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Fokus auf
Dossier

Zeichnen, frieren, zocken: Bereit für die Therapie?

Viele wollen sie, viele brauchen sie, manche brechen sie wieder ab: die Therapie. Heute wird für die Gesundheit gefroren, gezeichnet oder auf Virtual Reality gesetzt. Und damit nicht genug: ein Streifzug von Sigmund Freud bis Physio.
(Eine Kooperation mit der FH Wien WKW)

„Ich gehe zur Therapie.” Ein Satz, der sitzt. Noch immer gilt sie als Tabu, löst häufig ein Gefühl von Scham aus. Dabei gibt es die Psychotherapie bereits seit rund 150 Jahren. Mittlerweile sollte also klar sein: Therapie ist kein Laster, kein Fehler und schon gar kein Zeichen körperlicher oder geistiger Schwäche. Wer sich zu ihr aufrafft, zeigt vor allem eines: Stärke und Mut zur Veränderung. 

Gewandelt hat sich auch die Therapie selbst: Längst nicht mehr gibt es nur das “rote Sofa”, auf dem Patientinnen und Patienten Sigmund Freud von ihren Problemen berichteten. Heute gibt es neben der Gesprächstherapie auch die Möglichkeit, sich Ängste von der Seele zu zeichnen, oder Depressionen mit Hilfe von Apps zu lindern. Und freilich heilt Therapie auch mehr als mentale Leiden: Mit der Physiotherapie lassen sich körperliche Schmerzen und Verletzungen behandeln - ohne sich zwingend unters Messer legen zu müssen. 

Therapie kann auch einsetzen, bevor Belastungen auftreten: Mit Atemübungen und gezielter Kältetherapie lässt sich das Immunsystem stärken und die Konzentration schärfen. Selbst Videospiele können von einem Teil des Problems zu einem Teil der Lösung werden, etwa in der Traumatherapie. All diese Hilfsangebote setzen voraus, dass Geld vorhanden ist. Zwar gibt es so viele Facetten von Therapie wie es Krankheiten gibt, Kassenplätze sind aber nach wie vor Mangelware. Auch die Gender-Frage wartet vielfach noch auf eine adäquate Antwort. 

Dieses Dossier ist vielfältig – genau wie die Therapie. Es erzählt Geschichten, die anderswo wenig Gehör finden. Es zeigt, welche Wunden sie heilen, welche Narben sie verblassen und welche Türen sie öffnen kann. Wir zeigen, dass Therapie weit mehr sein kann als Couch oder Coach. Sind Sie bereit?

Das Dossier ist im Rahmen einer Lehrveranstaltung am Institut für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien der WKW (Träger: Wirtschaftskammer Wien und der Fonds der Wiener Kaufmannschaft) entstanden. Dabei haben folgende Studierende mitgearbeitet: Lisa Eckerstorfer, Hannah Felsberger, Philipp Glaser, Johannes Halla, Maximilian Hatzl, Michael Marsoner, Hannah Purner, Caroline Schluge, Jasmin Sucher und David Ulrich.


Kassenplätze

Psychotherapie und die Sache mit dem Geld

Seelisches Leid ist im Gegensatz zu körperlichem schwer messbar. Deswegen gibt es Richtlinien, wenn es um die Zuteilung der vollfinanzierten Kassenplätzen geht. Doch das System hat Lücken. Die Leidtragenden sind nicht nur die Patienten, sondern auch die Therapeuten und letztlich der Staat selbst.

Die Flügeltüren schwingen auf. Ärzte eilen in die Ambulanz, die Patientenaufnahme beginnt. Sie suchen akribisch nach der Ursache des Leidens. Wo tut es weh? Es könnte das Bein sein, dann muss es geröntgt werden. Was das kostet? Das spielt keine Rolle, denn ein gebrochenes Bein muss behandelt werden, ungeachtet dessen, aus welcher sozialen Schicht der Patient kommt. Wo tut es weh? Es könnte die Psyche sein, dann ist Therapie anzudenken. Auch die Psyche muss behandelt werden, ohne auf die soziale Schicht des Patienten zu achten. Gesetzlich ist psychotherapeutische Behandlung der medizinischen gleichgestellt. Das bedeutet, egal, ob körperliches oder seelisches Leid – jeder bekommt Hilfe. Zumindest in der Theorie. Auf dieser fiktiven Ambulanz heißt es nämlich: Psychotherapie? Moment, das kostet! Die Ärzte zögern. Sie werfen einander fragende Blicke zu. Vor ihnen sitzen drei Sorgenkinder und schreien: der Patient, der Therapeut und der Staat. Wo tut es weh? 

Anamnese

Wie viele Menschen tatsächlich Psychotherapie brauchen, ist schwierig zu sagen. Braucht vielleicht jemand Therapie, der es selbst gar nicht als nötig empfindet? Geht jeder in Therapie, dem sie guttun würde? Und lassen sich seelische Probleme überhaupt messen? Grundsätzlich gehen Experten wie Henriette Löffler-Stastska und Markus Hochgerner in ihrem Artikel „Versorgungswirksamkeit von Psychotherapie in Österreich“ davon aus, dass bei drei bis sieben Prozent der Gesamtbevölkerung ein Bedarf an Psychotherapie besteht. Bei einer guten Versorgungsstruktur würde ca. die Hälfte dieser Menschen eine Therapie auch tatsächlich in Anspruch nehmen. Auf Basis dessen wären das in Österreich zwischen 135.000 und 270.000 Menschen. Im Gespräch mit dem „Moment Magazin“ heißt es seitens des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP), dass schon die Frage „Sollte ich Psychotherapie machen?“ ein Hinweis auf seelische Belastung sein kann. Jegliche Symptome, die sich negativ auf die Lebensqualität einer Person auswirken und keine körperlichen Ursachen haben, sind gerechtfertigte Gründe, um eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Barbara Haid, Präsidentin des ÖBVP, beziffert den Versorgungsgrad Österreichs mit 1,2 Prozent. Knapp 105.000 Menschen bekommen also die Hilfe, die sie benötigen. „Österreich hat Aufholbedarf“, sagt Haid. Zum Vergleich: Deutschland weist einen Versorgungsgrad von 2,5 Prozent auf; die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert sogar doppelt so viel.

Der Schluss liegt nahe: Das System der psychotherapeutischen Versorgung in Österreich ist krank. Drei Leidende schildern ihre Geschichte.

Krankenakte 1: Der Patient

In Österreich gibt es für Psychotherapie grundsätzlich drei Optionen, die je nach Bundesland leicht unterschiedlich geregelt sind: kassenfinanziert, teilfinanziert durch einen Zuschuss und selbstfinanziert. Jede einzelne scheint noch Lücken zu haben, die eine flächendeckende psychische Versorgung erschweren.

Behandlungsmethode a: Die Kasse

Therapie ist teuer. Genau deswegen gibt es sogenannte Plätze auf Kassenschein – Therapieplätze, deren Kosten zur Gänze von der staatlichen Krankenversicherung übernommen werden. In Österreich stehen davon nach Angaben von Haid etwa 70.000 zur Verfügung, gegenüber einer Zahl von 135.000 Bedürftigen.

Nicht alle Menschen, die einen Therapieplatz benötigen, würden diesen auch wirklich wahrnehmen. Dennoch gibt es aktuell zu wenig kassenfinanzierte Therapieplätze in Österreich, sagt Barbara Haid vom ÖBVP.

Wer einen Kassenplatz bekommt, hängt hauptsächlich davon ab, wie schwer ein Mensch erkrankt ist: Je schwerer die psychische Erkrankung, desto eher hat man eine Chance, sagt Haid. Der Psychotherapeut Günther Kainz aus Tirol erklärt: „Als schwere psychische Erkrankungen gelten vor allem Persönlichkeitsstörungen. Dabei sind Grundfunktionen der Persönlichkeit mehr oder weniger stark eingeschränkt. Beispielsweise jemand, der Schwierigkeiten hat, seine Emotionen zu spüren und zu regulieren.“ In manchen Bundesländern, wie Salzburg, hat die soziale Bedürftigkeit zusätzlich einen Einfluss auf das Vergabeverfahren. Grundsätzlich ist eine Staffelung nach sozialen Kriterien im Sinne des sozialen Ausgleichs kein schlechter Ansatz, sagt Haid. Doch das System hat Lücken.

Vanessa ist 23 und Studentin. Ihr Name wurde zum Schutz ihrer Person für diesen Text geändert. Seit knapp acht Jahren lebt sie mit einer Mischung aus Depression und Angststörung. Vor drei Jahren beginnt sie, neben ihrem Studium zu arbeiten. Der Stress nimmt zu, ihr Zustand verschlechtert sich, und sie beschließt, sich Hilfe zu suchen. Sie wartet monatelang auf einen Kassenplatz, den sie vorerst nicht bekommen wird, weil ihr sozialer Status am Einkommen ihrer Eltern bemessen wird. Dass Vanessa von ihren Eltern kein Geld bekommt und so pro Monat nur knapp 900 Euro für Miete und Lebenserhaltungskosten zur Verfügung hat, bleibt unbeachtet. Doch die Salzburgerin will und kann nicht warten. Sie sucht sich einen Therapeuten, den günstigsten in der Gegend. Anstatt besser wird ihr Zustand schlechter. So schlecht, dass sie einen Versuch unternimmt, sich das Leben zu nehmen, und in eine Klinik eingewiesen wird. Endlich bekommt sie einen Kassenplatz. Der Schweregrad ihrer psychischen Krankheit ist endlich hoch genug. Ihre Depression wird auf dem Papier zur schweren Depression mit erhöhtem Suizidrisiko, ihre Angststörung wird zur schweren Angststörung. „Wenn ich erst so krank oder so arm werden muss, um kassenfinanzierte Psychotherapie zu bekommen, dann passt im System irgendetwas nicht“, kritisiert ÖBVP-Präsidentin Haid.

Wer das Glück hat, einen Platz auf Kassenschein zu bekommen, erhält eine Art Stundenkonto. In Tirol zum Beispiel sind dann 200 Stunden kassenfinanziert. Allerdings: Depressionen, wie Vanessa eine hat, sind in 25 bis 30 Prozent der Fälle chronisch mit immer wiederkehrenden depressiven Episoden. Betroffene können ihr Leben lang mit einer psychischen Krankheit wie dieser zu kämpfen haben. Ein Umstand, der nicht flächendeckend berücksichtigt wird, wie Haid anmerkt: „Ein Diabetiker wird auch sein Leben lang medizinische Betreuung brauchen, tendenziell sogar intensivere, je älter er wird. Es wäre tödlich, wenn irgendwann sein Kontingent erschöpft ist und er keine Behandlung mehr bekommt.“

Behandlungsmethode b: Die Zuschussregelung

Wer sich nicht für die Kasse qualifiziert, hat Anspruch auf einen Zuschuss. Von der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) gibt es 28 Euro pro Sitzung. Kleinere Kassen, wie die Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, Eisenbahnen und Bergbau (BVAEB) oder die Sozialversicherungsanstalt der Selbstständigen (SVS), zahlen mit 40 Euro etwas mehr. Den Rest des Honorars beim Psychotherapeuten zahlt der Patient aus eigener Tasche.

