vergangenen April. Immer mehr können ihre Rechnungen rund um das Wohnen nicht mehr begleichen. Liegt es daran, dass der Energiebonus für ein neues Handy ausgegeben wurde, oder bleibt den Menschen wirklich kein Spielraum mehr?

Die „Presse“ gibt Antworten auf die vier wichtigsten Frage:

1. Wie viele Haushalte kommen finanziell unter Druck?

16 Prozent der zwischen 16- und 69-Jährigen tun sich schwer, mit ihrem Einkommen die laufenden Haushaltsausgaben zu decken. Vor allem betrifft das Arbeitslose sowie Personen mit geringen Einkommen (40 Prozent).

Ein Großteil beklage dabei die Wohnkosten, sagt WU-Sozialwissenschaftlerin Karin Heitzmann. Sie und IHS-Mathematikerin Monika Mühlböck werteten Daten der Statistik Austria aus. Monatlich müssen Miete, ein etwaiger Immobilienkredit, Strom und Heizung berappt werden. Reparaturen und Betriebskosten kommen dazu. Im zweiten Quartal 2022 nahmen 18 Prozent der Befragten all das als schwere finanzielle Belastung wahr. Im ersten Quartal waren es nur 13 Prozent.

2. Mit welchen Konsequenzen rechnen die Expertinnen?

„Wir sehen eine deutliche Zunahme“, sagt Heitzmann. „Der Anteil jener, für die Wohnkosten eine schwere finanzielle Belastung darstellt, hat sich seit Ende 2021 für alle Wohnformen und alle Wohnorte erhöht“, heißt es in der Auswertung. Zwar gaben Mieter öfter an, unter Druck zu stehen als Eigentümer und Großstädter waren häufiger betroffen als Menschen in kleineren Städten, Vororten oder ländlichen Regionen, dennoch weisen alle Gruppen den gleichen Trend auf.

Die Bürde ist so groß, dass schon jetzt 19 Prozent befürchteten, ihre Wohnkosten nicht mehr oder nicht rechtzeitig bezahlen zu können. Im ersten Quartal waren es nur 14 Prozent und gegen Ende des Vorjahres nur zwölf Prozent, die so dachten.

"Wir werden alle unser Verhalten verändern müssen – auch die Mittelschicht“

Gudrun Steinmann von der Schuldnerberatung Wien

„In der Vergangenheit traten diese Befürchtungen auch ein“, sagt die WU-Wissenschaftlerin. Das würde bedeuten, dass jedem zweiten Haushalt, der von Arbeitslosigkeit betroffen ist, in naher Zukunft die Schuldenfalle droht. Diese Gruppe wird mehr denn je an den sozialen Rand gedrängt.

3. Wem droht in Zukunft die Schuldenfalle?

Für die kommenden drei Monate erwarten 30 Prozent der Mieter in Gemeindewohnungen Zahlungsschwierigkeiten, bei Genossenschaftswohnungen ist es ein Viertel. 21 Prozent der Mieter in anderen Wohnverhältnissen teilen diese Sorge ebenfalls. Auch Wohnungseigentümer sahen sich mit einer zunehmenden Belastung konfrontiert: 18 Prozent mit Wohnkredit und zwölf Prozent ohne Kredit.

Etliche konnten schon im ersten Quartal ihre Wohnkosten nicht mehr begleichen. Dazu gaben 13 Prozent der Mieter in Gemeindewohnungen an, dass sie zu Jahresbeginn in Zahlungsverzug bei der Miete gekommen waren. Dasselbe gilt für neun Prozent der Mieter in Genossenschaftswohnungen und acht Prozent der Mieter in anderen Wohnverhältnissen.

Schon vier Prozent der Eigentümer kamen in Verzug bei der Rückzahlung ihres Kredites. Wohlgemerkt waren die Zinsen zu diesem Zeitpunkt noch nicht gestiegen.

„Wir werden alle unser Verhalten verändern müssen – auch die Mittelschicht“, sagt Gudrun Steinmann von der Schuldnerberatung Wien. Der Leiterin der Finanzbildung muss vermehrt zum Thema Wohnen beraten. Dabei liegen die Jahresabrechnungen für Strom und Gas noch nicht einmal auf dem Tisch. Viele unterschätzen die Höhe der Nachzahlungen.

Schon jetzt rechnet der Kreditschutzverband KSV1870, dass heuer 15 Prozent mehr Privatpersonen Pleite gehen. Jeden Tag würden 23 Konkursverfahren eröffnet. Dabei geht es im Schnitt um eine Schuldenhöhe von 108.000 Euro.

4. Liegt die Schuld in der Eigenverantwortung oder am Markt?

Vor allem junge Erwachsene hätten keinen Überblick über ihre Finanzen, sagt Steinmann. „Sie leben sehr eng am Limit.“ Jede Preiserhöhung, wie etwa die für Strom und Gas, führe dazu, ins Minus zu rutschen. Oft werde an den Ausgaben nichts geändert, sondern auf Raten weiter konsumiert. Damit schnappt die Schuldenfalle schnell zu. Etwaige staatliche Förderungen würden nicht für die zu begleichenden Rechnungen aufgehoben. Sie rät zur Budgetberatung und einer klaren Auflistung von Einnahmen und Ausgaben. Es brauche eine Bewusstseinsbildung. „Wir sind Gewohnheitstiere.“ Es sei schwer, auf Friseur oder Essen per Lieferdienst zu verzichten, obwohl man es sich nicht mehr leisten kann.

Tanja Berger, Wissenschaftlerin an der Universität Krems, sieht den Staat in der Verantwortung. Der habe Sozialleistung tendenziell gekürzt. Die Leistbarkeit von Wohnen sei schon vor der Pandemie und Preissteigerung erschwert gewesen. „Die Mieten stiegen seit der Finanzkrise 2008 über der Inflationsrate, während die Löhne gleich blieben.“ Wohnungen würden von Investoren als „Ware“ gesehen. Im vergangenen Jahrzehnt hätten die staatlichen Wohnbeihilfen mit den Marktentwicklungen nicht Schritt gehalten, stattdessen seien Obergrenzen eingezogen und monetäre Unterstützung in Sachleistungen umgewandelt worden. Zudem werde die Wohnbeihilfe von der Sozialhilfe de facto abgezogen. Berger bemängelt zudem das Wohnangebot. Vor allem den strukturellen Leerstand und die Überproduktion von Wohnraum im oberen Preissegment müsse man in Frage stellen. Hier müsse mehr getan werden.

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