Viele Menschen können sich Psychotherapie aber trotz Zuschuss auf Dauer nicht leisten. Laura ist 25 Jahre alt, und auch ihr Name ist im Sinne ihrer Anonymität frei erfunden. Einmal pro Woche geht sie in Therapie, um ihr transgenerationales Trauma zu bewältigen: Sie wuchs mit einer meist physisch und emotional immer abwesenden Mutter auf, die ihre Zuflucht im Rotweinglas fand. Kassenplatz hat sie keinen bekommen, aber sie hat einen Zuschuss beantragt. Das Problem: Gerade macht sie ihr Klinisch-Praktisches Jahr an einem Krankenhaus. Nicht einmal 500 Euro erhält sie monatlich für diesen Pflichtabschnitt ihres Medizinstudiums. Zusätzlich muss sie jeden Samstag kellnern, um sich ihr Leben ansatzweise finanzieren zu können. Dafür erhält sie das Gehalt einer geringfügig Beschäftigten von ungefähr 480 Euro. Ihr einziger freier Tag ist der Sonntag. Knapp 110 Euro kostet eine Therapiesitzung, 28 davon übernimmt die ÖGK. Im Monat zahlt sie somit 328 Euro für Psychotherapie. Letztendlich muss dafür ihr verstorbener Opa einspringen: Vor ein paar Jahren hat sie von ihm geerbt. Das Geld war als Beitrag für ihre Zukunft vorgesehen, für eine Wohnung oder eine andere größere Anschaffung. „Das ist vielleicht nicht, was mein Opa angedacht hat, aber Therapie ist ja eigentlich auch eine Investition in die Zukunft“, sagt Laura und lacht. Sie weiß, ewig wird dieser Polster nicht halten.

Laura stellt einen groben Überblick ihres monatlichen Budgets zusammen. Sofort fällt auf, dass die nötige Psychotherapie einen Großteil ihres Geldes frisst und dass Laura sie sich nicht ohne ihren Opa leisten könnte.
Laura stellt einen groben Überblick ihres monatlichen Budgets zusammen. Sofort fällt auf, dass die nötige Psychotherapie einen Großteil ihres Geldes frisst und dass Laura sie sich nicht ohne ihren Opa leisten könnte.(Purner)

Behandlungsmethode c: Die Selbstfinanzierung

Auch wenn ein Zuschuss grundsätzlich jedem offensteht, wollen einige Menschen ihre Therapie selbst bezahlen. Grund dafür ist unter anderem die Sorge, dass ihnen der Eintrag ins System, der mit finanzieller Unterstützung einhergeht, irgendwann zum Nachteil wird. Das mag übertrieben erscheinen, aber gesellschaftliche Stigmata rund um psychische Erkrankungen sind nach wie vor präsent, schreibt Nicolas Rüsch in seinem Buch „Das Stigma psychischer Erkrankung“. Im Interview mit „Psychologie Heute“ gibt Rüsch einige Beispiele: „Betroffene können ihren sozialen Status einbüßen und nicht mehr für voll genommen werden. Am Arbeitsplatz vermuten Kolleginnen und Kollegen, sie seien inkompetent, im privaten Umfeld herrscht betretenes Schweigen, Freunde und Freundinnen gehen auf Abstand.“

Das Ausmaß einer selbstfinanzierten Psychotherapie zeigt ein Rechenbeispiel. Basis sind für diesen Text die 200 Therapiestunden, die beispielsweise in Tirol kassenfinanziert wären. Stundensätze variieren zwischen 70 und 150 Euro, für die Rechnung wird wohlgesonnen der Mittelwert dieser beiden Zahlen (110 Euro) genommen. Den Betrag, den auch Laura für ihre Therapie zahlt. Bei wöchentlicher Behandlung, wie es für schwere psychische Erkrankungen vorgesehen ist, würde eine Person über einen Zeitraum von weniger als vier Jahren 22.000 Euro zahlen.

Krankenakte 2: Der Therapeut

In Österreich arbeiten ungefähr 11.000 eingetragene Psychotherapeutinnen und -therapeuten, weitere 8000 sind derzeit in Ausbildung. Nicht alle bieten Kassenplätze an. Die, die es tun, haben durchschnittlich zwei bis vier Plätze frei, die nie wirklich frei sind, denn der Andrang ist groß. Die wenigen Kassenplätze Österreichs hängen auch vom „beschränkten Angebot“ vonseiten der Therapeutinnen und Therapeuten ab, heißt es seitens der ÖGK in einer Stellungnahme gegenüber dem „Moment Magazin“. Die Wahrheit findet sich wieder bei einem Blick in die Geldbörse.

In den meisten Bundesländern sind Menschen, die einen Kassenplatz bekommen, schwer krank. Das bedeutet für den behandelnden Therapeuten: Sitzungen mindestens einmal wöchentlich, Vernetzung mit den behandelnden Ärzten, Vor- und Nachbereitung der Stunden inklusive Behandlungsplan, Besprechung/Supervision mit Kollegen, Austausch mit Figuren des soziale Netzes des Betroffenen (Eltern bei Jugendlichen, Schule, Arbeit, ...), Anträge ausfüllen. Eine Stunde mit dem Patienten lassen sich in mindestens zwei „reale“ Stunden übertragen, sagt Haid. Dafür bekommen Psychotherapeuten 76 Euro in Tirol, dort, wo auch Günther Kainz seinen Platz in einer Gruppenpraxis hat. Hier arbeitet er als Psychotherapeut zwischen 30 und 35 Stunden pro Woche mit Patientinnen und Patienten. Sechs Stunden werden voll kassenfinanziert. Überschlagsmäßig zählt er die Ausgaben auf: „Raummiete, ein bisschen Materialaufwand für das Büro, Literatur, verpflichtende Fortbildungen. Steuern und Versicherung – der Aufwand ist überschaubar. Aber was rauskommt, ist eher bescheiden. Man muss viel arbeiten.“

Die teilweise hohen Stundensätze finden nicht nur im Mehraufwand hinter den Kulissen ihre Begründung: Die psychotherapeutische Ausbildung ist eine privat zu finanzierende Zweitausbildung. Das bedeutet, die Kosten zwischen 25.000 und 60.000 Euro muss die Person selbst tragen. Die Sigmund-Freud-Privatuniversität (SFU) in Wien verrechnet allein für das Fachspezifikum zwischen 40.000 und 50.000 Euro. Die genaue Höhe variiert je nach gewählter Psychotherapiemethode. Staatliche Stipendien oder Zuschüsse gibt es keine. Neben den anfallenden Kosten einer eigenen Praxis müssen Psychotherapeutinnen und -therapeuten also auch ihre Ausbildungskosten durch Honorare wieder reinholen. Es wird klar: Kassenplätze fehlen, weil Therapeutinnen und Therapeuten schlicht nicht davon leben können.

Krankenakte 3: Der Staat

Derzeit werden für Psychotherapie in Österreich gemäß einem Artikel der wissenschaftlichen Zeitschrift „Psychopraxis. Neuropraxis“ jährlich ungefähr 100 Millionen Euro ausgeschüttet. Würden Therapeutinnen und Therapeuten besser an Kassenplätzen verdienen, könnte es womöglich auch mehr davon geben. Vielleicht sogar ausreichend. Die Ausgaben dafür müsste der Staat tragen. „Es muss Geld in die Hand genommen werden, um Krankenbehandlung rasch, sofort, unbürokratisch und für jeden Menschen, der sie braucht, zugänglich zu machen. Wir reden nicht von Milliarden. Es sind ein paar Hundert Millionen, die man aufstocken müsste – das, was wir jetzt haben, einmal verdoppeln“, sagt Haid. Kann das der Staat tragen?

Eigentlich müsste er das können, denn diese potenziellen 200 Millionen Euro, die der ÖBVP fordert, stehen hohen Folgekosten psychischer Krankheiten gegenüber. Dazu gehören die direkten Kosten, also Geld, das der Staat aktiv für die Folgen psychischer Erkrankung ausgibt. Das sind beispielsweise Ausgaben für Reha, Krankengeld, Psychopharmaka. Hinzu kommen die indirekten Kosten. Sie entstehen, weil kranke Menschen beispielsweise oft nicht arbeiten gehen können. Dann sinkt einerseits das Bruttoinlandsprodukt, also der Wert aller in Österreich hergestellten Waren und Dienstleistungen. Andererseits nimmt der Staat weniger Steuern ein und verliert auch hier Geld. Das sind nur zwei Beispiele für indirekte Kosten. Steigt der Schweregrad der mentalen Erkrankung, sinkt folglich die Erwerbsfähigkeit dieser Person. Wenn Menschen aufgrund von psychischen Erkrankungen in den Krankenstand gehen, dann sind sie viel länger (ø 40 Tage) im Krankenstand als bei körperlichen Erkrankungen (ø elf Tage), besagt eine APA-Meldung aus dem Jahr 2019. Zwei Drittel aller Frühpensionierungen sind auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Das kostet. Die OECD geht in der Studie „Gesundheit auf einen Blick: Europa 2018“ von durchschnittlich vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts eines Landes aus. Im vergangenen Jahr kosteten psychische Krankheiten den Staat Österreich somit mehr als 16 Milliarden Euro. Kann das der Staat tragen?

Der ÖBVP fordert eine erhöhte Investition in kassenfinanzierte Psychotherapieplätze. Dadurch könnten auch die Folgekosten für den Staat reduziert werden.

Ärztlicher Befund

Szenenwechsel. In der fiktiven Ambulanz erlischen die Untersuchungslampen. Noch einen Befund für Patient, Therapeut und Staat schreiben, dann ist endlich Feierabend. Die Sorgenkinder schreien nicht mehr, sie haben den Ärzten gezeigt, wo es wehtut. Hin und wieder quengeln sie leise vor sich hin. Sie müssen warten; warten, bis ihr Rezeptantrag bestätigt wird. Auf eine Anfrage bezüglich einer Stellungnahme hat das zuständige Sozialministerium bisher nicht reagiert. Auch die Pressestelle der ÖGK wurde im Zuge dieses Texts um eine Stellungnahme gebeten. In dieser heißt es: „Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) hat in den vergangenen Jahren das Angebot für kostenlose Psychotherapie laufend erweitert und bietet nunmehr eine flächendeckende Versorgung der Versicherten und deren anspruchsberechtigten Angehörigen an.“ Für Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO, bedeutet eine flächendeckende Gesundheitsversorgung, dass jeder Mensch medizinische Versorgung in Anspruch nehmen kann, wann immer er sie benötigt. Er beschreibt damit kein ausnahmslos kostenfreies Versorgungssystem, sondern eines, das Menschen nicht in eine finanzielle Notlage bringt. Allein die beiden Patientinnen Vanessa und Laura sind Beispiele, die eine flächendeckende Versorgung Österreichs nach dieser Definition widerlegen.

Zu Beginn dieses Artikels hieß es „Therapie ist teuer“. Doch teuer ist relativ. Therapie ist nur teuer, wenn alles bleibt, wie es ist.

Generation Therapie

Gibt es die "Generation Therapie"?

Zur Psychotherapie geht vor allem die Generation „Work-Life-Balance“ samt ihrer erfundenen Probleme. Vorurteile wie diese machen die Runde – doch sind sie gerechtfertigt? Fest steht: In Österreich leidet fast jeder Zweite mindestens einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung.

Ein Blick auf die österreichische Gesellschaft, und es wird schnell klar: Nicht nur die jungen, sondern auch die älteren Generationen sind von psychischen Erkrankungen betroffen. Dabei ist die Häufigkeit in Bezug auf das Alter ausgeglichen. Viele Menschen haben das Gefühl, dass Menschen heutzutage anfälliger für psychische Erkrankungen sind. Ein immer häufiger auftretendes Gesellschaftsphänomen ist zum Beispiel das Burn-out-Syndrom. Auch wenn es bei dieser Erkrankung keine kassenfähige Diagnose gibt, sehen Experten und Expertinnen als Grund die steigende Überforderung im Berufsalltag.

 

Die Gesellschaft formt die Betroffenen

Psychische Erkrankungen sind nicht erst im 21. Jahrhundert entstanden.
Die meisten Erkenntnisse zu psychologischen Diagnosen wurden allerdings erst in den letzten 50 Jahren gewonnen. Der Begriff des Burn-outs wurde zum Beispiel erst in den 70er-Jahren häufiger verwendet. Damals herrschte die Stigmatisierung von Erkrankten deutlich stärker als heute. Aufklärung und wissenschaftliche Erkenntnisse rund um die Notwendigkeit der Psychotherapie waren in der Öffentlichkeit kaum vorhanden. Das hatte Auswirkungen auf den Umgang mit einer Erkrankung – nicht nur bei den Betroffenen.
 
Claudia R. ist 52 Jahre alt. Als sie jünger war, konnte sie sich nicht vorstellen, einmal zur Therapie zu gehen. Nun besucht sie seit mehr als zwei Jahren regelmäßig ihre Therapeutin, mit der sie über den Umgang mit ihrem Burn-out-Syndrom spricht. Im Interview erzählt Claudia über ihre Symptome und darüber, wie sich ihr Zugang zu dem Thema Psychotherapie in den letzten Jahren verändert hat. Ihr Name ist fiktiv, da sie anonym bleiben möchte:

Die Presse: Claudia, wie würdest du deinen Zugang zur Psychotherapie beschreiben?

Claudia R.: Vor dreieinhalb Jahren hatte ich die ersten Anzeichen von Burn-out. Ich war sehr schnell überfordert bei der Arbeit, war sehr müde und einfach nicht zufrieden mit allem, was ich gemacht habe. Ich bin erst davon ausgegangen, dass ich nur einen Tapetenwechsel brauche, dazu hatte ich aber nicht genug Energie. Eine Freundin besucht selbst die Therapie und hat mir ans Herz gelegt, dass ich das auch ausprobiere. Mir wurde gesagt, ich hätte ein Burn-out. Mittlerweile geht es mir deutlich besser. Die Therapie besuche ich jetzt noch einmal im Monat als eine Art Nachbehandlung.
 
Hattest du auch schon Anzeichen eines Burn-outs, als du noch jünger warst?

Nicht, dass ich wüsste. Ich war schon immer sehr perfektionistisch und hatte immer hohe Ansprüche an mich selbst. Ich glaube, das hat letztendlich zu dem Problem geführt. Ich weiß gar nicht, ob ich damals vor 30 Jahren schon wusste, was ein Burn-out ist.
 
Würdest du sagen, es gibt einen Unterschied, wie damals und heute mit dem Thema der psychischen Behandlung umgegangen wird?

Ja. Heute wird viel mehr über psychische Erkrankungen gesprochen. Damals war es auch nicht unbedingt ein Tabuthema, aber viel darüber gesprochen wurde nicht. Ich glaube, man wollte sich gar nicht damit beschäftigen. (lacht) Ich bin sehr beeindruckt, wie gut meine Kinder zum Beispiel mit dem Thema umgehen. Die sind jünger und kennen sich oft besser aus.
 
Sprichst du offen über deinen Besuch einer Therapie?

Meine Familie weiß Bescheid und meine engsten Freunde. Ich gehe jetzt nicht zu jedem hin und erzähle, dass ich in Therapie bin. (lacht) Meinen Tiefpunkt habe ich schon hinter mir – und darüber bin ich sehr froh. Nach meiner Ansicht sollte man offen darüber reden dürfen. Es gibt viele Menschen, die die Therapie besuchen sollten. Sie haben oft Angst, dass sie von Freunden verurteilt werden. Das ist berechtigt. Meine Tochter sagt aber immer: „Ich gehe ja auch zum Hausarzt, und das ist das Gleiche.“

Über die Erkrankung sprechen

Bei Menschen, die psychisch erkrankt sind, reagiert das Umfeld sehr unterschiedlich. Das führt häufig dazu, dass es ihnen schwerfällt, über ihre Erkrankung zu sprechen. Die Konsequenz daraus: Maßnahmen werden zu spät ergriffen und das Ausmaß der Erkrankung wird – auch von den Betroffenen – unterschätzt.
Eine Studie des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen zeigt, dass rund 63 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen ihrer Familie von ihrer psychischen Erkrankung erzählen würden. Mit Arbeitskollegen und -kolleginnen würden dagegen nur rund 21 Prozent offen sprechen.

Die Studie des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen verdeutlicht, dass Menschen, die Betroffenen nahestehen, eine hohe Verantwortung tragen. Ihre Reaktion hat eine erhebliche Auswirkung auf den Umgang mit einer psychischen Erkrankung. Wichtig dabei ist es, nicht auf eine Diagnose der Betroffenen zu warten, sondern ihnen auch bei Anzeichen einer Erkrankung zur Seite zu stehen.

Entwicklung der Diagnosen

Die Anzahl der Diagnosen für psychische Erkrankungen ist in den vergangenen 30 Jahren stark angestiegen. Während 1990 noch knapp über elf Personen je 1000 Einwohner arbeitsunfähig wegen einer psychischen Erkrankung waren, waren es der Statistik Austria zufolge 2021 bereits mehr als 38 Prozent.
 
Psychologen und Psychologinnen erklären den Anstieg von psychischen Erkrankungen mit dem wachsenden Leistungsdruck in der Gesellschaft. Häufig findet dieser am Arbeitsplatz statt, aber auch die nicht erfüllbaren Erwartungen an sich selbst stellen für viele Menschen ein Problem dar. In Österreich gibt es 23 anerkannte Methoden der Psychotherapie, die in vier Cluster aufgeteilt sind: psychodynamisch, humanistisch, verhaltenstherapeutisch und systemisch.  

Erkrankung ist nicht gleich Diagnose

Mit den Zahlen von Diagnosen muss allerdings vorsichtig umgegangen werden: Nicht jede Erkrankung führt zur Diagnose. Damals war der Zugang zur psychologischen Behandlung deutlich schwieriger als heute. Im Interview mit der „Südostschweiz“ erklärt der ehemalige Chefpsychologe der Psychiatrischen Dienste Graubünden Reto Mischol, dass Auffanginstitutionen besser aufgestellt seien. Daneben sei die Wahrnehmung der Gesellschaft sensibilisierter. Defizite würden besser erkannt, und heutzutage werde schneller Hilfe in Anspruch genommen. Es gibt mehr Hilfe für Betroffene – dementsprechend steigt die Zahl der Diagnosen.
In der Zeit der Digitalisierung erlebt die Gesellschaft eine hohe Beschleunigung. Mischol erklärt, dass dadurch vor allem die Anforderung an die Produktivität, die Flexibilität und die ständige Erreichbarkeit steigt.

„Was ist daran so schandhaft?“

Janina P. studiert Psychologie im Master. Sie ist 26 Jahre alt und möchte später selbst Psychotherapeutin werden. Als psychologische Assistentin bei der Agentur für Arbeit in Deutschland hat sie mit vielen Menschen zusammengearbeitet, die unter den unterschiedlichsten psychischen Problemen leiden. Als sie jünger war, besuchte sie selbst für zwei Jahre eine Psychotherapie. Im Interview erklärt sie aus Sicht der jüngeren Generation, wie sie selbst und ihr Umfeld mit der Situation umgegangen sind und wie sie die heute entstandene Öffentlichkeit zu dem Thema einschätzt.

Pauschalisieren wäre zu einfach

Menschen mit psychischen Erkrankungen gibt es in jeder Generation. Die Digitalisierung trägt dazu bei, dass sich die Gesellschaft im Hinblick auf ihre Flexibilität und ihre Produktivität anderen Herausforderungen stellen muss als damals. Die Wahrnehmung, dass Menschen heutzutage häufiger psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, ist nicht falsch. Es müssen verschiedene Aspekte beachtet werden, die dieses Phänomen erklären. Eine „Generation Therapie“ gibt es nicht.  Es gibt zwar mehr Diagnosen, aber ebenfalls mehr Möglichkeiten – für jede Generation.

Mentaler Absturz

Vorhang auf für Depression

Viele junge Talente suchen Erfüllung, Bestätigung und ihren Selbstwert im Leistungssport. Im Gespräch mit der „Presse" erzählt Sophia S. von ihrem Höhenflug im klassischen Ballett, ihrem Absturz in die Depression und ihrem Weg zurück ins Leben.

„Spann deinen Hintern an, es schwabbelt.” Sophia bricht ihre Drehung ab. Ihre Zehen bluten, ihre Füße schmerzen. An ihrer rechten Fußinnenseite färbt sich der Stoff ihrer Spitzenschuhe dunkelrot. Blutspuren zeichnen sich auf dem hölzernen Bühnenboden. „Was soll das? Geh wieder rauf!”, ruft ihr Coach. Sophia schüttelt den Kopf. Ihr Herz rast, ihre Füße schmerzen. Soll das das Leben sein? Der Vorhang öffnet sich.

Roland Scharf, Studio Alacrán

Heute ist Sophia 22 Jahre alt. Es war ihr Kindheitstraum, Ballerina zu werden. Mit elf Jahren begann sie tatsächlich zu tanzen. Viel zu spät, wie einige meinten. Doch Sophia hat Talent.

An einer professionellen Ballettakademie aufgenommen zu werden, war für Sophia der Beginn eines „Highs”, wie sie es nennt. „Das Tanzen war das Erste in meinem Leben, bei dem ich das Gefühl hatte: Endlich sieht mich jemand.” Seit dem Alter von dreizehn tanzte sie bei Wettbewerben und stand auf Podesten. Sie war immer eine der Besten.

Sophia bei einem internationalen Tanzwettbwerb.

Was Sophia damals nicht wusste: Die Aufnahme an eine renommierte Ballettakademie war nicht der Start eines Höhenfluges. Sondern eines Absturzes, dessen Auswirkungen sie bis heute spürt.

Im Zeitraffer erzählt Sophia, wie das Jahr 2017 ihr Leben veränderte. Sie erzählt von Glücksmomenten, Höhenflügen, vom Scheitern und von Abstürzen. Von Essstörungen, Selbsthass, Depressionen und Suizidgedanken. Sie erzählt, wie sie ihren Traum, Ballerina zu werden, überlebte.

Januar 2017

Die Kleinstadt, in der die 15-Jährige jeden Tag trainiert, versinkt in kühlem Neujahrsnebel. Mit strengem Dutt im Nacken steht Sophia fünfmal die Woche vor dem Spiegel im Tanzsaal. Ihre Spitzenschuhe haben rote Flecken. „Je ruinierter meine Spitzenschuhe sind, desto besser. Sie zeigen, dass ich viel trainiere”, erzählt sie.

Im Februar findet die Aufnahmeprüfung an einer Wiener Ballettakademie statt. Dafür muss sie fast jeden Tag trainieren. Trotz ihres Könnens mangelt es ihr an Selbstbewusstsein: „Ich weiß, dass ich viele Voraussetzungen habe, um Ballerina zu werden, aber die Beste bin ich nicht.” Ihr Umfeld motiviert sie, doch das genügt ihr nicht. Was zählt, ist allein die Meinung ihrer Trainerin.

Leistungssport, Essstörung, Depression

„Spitzensportler messen sich über ihre Leistung. Viele holen sich ihren Selbstwert durch sportliche Erfolge und die Anerkennung ihrer Trainer”, sagt Thomas Brandauer. Der Sportpsychologe ist vorwiegend in der sportpsychologischen Beratung und Betreuung von Einzel- und Mannschaftssportlern tätig. Dass psychische Erkrankungen im Spitzensport tabu sind, erzählt Brandauer aus Erfahrung. In seiner Arbeit mit jungen Talenten erlebt er vor allem eines: fehlende Einsicht. „Viele Spitzensportler wollen kein mentales Coaching. Sie ignorieren Warnsignale, sind äußerst konsequent und resilient. Schlechte Phasen werden schnell übersehen, bis ernst zu nehmende psychische Störungen auftreten”, sagt er.

So hat auch der Profischwimmer und Olympiasieger Michael Phelps Warnsignale übersehen. Phelps zählt zu den erfolgreichsten Spitzensportlern weltweit: Der US-Amerikaner gewann 28 Olympia-Medaillen, darunter 23 goldene. Nach den Olympischen Spielen 2012 in London soll der Schwimmer tagelang sein Hotelzimmer nicht verlassen, wenig geschlafen und kaum gegessen haben. Um auf die Tabuisierung von psychischen Erkrankungen im Spitzensport hinzuweisen, sprach er später öffentlich über seine Depression.

Was passiert, wenn Warnsignale ignoriert werden, zeigte die Tragödie des deutschen Fußballtorwarts Robert Enke. Der Spitzensportler erbrachte Topleistungen. Doch sportlichen Erfolgen standen private Schicksalsschläge und eine schwere Krankheit gegenüber: Er litt an Depressionen. Am 10. November 2009 starb Enke. Er beging Suizid.

Trainer, gib mir Selbstwert

„Ich hatte viele Patienten, die im Leistungssport einen Weg suchen, ihren Selbstwert zu stabilisieren.” Brandauer zufolge handelt es sich dabei oft um einen Ausgleichsmechanismus für frühkindliche Mangelsituationen. Generalisieren dürfe man jedoch nicht, betont Brandauer: „Unter dem Strich kann man aber sagen: Leistungssport kann ein Ventil sein, um Selbstwertkomplexe auszugleichen und wackelnde Identitäten zu stärken.”

Doch wie entsteht Selbstwert, und was ist das eigentlich? Sportpsychologe Brandauer erklärt: „Psychische Gesundheit bedeutet, ein Wohlbefinden im Leben wahrzunehmen: Mental gesunde Menschen sind in Balance mit täglichen Anforderungen und haben einen stabilen Selbstwert.” Dieser nährt sich zum einen aus dem Urvertrauen, das im Kindesalter aufgebaut wird: „Menschen, die in frühen Entwicklungsphasen viel Urvertrauen gewinnen und in einem stabilen Umfeld aufwachsen, gehen mit einer guten Basis ins Leben.” Im Gegensatz dazu tendieren Menschen aus einem isolierten Umfeld mit wenig Urvertrauen dazu, psychische Störungen zu entwickeln.

„Zum anderen speist sich unser Selbstwert aus der Leistungssäule, die in unserer Gesellschaft eine wesentliche Rolle spielt”, sagt Brandauer. „Wir lernen, unseren Selbstwert über erbrachte Leistungen oder über die Anerkennung von Bezugspersonen zu stabilisieren. Beginnend bei den Eltern, über Lehrer in der Schule bis zu Trainern im Leistungssport.” Bröckelt die Leistungssäule, kann auch die psychische Gesundheit junger Sportler zu bröckeln beginnen. Jeder rund zehnte Leistungssportler berichtet von Depressionen, wie eine Studie der Deutschen Sporthochschule Köln aus dem Jahr 2013 zeigte. Unter den tausend befragten Leistungssportlern litten 9,3 Prozent an Depressionen, 9,6 Prozent an einer Essstörung. 11,4 Prozent gaben an, bereits ein Burn-out erlitten zu haben.

Im Jänner 2017 versucht auch Sophia, ihre Leistungssäule zu stabilisieren. Während sie für die Aufnahmeprüfung trainiert, tut sie viel für die Aufmerksamkeit ihrer Trainerin. Viel tun heißt auch: wenig essen.

Februar 2017

Der Tag der Aufnahmeprüfung: In einer Wiener Ballettakademie wird Sophia auf Technik, Dehnbarkeit und Durchhaltevermögen geprüft. Die Rückmeldung: Sophia hat es geschafft. Sie darf eine professionelle Ballettausbildung beginnen. Unter einer Bedingung: Sie muss abnehmen.

Aktuell wiegt Sophia 54 Kilogramm bei einer Körpergröße von 169 Zentimetern. Um die Ausbildung beginnen zu dürfen, muss sie ein Gewicht von 49 Kilogramm erreichen. Die Regel lautet: Körpergröße minus 120. Ballerinas müssen sich ausnahmslos daran halten, unabhängig von Körperbau, Muskeln, Hormonstatus oder sonstigen Einflussfaktoren. Für Sophia ist das vorerst keine Herausforderung:

Fakten

Gemessen wird körperliche Gesundheit unter anderem am Body Mass Index (BMI), dem Verhältnis des Körpergewichts zur Körpergröße zum Quadrat. Im Leistungssport sollten normalgewichtige Frauen über einen BMI von 17,5 bis 24 verfügen. Als Sophia im Februar ihre Ausbildung beginnt, liegt ihrer bei 17.

Das Spiel mit Sport und Essen

Durch eine gesteuerte Gewichtsabnahme erhoffen sich viele Sportler bessere körperliche Leistungen. Restriktives Essen kann folglich zu sportinduzierten Essstörungen wie Bulimie (Fress-Brech-Sucht) oder Anorexie (Magersucht) führen. Brandauer zufolge betrifft dies vor allem Sportarten mit Fokus auf Relativkraft, also dem Verhältnis von Maximalkraftleistung und Körpermasse. Das sind vor allem Disziplinen mit Gewichtsklassen, wie Klettern, Judo oder Skispringen, oder ästhetische Sportarten wie Tanz und Rhythmische Sportgymnastik.

Dass auch Sophia Betroffene einer sportinduzierten Essstörung sein wird, ahnt sie im Februar 2017 nicht. Gerade ist sie auf einem Höhenflug und ignoriert das Absturzrisiko.

März 2017

Wien. Sophia ist vormittags in der Schule, nachmittags im Training. Zeit für soziale Kontakte hat sie kaum. An Wochenenden macht sie ausgedehnte Spaziergänge. Ihre Depression zeigt sich schon beim morgendlichen Blick in den Spiegel. Sophias Augen sind leer, ihr Gesicht fahl, ihre Wangen hängen nach innen, und ihr Mund hat schon seit Wochen nicht mehr gelacht. Ihr Blick ist vernebelt, ihr Körper kraftlos. Sie kann nicht stillsitzen, sie verspürt den Zwang, sich ständig zu beschäftigen, zu bewegen und besser zu werden. Wenn sie allein ist, wird sie noch depressiver. Oder noch schlimmer: Sie fängt an zu essen.

Schnell wird Sophia klar: Sie braucht mentale Unterstützung. Einen Mental- und Ernährungscoach, um den Trainingsalltag zu meistern. Doch Mental- oder Ernährungsberatung bietet die Ausbildung von Sophia nicht an. Es liegt also in der Verantwortung der jungen Mädchen zu wissen, wie sie das geforderte Gewicht erreichen. Sophia kauft sich also ein Buch, in dem sie eigene Essenspläne schreibt. Morgens Haferflocken und Obst, mittags ein Apfel oder Salat, abends fasten. Sophia beginnt zu experimentieren. Was sie nicht merkt: Ihre Essstörung experimentiert mit ihr.

Um nicht zuzunehmen, isst Sophia vorwiegend Haferflocken, Salat, Gemüse und Obst mit wenigen Kalorien wie Beeren, Wassermelonen oder gelegentlich einen Apfel. Schon zwei Äpfel vor dem Training sind für Sophia zu viel. Sie hat Angst vor Kalorien und verbannt Lebensmittel kategorisch. In ihrer Ausbildung lernen die Mädchen, dass nur dünne Tänzerinnen erfolgreich sind: „Alles, was zählt, ist dein Spiegelbild, die Meinung deiner Trainerin und das Besser-Sein als andere.” Sophia hat Angst vor dem Training und Angst vor dem Spiegel im Tanzsaal. Sie hat Angst davor, weder dünn noch gut genug zu sein. An einem Wochenende im März 2017 hat sie ihre erste Fressattacke:

Alarmglocken überhören

„Sportler sind geübt darin, mental und körperlich stark zu sein”, erklärt Brandauer. „Sie unterschätzen Warnsignale, ignorieren Symptome und gleichen sie mit exzessivem Training aus. Die Alarmglocken läuten viel später als bei normalen Menschen, wenn professionelle Hilfe schon lang notwendig wäre.” Sophia will die Warnzeichen weiter ignorieren, doch ihr Körper schlägt Alarm.

April 2017

Sophia beginnt zu laufen. Ein klassischer Eskapismus, wie ihn Brandauer nennt: „Sport hat eine stabilisierende Funktion: Zum Beispiel laufen Menschen mit Anorexie sehr viel, da das Laufen depressive Verstimmungen zumindest temporär weniger spürbar macht.” Ab einem bestimmten Körpergewicht aber entstehen depressive Störungen, die ohne medikamentöse Behandlung oder professionelle Hilfe nicht mehr ausgleichbar sind.

Leiden und Kontrollverlust

Knapp zwei Monate nach Beginn ihrer Ausbildung hat Sophia einen Nervenzusammenbruch. Sie verspürt intensiven Hass auf sich selbst: „Ich dachte mir: Warum schaffe ich es nicht, für meine Leidenschaft zu leiden?” Sophias Abstürze häufen sich. Sie recherchiert, wie sie noch mehr Gewicht verlieren kann, schreibt Essenspläne, die sie für kurze Zeit einhält, bevor sie wieder scheitert.

Sophia verliert das Gefühl für normale Portionen. Entweder isst sie nichts oder übermäßig viel. Allein der Geruch frisch gekochten Essens triggert sie. „Meine Fressattacken waren wie ein innerliches Schreien. Wie ein Ventil, über das ich den Druck, der auf mir lastete, abbauen konnte.“

Nach ihren Fressattacken kommt das Schuldgefühl: Sophia schämt sich für ihr Verhalten, ihre fehlende Disziplin, ihren Kontrollverlust. Um schnell Kalorien zu verbrennen, badet sie in Eiswasser. Langsam merkt sie: Sie braucht Hilfe.

Sophia wünscht sich mentale Unterstützung, doch sie will nicht um Hilfe bitten, empfindet das als Zeichen von Schwäche. Ihre Ballettakademie bietet keine Mental-Coachings an. Im Leistungssport ist das auch nicht die Norm. „Mental- und Ernährungsberatung spielen im Spitzensport oft keine Rolle. Wenn das Trainerteam psychische und diätologische Betreuung nicht in den Trainingsplan inkludiert, sind junge Sportler sich selbst überlassen”, sagt Brandauer.

Sophia weiß, dass es an anderen Ballettakademien auf Nachfrage die Gelegenheit gibt, mit Mentaltrainern zu reden. Im Gespräch mit Tänzerinnen anderer Ballettschulen erfährt sie, dass dieses Angebot jedoch nur selten wahrgenommen wird. Sophia erzählt: „Es ist schon ein Zeichen von fehlender Stärke, wenn man mit so einem Coach spricht. Im Endeffekt haben mir viele erzählt, dass es jedem egal ist. Was zählt, ist die Meinung deiner Trainer und die physische Leistung, die du im Training erbringst. Wie es dir psychisch dabei geht, das sollte dir egal sein, wenn du Ballerina werden willst.“

Mai 2017

Sophia verletzt sich am großen Zeh. Ein Ermüdungsbruch. Sie darf keine Spitzenschuhe mehr tragen. Würde sie sich dem Verbot widersetzen, stünden ihr langfristige gesundheitliche Schäden bevor. Doch Sophia trainiert vorerst weiter:

Hannah Wasserfaller

Nicht nur Sophias Zehenbruch belastet ihre Gesundheit: Ihre Essstörung ist ausgeprägter denn je. Sie kann sich nicht mehr im Spiegel sehen, verliert Vertrauen und Selbstbewusstsein. Ihre Verletzung ist ihr Hilfeschrei, ihr Notfallknopf. Ihr persönlicher Versuch, dieser toxischen Welt, wie sie sie nennt, zu entkommen.

Der Anfang vom Ende

Sophias psychische und körperliche Gesundheit erreichen ihren vermeintlichen Tiefpunkt. Nach mehreren Zusammenbrüchen, Fress- und Panikattacken sowie einigen Arztbesuchen beschließt sie, ihre Ballettausbildung abzubrechen. Sophia fährt zurück nach Hause. Über die kommenden Monate wird sie noch tiefer in die psychische Störung stürzen.

Sommer 2017

In den Sommermonaten versucht Sophia, in ihrer Heimat weiterzutanzen. Gleichzeitig kommt die Erleichterung: Sophia kann wieder essen. Sie denkt, dass sich ihre Essstörung mit dem Entschluss, nach Hause zu gehen, in Luft auflöst. Doch sie liegt falsch:

Herbst 2017

Sophia verfällt in eine anorektische Phase. Ihr wird ständig schwarz vor Augen, die Zahl auf ihrer Waage rutscht nach unten, Brechanfälle werden zur Norm. Im Herbst hat sie erste Suizidgedanken.

Hilfe von außen

Als die Schule wieder beginnt, bemerken Freunde und Lehrer, dass es Sophia nicht gut geht. Sie schicken sie zu einer Psychotherapeutin. Das Fazit: Ihre psychische Erkrankung ist so stark ausgeprägt, dass sie nur der Aufenthalt in einer Klinik retten kann. Dass Sophia ein Problem hat, erkennt sie nicht:

In der Klinik erfährt sie, wie kritisch ihr Zustand ist. Durch ihre Brechanfälle ist ihre Speiseröhre verätzt. Sie braucht medizinische Behandlungen, um zu überleben:

Der Weg zurück ins Leben

Nach ihrem Klinikaufenthalt hat Sophia zwei Jahre Tanzverbot. Zweieinhalb Jahre geht sie in Therapie – mit Diätologin und Essensplan. Der Weg zurück ins Leben ist anstrengend:

Heute studiert Sophia Lehramt für Primarpädagogik und unterrichtet an zwei Tanzschulen. Sie will junge Tänzer vor dem Fehler bewahren, der ihr 2017 passiert ist: „Ich möchte, dass niemand für seine Leidenschaft leiden muss. Du kannst deine Höchstleistung auch erreichen, ohne körperlich und mental gebrochen zu werden.”

Sophia erinnert sich an eine Bühnenprobe: „Ihr seid nicht hier, um aufzuhören!”, schreit ihr Coach. Sophia spürt jetzt: Es reicht. Sie öffnet den Knoten ihrer Spitzenschuhe, wischt über die Blutspuren auf dem Bühnenboden und dreht ihren Kopf Richtung Ausgang. Haarsträhnen fallen aus ihrem strengen Dutt, ihre große Zehe pocht, ihre Strumpfhose reißt. Das ist das Leben. Der Vorhang fällt, die Vorstellung ist vorbei.

 

Physiotherapie

Physiotherapie und das Karriereende des Robert Almer

Der ehemalige Tormann der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft Robert Almer spricht über seine Rehabilitationsphase nach seiner schweren Knieverletzung. Physiotherapeutin Inge Gayer und Sportphysiotherapeut Sebastian Mitter erzählen mehr zum Thema.

Es war im Oktober 2016, als Robert Almer bei einem Europa-League-Spiel der Wiener Austria gegen die AS Roma in Rom mit einer schweren Knieverletzung vom Platz musste. „Ich bin nicht so wehleidig, aber das hat schon richtig wehgetan“, sagt Robert Almer über den Moment, der das Ende seiner Karriere als Profifußballer bedeutete. Ein Schubladentest vor Ort genügte, um festzustellen, dass das Kreuzband gerissen war.

Am Tag nach dem Spiel flog Almer zurück nach Österreich. Es ging direkt zum MRT. „Es stellte sich heraus, dass das vordere Kreuzband komplett durch war. Das hintere war überdehnt, Innen- und Außenbänder eingerissen, und der Meniskus auch.“

Kurz darauf wurde der ehemalige Tormann der österreichischen Nationalmannschaft auf eigenen Wunsch in Augsburg operiert. Die Mediziner rechneten mit einer Rehabilitationsphase von etwa neun Monaten. Das Band brauche seine Zeit, um auszuheilen. „Wir (Sportler, Anm.) sind oft schon viel früher dran, durch Training, durch Muskelaufbau, als es medizinisch sinnvoll wäre“, sagt Almer.

Therapiephase

Nach der OP wurde ein erster Therapieplan für vier bis acht Wochen erstellt. Während dieser Entzündungsphase gehe es in erster Linie darum, die Entzündung ausklingen zu lassen und die Wundheilung sicherzustellen, sagt Almer. Wichtig sei, dass das Ersatzkreuzband gut einwachsen kann.

In den ersten beiden Wochen nach der Operation sollte das Knie gar nicht belastet werden, erzählt Almer. Danach durfte es zwei Wochen lang teilweise und irgendwann voll belastet werden. Bei einer Kreuzbandverletzung sei zu beachten, dass man nicht gleich in die volle Hocke gehen sollte, weil dies die Heilungsphase beeinflussen könnte, sagt der ehemalige Profifußballer.

Bei Leistungssportlern werde sehr viel individuell gearbeitet, sagt Almer. Lymphdrainage, Minderung der Schwellung und leichte Bewegungsübungen hätten ihn in der ersten Phase der Therapie passiv unterstützt. Dann folgte Elektrostimulation. Nach vier Wochen begab sich Almer schließlich in ein Rehabilitationszentrum in Deutschland.

Acht bis zehn Stunden am Tag arbeitete der heute 39-Jährige an seinem Comeback. Neben Behandlungen stand auch das Training verschiedenster Muskelgruppen auf dem Programm. Die Muskeln im Bein sollten langsam wieder aufgebaut werden.

Mit dem Ziel, den verletzten Meniskus „so gut wie möglich zu erhalten“, wurde im Februar 2017, etwa vier Monate nach der Verletzung, eine zweite Operation durchgeführt. Doch die Schmerzen wurden nicht weniger. Eine Belastung des Kniegelenks unter Zuhilfenahme von Medikamenten und Schmerzmitteln hat „nicht ganz so funktioniert“. Es stellte sich heraus, dass der ehemalige Nationaltormann eine komplette Knorpelablösung am Knie hatte.

„Ein Teil des Oberschenkelknochens ist dort abgestorben. Durch das hat sich der Knorpel gelöst“, schildert Almer.

Nach weiteren Monaten der Therapie entschied sich der Sportler zu einer Knorpeltransplantation mit einer Erfolgschance von 50 Prozent. Es war Operation Nummer drei.

Er habe es noch sechs weitere Monate probieren wollen, „und wenn es nicht mehr geht, dann ist das das Karriereende“, sagt Almer.

Nach 19 Monaten der Rehabilitationsphasen und drei Operationen trat Robert Almer im Juni 2018 zurück. Das Comeback war nicht mehr möglich.

Mentale Komponente

„Wenn man merkt, dass immer wieder Rückschläge kommen, wird es mühsamer. Man sieht, dass die Mannschaft ins Trainingslager fährt. Du bist in der Reha, und es kommen die ersten Meisterschaftsspiele“, erzählt Almer. Das sei eine nicht gerade angenehme Situation. Das konkrete Ziel zu verfolgen, wieder auf dem Platz zu stehen, helfe sehr.

Physiotherapie für Sportler

Sebastian Mitter arbeitet seit drei Jahren als Physiotherapeut im Orthopädischen Spital Speising. Nebenbei betreut er vier Mal in der Woche die U15-Mannschaft von Rapid Wien. Er und seine Kollegen sind als Physiotherapeuten die ersten Ansprechpersonen, wenn sich ein Spieler beim Spiel oder dem Training verletzt.

Im Falle einer Operation orientieren sich die Physiotherapeuten bei der Erstellung eines Therapieplans an den Vorgaben des Arztes. Bei einer Kreuzbandverletzung gehe es anfangs darum, dass man die Zeit abwarte, in der die ärztlichen Vorgaben gelten, „und dass man versucht, die volle Beweglichkeit des Kniegelenks wieder zu erreichen. Da ist am Anfang ganz wichtig, dass die Schwellung zurückgeht. Dann geht es weiter mit einem Kraftaufbau“, sagt Mitter.

Leistungssport versus Hobbysport

Leistungssportler hätten ein besseres Bewegungsgefühl, und auch die Versorgung für diese sei viel besser als etwa für Hobbysportler, sagt Mitter. „Dadurch, dass sie vor der Verletzung auf Leistungsniveau trainiert haben, steigen sie auch nach der Verletzung auf höherem Niveau wieder ein. Deshalb macht man da schnellere Fortschritte.“

Ähnlich sieht das Inge Gayer, Physiotherapeutin in Perchtoldsdorf. Leistungssportler könnten schneller wieder fit werden, auch weil sie generell fitter seien. Wahrnehmung der Körperstrukturen, Balance, die Fähigkeit, einfache Bewegungen umzusetzen, „das ist bei jemandem, der sich regelmäßig mit seinem Körper auseinandersetzt, auf einem ganz anderen Level als bei jemandem, der sagt: ,Ich habe Spaß dabei, mich zu bewegen‘, aber sich dann eigentlich erst durch die Verletzung kennenlernt.“

Methoden für jeden und jede, Verletzungen vorzubeugen?

Genauso wie es eine Ernährungspyramide gibt, sagt Gayer, gebe es auch eine Pyramide, „bei der man sich vorstellt, wie man eigentlich den Alltag gestalten sollte. Da hast du die allgemeinen Bewegungen in der Basis. Denn es gibt Leute, die gehen keine 400 Meter am Tag. Ich muss nicht jeden Tag ein Krafttraining machen, aber ich sollte in Bewegung bleiben.“

Jeder sollte Bewegungen in den Alltag einfließen lassen, „sich lang machen, groß machen, strecken“. Vor dem Sport sollte man sich aufwärmen und nicht direkt auf das Spielfeld rennen, empfiehlt die Physiotherapeutin. Bei kurzen Wegen könnte man auf das Auto verzichten und stattdessen zu Fuß gehen.

Wer braucht Physiotherapie?

Potenziell kann jeder Mensch eine Diagnose erhalten, mit der er oder sie zur Physiotherapie überwiesen wird. Inge Gayer therapiert Menschen ab dem vierten Lebensjahr. Der große Teil sind junge Erwachsene und Senioren.

Nackenschmerzen und Schmerzen im Lendenbereich sind sehr häufige Ursachen für eine Überweisung zur Physiotherapie. Als Physiotherapeutin müsse Gayer dann herausfinden, was der Hintergrund der Beschwerden ist. „Wenn du beginnst, mit den Leuten zu arbeiten, dann kommst du vielleicht drauf, dass derjenige in der Vergangenheit einen Skiunfall hatte, sich seinen Unterschenkel gebrochen hat, seitdem Bewegungseinschränkungen im Sprunggelenk hat, und dann hat sich ein anderes Problem draufgesetzt“, schildert Gayer.

Mit einer ärztlichen Zuweisung beginnt die Arbeit einer Physiotherapeutin oder eines Physiotherapeuten. In Österreich gibt es Verordnungsserien von zehn Einheiten. Wenn man sich für eine Wahl-Physiotherapeutin oder einen Wahl-Physiotherapeuten entscheidet, dann kann man einen Teil der Behandlungskosten von der Krankenkasse zurückbekommen. In Vertragsinstituten besteht aber auch die Möglichkeit, sich behandeln zu lassen.

„Der Stellenwert der Physiotherapie ist größer geworden“, sagt Gayer und merkt an, dass viele Sportler nach ihrer Karriere ebenfalls die Ausbildung der Physiotherapie machen wollen. Und wie es der Zufall so will, erwähnt Robert Almer während des Interviews ganz nebenbei, dass er wahrscheinlich auch mit dem Studium der Physiotherapie anfangen möchte aufgrund seiner eigenen Erfahrungen.

Gewonnene Agilität

„Das Problem ist nicht gelöst, und der Schaden bleibt auch in der Form. Es ist nur eine Frage der Zeit oder ein Hinauszögern des künstlichen Kniegelenks. Mir geht es jetzt aktuell gut. Natürlich ist das Knie immer wieder dick, wenn es ein bisschen zu viel belastet wird, aber therapietechnisch mache ich alles selbst“, sagt Almer. „Bei den Austria-Legenden habe ich jetzt einmal ein Spiel mitgemacht. Dann braucht man aber eine Woche oder zwei Wochen Pause. Es würde natürlich kitzeln, es würde Spaß machen, aber wenn die Schmerzen dementsprechend hoch sind, dann ist es schwierig. Und wenn dir dann der Zweijährige im Garten davonläuft, weil du gar nicht laufen kannst, stimmt das schon nachdenklich“, so Almer. Deswegen sei er heute froh darüber, dass er sich zumindest ein bisschen bewegen und in der Freizeit hin und wieder etwas mit den Kindern unternehmen könne. „Auch wenn ich dann ein paar Tage Pause brauche. Diese gewonnene Agilität will ich mir einfach auch für später bewahren. Weil ich weiß: Ohne dass ich wirklich aktiv körperlich etwas mache, wird es nicht besser werden.“

 

Physiotherapie

Physiotherapie arbeitet mit Bewegung und dient der Behandlung und der Vorbeugung von körperlichen Beschwerden. Sie wird von ausgebildeten Physiotherapeuten durchgeführt und gilt als Alternative oder Ergänzung zu operativen Behandlungen.
Kältetherapie

Was Kältetherapie wirklich bringt

Tibetische Mönche, die leicht bekleidet im Schnee meditieren, Wim Hof, der 112 Minuten im Eis steht, und etliche weitere, die nach einer harten Trainingseinheit ein Eisbad nehmen, wollen es: sich die positiven Effekte der Kälte zunutze machen. Doch wie gesund ist das? Molekularbiologe Bernd Kerschner gibt Antworten.

Halbnackt und mit bunter Mütze einen schneebedeckten Berg bei Minusgraden und schneidendem Wind besteigen – das ist für den „Iceman“ Wim Hof nichts Besonderes. Ein Beispiel davon gibt es etwa in der Dokumentation „Becoming Superhuman with Ice Man – Wim Hof“ zu sehen. Seinen Spitznamen hat sich der niederländische Extremsportler mit allerlei Weltrekorden verdient. So ist Hof etwa einen Halbmarathon nördlich des Polarkreises barfuß und mit Shorts gelaufen und 66 Meter mit angehaltenem Atem unter einer Eisschicht durchgeschwommen. Dass ihm das möglich ist, führt der 63-Jährige auf seine selbst entwickelte Technik zurück, die Wim-Hof-Methode (WHM). Diese besteht im Grunde aus drei Säulen – Atemtechnik, Meditation sowie kalten Duschen und Eisbädern. Die Methode lehrt Hof seit vielen Jahren allen Interessierten, die in den Genuss von zahlreichen gesundheitlichen Vorteilen kommen wollen. Die WHM helfe gegen Autoimmunkrankheiten, bei Schmerzen bei Migräne und lindere Arthritis, ist etwa auf der Webseite des Iceman zu lesen.  Sie liefere einem demnach auch mehr Energie und einen besseren Stoffwechsel – und mache außerdem rundum glücklicher.
 
All diese beworbenen Benefits der Methode seien außerdem in diversen wissenschaftlichen Studien bestätigt worden, wie Wim Hof nicht müde wird zu erwähnen. Der Molekularbiologe Bernd Kerschner von der Donau-Universität Krems sieht das jedoch skeptisch: „Ich glaube, Wim Hof ist einfach gut darin, das als ‚Zaubermethode‘ zu vermarkten. Diese Behauptungen, die er da aufstellt, lassen sich größtenteils nicht belegen.“ Kerschner ist Leiter des Faktencheck-Portals medizin-transparent.at, bei dem er u.a. an Artikeln zu Kältetherapie und über die Wim-Hof-Methode gearbeitet hat. Letzterer widmet sich der Frage, ob die WHM das Immunsystem stärken und Infektionskrankheiten vorbeugen kann – wie Hof es behauptet. Dafür hat sich Kerschner die Forschung zu der Methode angesehen und das Fazit gezogen, dass die derzeitige Studienlage mangelhaft ist: Die bisher publizierten Studien seien nicht aussagekräftig, was die Wirkung der WHM auf das Immunsystem angeht.
 
Eine solche Studie, die Hof gern als Beweis dafür nimmt, dass seine Methode gegen Infektionskrankheiten hilft, wurde 2014 an 30 gesunden, jungen Männern durchgeführt. 18 von ihnen trainierten zehn Tage lang mit Wim Hof: Meditieren im Schnee, Atemübungen, Yoga und eine Bergtour in kurzen Hosen waren Teil des Programms. Die Kontrollgruppe war nicht bei dem Training dabei. Im Anschluss wurde den Probanden ein ungefährliches Bakteriengift injiziert, das für einige Stunden grippeähnliche Symptome auslöst. Tatsächlich war die Reaktion der Wim-Hof-Alumni auf das Bakteriengift tendenziell geringer als bei der Kontrollgruppe. Allerdings wurden auch drei der zwölf Probanden der Kontrollgruppe ausgetauscht, da sie den Autoren zufolge ebenfalls nur schwache Symptome zeigten. Außerdem ist die Studie mit nur 30 Teilnehmern recht klein angelegt und kann nicht beantworten, ob das Kältetraining überhaupt eine Auswirkung auf die Ergebnisse hatte. Die Studienautoren gehen selbst davon aus, dass vor allem die Atemtechnik ausschlaggebend war.

Kälteresistente Zwillinge

Der Molekularbiologe hat sich aber nicht nur den Effekt der Wim-Hof-Methode auf das Immunsystem angesehen, er hat auch Studien zur Wirkung auf die Kälteresistenz begutachtet. Insbesondere eine Untersuchung habe die Wirksamkeit des Kältetrainings infrage gestellt: eine 2014 erschienene Studie, die die Kälteresistenz von Wim Hof und seinem genetisch identen Zwillingsbruder erforschte. Im Gegensatz zum Iceman hatte sein Bruder noch keinerlei Kältetraining gemacht. So sollte erforscht werden, ob Hofs Kälteresistenz vor allem genetisch bedingt ist oder Umwelteinflüsse – sein Training – eine größere Rolle gespielt haben. Die Brüder wendeten die Atemtechnik des Iceman an und wurden unter mildem Kälteeinfluss getestet. Dabei zeigte sich ein grober Unterschied zwischen den Hofs und früher untersuchten Männern: Die Brüder hatten einen weit höheren Anteil von braunem Fett, das bei der Regelung der Körpertemperatur entscheidend ist. Zwischen den Zwillingen gab es jedoch keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich ihrer Kälteresistenz. Molekularbiologe Kerschner meint: „Dieser Vergleich hat gezeigt, dass Training nicht alles sein kann. Ich will mich nicht versteifen und sagen, Gene sind alles und Training nichts, aber es gibt Grund zur Annahme, dass Genetik in diesem Fall eine Rolle spielt.“ Er warnt aber auch, dass eine Studie an nur einem Zwillingspaar nicht sonderlich aussagekräftig ist.
 
Wim-Hof-Method-Instructor Marcus Bernhardt sieht das anders. Er praktiziert die Methode schon jahrelang nahezu täglich und bietet als zertifizierter Instructor auch Kälte- und Atemtrainings in der Wiener Krieau an. Angefangen hat Bernhardt mit drei Eisbädern und Atemsessions am Tag, seitdem tritt er zwar ein wenig kürzer, seine Leidenschaft für die Methode hat jedoch nicht abgenommen: „Geblieben bin ich bei der WHM, oder bei der Kälte und bei der Atmung, weil die Effekte auf mein Leben, meine Psyche und meine Gesundheit einfach phänomenal sind, nach wie vor.“ Bei einer Intensivwoche in Polen mit Wim Hof und hundert anderen aus der ganzen Welt fand der Trainer heraus, dass Menschen eigentlich gut mit Kälte zurechtkommen, aber „dass wir offenbar hoffnungslos verwöhnt sind“. Für ihn ist es auch gar nicht so wichtig, sich bei einem Eisbad „abzuhärten“, im Gegenteil: „Gerade bei der Atmung geht das Herz auf und man wird weicher und sensibler.“ Im Video geht Bernhardt darauf ein, was die Wim-Hof-Methode ausmacht und wie Interessierte am besten ihr erstes Eisbad angehen.

Ein kurzer Rückblick

Kälte wird in der einen oder anderen Form wohl seit rund 5000 Jahren als Therapie für verschiedene Gebrechen eingesetzt. Eine der ersten schriftlich festgehaltenen Erwähnungen von Kälte als Therapiemöglichkeit findet sich im Edwin-Smith-Papyrus, der rund 3500 v. Chr. entstand. Erst Tausende Jahre später fand Kältetherapie wieder Erwähnung, und zwar bei dem griechischen Arzt Hippokrates. Auf der einen Seite beschrieb er, dass Kälte beispielsweise zu Tetanus führe und schlecht für Knochen, Zähne, Nerven und das Gehirn sei. Andererseits verwendete er Eis und Schnee, um Blutungen zu stillen, und verabreichte kaltes Trinkwasser zum Senken von Fieber. Auch manche tibetischen Mönche praktizieren schon seit Tausenden Jahren eine Art Kältetraining. Sie haben die Tummo-Atemtechnik entwickelt, die es ihnen erlaubt, die Temperatur in ihren Fingern und Zehen um bis zu acht Grad Celsius zu erhöhen. Auf diese Art und Weise können sie im Schnee des Himalayas meditieren, während sich um sie herum langsam ein trockener Kreis bildet.
 
In der jüngeren Geschichte – um die Zeit im 18. Jahrhundert, als Badeorte beliebter wurden – verschrieb der schottische Arzt William Cullen kalte Bäder und Kaltwasser-Einläufe gegen eine Vielzahl von Gesundheitsproblemen. Ähnlich wie Hippokrates argumentierte er, dass ein wenig kaltes Trinkwasser gegen Fieber helfen würde. Würde man sich jedoch umgekehrt zu viel Kälte aussetzen, könne das ebenfalls zu Fieber führen. Aber Kältetherapie wurde nicht immer nur zur Verbesserung der Gesundheit verwendet: Im 19. Jahrhundert setzten Irrenanstalten kalte Duschen oder Bäder ein, um ihre Patientinnen und Patienten zu „heilen“. Dieser plötzliche Schock brachte Sodbrennen und Übelkeit mit sich, was laut einigen damaligen Ärzten hilfreich sein sollte. In einer extremeren Variante davon setzte man Personen in der Mitte eines Flusses oder Sees aus, von wo sie allein zum Ufer zurückschwimmen mussten. Diese Prozeduren sollten die Patientinnen und Patienten gefügiger machen und ihre Libido und Erregtheit dämpfen.

Zurück in die Gegenwart

Im 21. Jahrhundert wird Kälte in Form von therapeutischer Hypothermie – etwa mittels Eisbeuteln – bei Wiederbelebungen eingesetzt. Aber auch eine alternative Therapieform wird immer beliebter: Kryotherapie. Dabei steht man für rund drei bis fünf Minuten halbnackt in einer Kabine, in der es ca. minus 120 bis minus 150 Grad Celsius hat. Kryotherapie-Anbieter versprechen unter anderem gesundheitliche Vorteile wie Gewichtsverlust und Entzündungshemmung, aber auch eine Wirkung gegen Depression, Demenz und sogar Krebs. Dazu sagt Molekularbiologe Kerschner: „Es gibt eigentlich nichts, wofür belegt wäre, dass eine Kältebehandlung wirkt. Das bedeutet natürlich nicht, dass es ausgeschlossen ist, aber man weiß es eben nicht.“
 
Schließlich verwenden Sportlerinnen und Sportler gern Eisbeutel und -bäder, um Muskelkater nach anstrengenden Work-outs vorzubeugen oder Entzündungen zu bekämpfen. Auch hier vermutet Kerschner, dass vor allem anekdotische Evidenz dahintersteckt: „Man kann sich schnell einmal einbilden, dass einem etwas geholfen hat. Oder vielleicht ist es einem wirklich besser gegangen, aber man hat den Vergleich nicht, wie es ohne diese Behandlung gewesen wäre. Derzeit deutet zumindest nichts darauf hin, dass Kälte bei Gesundheitsproblemen hilft.“ Ob Kältetraining also gesünder macht und Infektionskrankheiten vorbeugen kann, konnte bisher weder aussagekräftig bestätigt noch komplett von der Hand gewiesen werden. Wim Hofs Weltrekorde und die Errungenschaften vieler anderer Eisschwimmerinnen und -schwimmer zeigen aber, welchen Widrigkeiten der menschliche Körper trotzen kann, und verschieben die Grenzen des Möglichen immer weiter.

Geschichte der Therapie

Narrenturm und rotes Sofa: Der lange Weg zur Psychotherapie

Die Couch, auf der man sich die Sorgen von der Seele redet, ist bei Weitem nicht die einzige Methode in der modernen Psychotherapie. Dennoch könnte das Bild des bequemen roten Sofas den in früheren Zeiten mitunter wenig zimperlichen Umgang mit psychisch Kranken überlagern. Auch heute ist die Entwicklung der Psychotherapie längst nicht abgeschlossen, unter anderem trugen einige österreichische Therapeuten zu einer wesentlichen Verbesserung der Behandlungsmethoden bei.

Die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Psyche geht bis in die Steinzeit zurück. Damals kümmerten sich Schamanen um geistige Leiden. „In dem Moment, in dem sich das menschliche Bewusstsein entwickelt hat, wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, ist das Reflektieren über das, was früher Instinkte waren, über Ängste und Bedürfnisse entstanden“, sagt die Lehrtherapeutin Susanne Pointner.

Im alten Ägypten und in Mesopotamien übernahmen Priester psychotherapeutische Kompetenzen. „Religion wurde als Instrument angesehen, das Heilung durch göttlichen Beistand bringt. Auch im katholischen Glauben galten Priester lang als eine Art von Psychotherapeuten. Heilige wurden angerufen und Pilgerreisen aufgenommen, um geheilt zu werden“, sagt Pointner. Als Resultat eines Missverhältnisses der Körpersäfte sah dagegen der griechische Arzt Hippokrates psychische Störungen an und verwendete noch heute gängige Begriffe wie Manie und Melancholie, um diese Zustände zu beschreiben. „Das sogenannte finstere Mittelalter war aus psychotherapeutischer Sicht gar nicht so finster. Psychisch Kranke wurden zwar nicht gut behandelt, aber auch nicht ausgestoßen. Erst durch den Aufstieg von Bürgertum und Handel sollte sich das ändern. Damals hat man alles, was krank, dunkel und verboten war, auf psychisch Kranke projiziert“, erklärt Pointner.

Narrentürme und ihre Folgen bis heute

Durch die zunehmende Unterdrückung der persönlichen Freiheit im Absolutismus wurde die Schlechterstellung von Menschen mit psychischen Erkrankungen verstärkt. Alles, was der ökonomisch ausgeprägten Denkrichtung widersprach, wurde angeprangert. Die Psychotherapeutin berichtet über das Ausmaß dieses Vorgehens: „Psychisch Kranke wurden in Narrentürmen eingesperrt und in Gefängnissen bei völliger Dunkelheit angekettet. Mit bestrafenden Aktionen wie Bädern in kaltem Wasser wurden Symptome unterdrückt.“ Das habe dazu geführt, dass die Betroffenen psychosomatische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen anstelle ihrer vorherigen hysterischen Anfälle bekamen, sagt Pointner und setzt fort: „Wenn jemand nicht in den Narrenturm gekommen ist, hat er bestenfalls einen Aderlass erhalten, für einen Ausgleich der Säfte. Von psychotherapeutischer Behandlung war, außer durch Bestrafungsmethoden, kaum die Rede.“

„Die Folgen der Narrentürme und der Folter von psychisch Kranken wirken bis heute nach“, sagt Pointner im Hinblick auf die Epigenetik des Menschen: „Epigenetisch werden in unserem Gehirn Erfahrungen über Generationen hinweg gespeichert. Bei Menschen mit hoher Sensitivität ist die Möglichkeit gegeben, dass einer ihrer Vorfahren eine traumatisierende Erfahrung in einer Behandlung oder einem Versuch der Bekehrung gemacht hat. Diese frühen Erfahrungen sitzen uns noch immer ein bisschen in den Zellen“, erklärt Pointner.

Narrentürme, wie jener in Wien, erinnern daran, dass psychisch Kranke in früheren Zeiten oft wie Gefangene weggesperrt wurden.
Narrentürme, wie jener in Wien, erinnern daran, dass psychisch Kranke in früheren Zeiten oft wie Gefangene weggesperrt wurden.Herbert Ortner; https://de.wikipedia.org/wiki/Narrenturm#/media/Datei:Narrenturm_NHM_Wien_2019-05-31.jpg

Die „Wiener Psychotherapie“ macht Schule

Um 1800 behandelte der österreichische Arzt Anton Mesmer psychisch Kranke mittels Magnetismus. Dabei sollte eine physikalisch gedachte Lebenskraft in den Patienten erweckt oder besser verteilt werden. Eine wissenschaftliche Kommission, der auch der amerikanische Staatsmann Benjamin Franklin angehörte, kam jedoch zu dem Schluss, dass dieses „magnetische Fluidum“ nicht existiert und die Wirkung dieser Methode nur auf einem Placeboeffekt beruht. Der Begriff Psychotherapie wurde um 1870 in England geprägt. 30 Jahre später sollte ein österreichischer Arzt die Grundlagen für die Psychotherapie als moderne Wissenschaft legen.

Sigmund Freud gilt mit der von ihm begründeten Psychoanalyse als Ausgangspunkt der modernen Psychotherapie. Pointner, die an der Sigmund-Freud-Privatuniversität (SFU) lehrt, beschreibt dessen revolutionären Ansatz wie folgt: „Freud hat als Erster versucht, die menschliche Psyche mit naturwissenschaftlichen Begriffen zu erklären und daraus logische, transferierbare Regeln für die Behandlung abzuleiten. Etwa: ‚Wenn man Menschen behandeln will, muss man sie auf die Couch legen und darf keinen Blickkontakt zu ihnen haben.‘ Auch heute noch gibt es die klassische Psychoanalyse, die so angewandt wird. Oft wird sie aber im Sitzen mit Blickkontakt durchgeführt.“

Freud erhielt die Couch 1890 von einer Patientin. Heute steht das Möbelstück, auf dem viele von Freuds 130 Patienten Platz genommen hatten, im Freud Museum in London.
Freud erhielt die Couch 1890 von einer Patientin. Heute steht das Möbelstück, auf dem viele von Freuds 130 Patienten Platz genommen hatten, im Freud Museum in London.Robert Huffstutter; https://de.wikipedia.org/wiki/Psychoanalyse#/media/Datei:Freud's_couch,_London,_2004_(2).jpeg

Inhaltliche Diskrepanzen zwischen Freud und einigen seiner Kollegen führten ab 1911 zu einer vielfachen Ausdifferenzierung der Psychotherapie. Eine davon, die Individualpsychologie, wurde von Freuds Kollegen, dem Wiener Psychotherapeuten Alfred Adler, begründet. In der Individualpsychologie wird die Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen als zentral für die menschliche Entwicklung angesehen und somit eine andere Auffassung zur Entstehung von Minderwertigkeitsgefühlen und Neurosen vertreten als von Freud, der äußerliche Einflüsse, wie ausbleibendes Stillen oder Vernachlässigung der Kinder, dafür verantwortlich sah.

Über ihr eigenes Schaffen hinaus wirkten Freud und Adler durch einige ihrer Schüler auf die weitere Etablierung der Psychotherapie als Wissenschaft. Carl Rogers, der die Gesprächstherapie begründete, die nicht auf die Probleme der Patienten fokussiert, sondern auf deren Entwicklungspotenzial, war ein Schüler des Freud-Schülers Otto Rank. Rank setzte sich unter anderem mit psychischen Folgewirkungen der Geburt auseinander. Auch der Wiener Viktor Frankl, der die Logotherapie und Existenzanalyse begründete, stand in persönlichem Kontakt zu Freud und Adler. Grundannahme der Logotherapie und Existenzanalyse ist, dass die Suche der Menschen nach Sinn im Leben ihre hauptsächliche Motivationskraft darstellt.

Wiens Stellenwert für die Psychotherapie wird auch dadurch deutlich, dass die drei Richtungen der Tiefenpsychologie (Psychoanalyse, Individualpsychologie, Existenzanalyse) als „Wiener Schulen“ bezeichnet werden. Während der NS-Zeit mussten jedoch viele jüdische Psychoanalytiker, wie Freud, Wien verlassen. Andere, wie Frankl, wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Frankl überlebte vier Konzentrationslager und schilderte danach seine Erlebnisse während der Inhaftierung in „… trotzdem Ja zum Leben sagen“. Die Psychotherapeutin Pointner zieht aus der Erkenntnis, selbst in widrigsten Umständen einen Sinn im Leben zu sehen, in abgeschwächter Form Parallelen zu heute: „Gerade vor dem Hintergrund aktueller Krisen, wie der Pandemie, erscheint Frankls Rückbesinnung auf das, worum es wirklich im Leben geht, höchst aktuell. Die Menschen sollen sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst werden und dass es nicht nur um die Selbstverwirklichung im Sinne eines Lustprinzips geht.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten sich neben der Psychoanalyse weitere psychotherapeutische Methoden. „Unter anderem das Psychodrama, die Individualpsychologie, die Systemische Psychotherapie und die Verhaltenstherapie, deren Fokus darauf liegt, Gedanken und Gefühle, die Leidenszustände verursachen, aufzuspüren und zu verändern“, sagt Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP). Die Grundhaltung der humanistischen Psychotherapieschulen, die sich zum Teil als „Gegenentwurf“ zu Psychoanalyse und Verhaltenstherapie verstehen, liegt darin, „dass der Mensch noch mehr im Mittelpunkt gesehen wird. Psychotherapeut und Patient begeben sich gemeinsam auf die Suche nach dem Unbewussten und Unbekanntem“, sagt Haid. Derzeit gibt es vier große Richtungen, denen sich die 23 in Österreich anerkannten Psychotherapie-Methoden zuordnen lassen.

Psychotherapie-Cluster in Österreich
Psychotherapie-Cluster in ÖsterreichBerufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen; https://www.boep.or.at/download/5fabc3063c15c877d5000058/Psychotherapie_in_Oesterreich.pdf

 

Zwischen Eingliederung und Eigenständigkeit

150 Jahre nach ihrer Begründung steht die moderne Psychotherapie am Scheideweg. Im Zuge einer Novellierung des Psychotherapie-Gesetzes soll die Psychotherapieausbildung auf ein akademisches Niveau gehoben werden. Psychotherapeutin Pointner erachtet es dabei für wichtig, dass die etablierten Ausbildungsinstitutionen die neue Ausbildungsform, in Kooperation mit den Universitäten, mitgestalten. „Die Ausbildungsvereine sind die Hüter des Schatzes, sie haben das psychotherapeutische Wissen entwickelt, beforscht, gelehrt. Mit der Würdigung der Psychotherapie-Wissenschaft als eigenständiges Studium würde die Hemmschwelle der Menschen niedriger, sich in Behandlung zu begeben, so als ob man zum Arzt geht.“ Ein weiteres Zukunftsszenario könnte die integrative Psychotherapie sein. „Dabei wird versucht, Elemente verschiedener Methoden zu einer übergeordneten Psychotherapie zu formieren“, sagt ÖBVP-Präsidentin Haid. Jedoch betont sie, dass die geeignetste Psychotherapieform immer die sei, die am besten zu den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten passe.

In welche Richtung sich die Psychotherapie entwickeln wird, wird sich zeigen. Digitale Technologien könnten zukünftig eine wichtige Rolle spielen. Bis vor der Pandemie war es etwa verboten, Therapiesitzungen online abzuhalten. Doch egal, in welcher Form die Psychotherapie weiterbestehen wird, gebraucht wird sie mehr denn je. Allein im vergangenen Jahr litten, gemäß Zahlen der österreichischen Sozialversicherung, 900.000 Österreicherinnen und Österreicher, das entspricht zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, an psychischen Erkrankungen.

 

Kunsttherapie

Wenn die Worte ausgehen: Kunst als Therapieform

Die Kunsttherapie soll dem Ausdruck verleihen, was die Sprache nicht mehr zu sagen vermag. Sie soll erklären, heilen und verbinden. Doch ist das möglich? Und wie funktioniert das Konzept Kunsttherapie in der Praxis? Eine Rundschau.

Niederösterreich, am Speckgürtel Wiens: Auf der Spitze eines Hügels steht ein großes, weißes Herrenhaus. Umzingelt von spießbürgerlichen Eigenheimen. Besonders auffällig wäre hier nichts, doch: Ein monumentaler, vertikaler blauer Stern stört das Idyll, indem er das blütenreine Weiß der Fassade hart durchbricht. Ein gewundener Weg führt über einen kleinen Parkplatz in einen versteckten Innenhof. Folgt man diesem Weg, so werden immer neue Fassadendekorationen sichtbar: meterhohe Kopffüßler, riesige gelbe Sonnen. Diese naiv anmutenden Bilder passen kaum zu dem großen Haus mit repräsentativem Anschein. Worum es sich handelt?

Es ist das Museum Gugging. Ein Ort, an dem Menschen einst „nur“ kunsttherapeutisch behandelt werden sollten – und heute ohne jegliches Wissen um Kunst Bilder erschaffen, die mittlerweile international für schwindelige Summen gehandelt werden.

Der Stern an der Hausfassade stammt vom Gugginger Künstler Johann Hauser.
Der Stern an der Hausfassade stammt vom Gugginger Künstler Johann Hauser.(c) Ludwig Schedl

Gugging ist Österreichs wohl prominentestes Beispiel für die Anwendung der Kunsttherapie. Seit knapp 70 Jahren wird hier gemalt, gezeichnet und entworfen. Doch was bieten Kunsttherapeutinnen konkret an? Dass Kreativität ein Mittel zum Gefühlsausdruck ist, scheint plausibel. Auch, dass es manchmal leichter fällt, Emotionen oder sogar Traumata nonverbal auszudrücken – in vielen Fällen ist so etwas sogar gar nicht anders möglich.

Der entsprechende Berufsverband definiert seine zentrale Aufgabe wie folgt: In der Kunsttherapie soll Unbewusstes unmittelbar angesprochen werden. In einer Symbolsprache, denn häufig fehlen die Worte. Mithilfe von Imagination innerer Bilder und durch die Anregung der Fantasie werden im besten Fall Gestaltungsprozesse initiiert, die den Therapieprozess einleiten. Im deutschsprachigen Raum war die Ärztin Ita Wegmann 1921 die Erste, die kunsttherapeutische Ansätze in ihre Behandlungsformen integriert hat. Wegmann gilt mit Rudolf Steiner als eine der zentralen Figuren der anthroposophischen Medizin – eine Behandlungsphilosophie, von der man sich heutzutage immer mehr abgrenzen möchte.

Im Museum in Gugging werden die Werke der Künstlerinnen und Künstler ausgestellt.
Im Museum in Gugging werden die Werke der Künstlerinnen und Künstler ausgestellt.(c) Felix Büchele Felixfoto

Die Kunsttherapie zählt zu den psychodynamischen Therapieformen. Die Psychodynamik ist ein breit gefasster Begriff, darunter fallen etwa auch analytische und tiefenpsychologische Therapieverfahren, aber auch speziellere Formen wie die Bewegungs- oder eben die Kunsttherapie.

Unzählige Anwendungsmöglichkeiten

Genauso breit wie die Definition ist das Anwendungsfeld gefächert. Mit Methoden der Kunsttherapie wird häufig in Institutionen wie Schulen und Kindergärten, aber auch in Einrichtungen für Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen und Kliniken gearbeitet. Bei Personen ohne diagnostizierte psychische Krankheiten wird sie bei diversen Problemen alltäglicher, aber auch weniger alltäglicher Natur angewendet. Beispiele hierfür sind die klassische Problembewältigung, Beziehungsthemen wie Trennung, Trauer oder Verlust, Schlafstörungen, Migrations- und Fluchterfahrung oder Aggressivität. Bei Menschen mit Diagnosen wird kunsttherapeutisch stets in enger Zusammenarbeit mit Psychologinnen, Ärzten und Kliniken im Allgemeinen gearbeitet. Beispiele für Anwendungsbereiche sind Traumabearbeitung, Somatisierungsstörungen, Chronifizierungen oder als Ergänzungstherapie zu neurologischen Erkrankungen.

Nicht nur Bilder an den Wänden: In Gugging sind auch andere Objekte zu finden.
Nicht nur Bilder an den Wänden: In Gugging sind auch andere Objekte zu finden.(c) Felix Büchele Felixfoto

„Man baut miteinander einen Ausweg“, sagt Edith Sandhofer-Malli, Obfrau des Verbands für Kunsttherapeuten Österreich. Sie ist selbst in diesem Bereich aktiv und bietet Coaching, psychologische Beratung und Kunsttherapie in ihrer Praxis im Burgenland an. Das „Presse“-Gespräch eröffnet sie mit einer Anekdote. Wie die allererste kunsttherapeutische Sitzung entstanden wäre? In einer Sitzung Sigmund Freuds, erzählt sie. Eine Patientin wollte wohl nicht reden, konnte nicht aussprechen, was sie belastete. Freud ließ sie kurzerhand ein Bild malen, um so Einblick in ihr Inneres zu bekommen. Ob diese Geschichte Wahrheitsgehalt hat, lässt sich wohl nur schwer nachweisen. Sie beschreibt aber jedenfalls eine Arbeitsweise, welche auch heute noch angewendet wird und tatsächlich mit Methoden der Traumdeutung vergleichbar ist.

Ansicht der derzeitigen Ausstellung „brut favorites.! feilacher's choice“ (bis März 2023).
Ansicht der derzeitigen Ausstellung „brut favorites.! feilacher's choice“ (bis März 2023).(c) Theo Kust

Zu Beginn der Therapie soll die Gesamtsituation des Menschen erfasst werden, um daraufhin jene Themen zu identifizieren, derer man sich im weiteren Verlauf annehmen wird. Die Bilder, die anschließend gemalt werden sollen, dienen vor allem dazu, in Korrespondenz mit dem Unbewussten zu treten. Sie sollen zudem nicht nur dem Patienten helfen, die Situation auszudrücken – sie bieten auch eine Hilfestellung für Therapierende, um auf Augenhöhe kommen zu können, um die Welt mit den Augen der Patienten zu sehen. Man baut sozusagen miteinander einen Ausweg, erklärt die Therapeutin.  

Von der „Irrenanstalt“ zum Szenezentrum

Zurück ins Museum Gugging: Hier werden vor allem die Bilder ausgestellt, die die Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort – derzeit sind es insgesamt 13 Personen, zwölf Männer und eine Frau – im Rahmen ihrer Therapie geschaffen haben. Dabei handelt es sich nicht mehr um therapeutische Mittel zum Zweck, die Gemälde, Skizzen und Konzeptionen haben einen hohen künstlerischen Gehalt. Sie gehören zur „Art Brut“: Dieser Begriff wurde Mitte des 20. Jahrhunderts von dem Maler Jean Dubuffet geprägt. Er bezeichnet damit die sogenannte Urwüchsigkeit der Kunstprodukte, die unverbildete Gestaltungen außerhalb der kunsthistorischen Traditionen abbilden.

Eine historisch bedeutsame Entwicklung hat auch das heutige Museum durchlebt: Was Ende des 19. Jahrhunderts als „Irrenanstaltsfiliale Gugging-Kierling“ eröffnet wurde, ist heute Szenezentrum. Zunächst nur eine Außenstelle der in Klosterneuburg untergebrachten „Landes-Irrenanstalt“, erfolgt Mitte der 1920er-Jahre die Loslösung davon. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden hier Menschen, deren Leben als „unwert“ angesehen wurde, ermordet. Man spricht heute von bis zu 330 Personen, die in Gugging ihr Leben ließen.

Sowohl figurative als auch abstrakte Malerei ist in Gugging zu finden.
Sowohl figurative als auch abstrakte Malerei ist in Gugging zu finden.(c) Theo Kust

1954 erfolgte schließlich eine Modernisierung, der dort tätige Psychiater Leo Navratil begann, seine Patienten zu Diagnosezwecken Zeichnungen anfertigen zu lassen. Aus einer simplen Therapiemethode entwickelte sich bald mehr, nachdem einige Bewohner durch außergewöhnliches Talent auffielen. Es folgten Verkäufe in Galerien und Ausstellungen in Frankreich und der Schweiz. 1981 wurde das Zentrum für Kunst und Psychotherapie gegründet, Mitte der Achtziger fand ein neuerlicher Umbruch statt: Der Psychiater und Künstler Johann Feilacher übernahm die Leitung, eine seiner ersten Handlungen war es, das Therapiezentrum in eine Wohngemeinschaft umzuwandeln – in das „Haus der Künstler“.

Der sogenannte Patientenstatus ist seither aufgehoben, der Mensch und sein Werk stehen im Mittelpunkt. Als internationale Ausstellungen und Preisverleihungen die Art Brut in Gugging immer mehr ins Scheinwerferlicht der renommierten Kunstszene rückten, wurde zunächst eine Galerie, dann ein Atelier und 2006 letztendlich ein Museum eröffnet. Den Schaffenden bietet sich nun eine permanente Bühne, direkt am Ort des Geschehens. Im Museum werden demnach grundsätzlich nur die Werke der Künstlerinnen und Künstler aus Gugging selbst ausgestellt, sowie auch angekaufte oder geliehene Arbeiten anderer Vertreter der Art Brut. Im „Atelier Gugging“ hingegen ist jeder willkommen, der sich künstlerisch betätigen möchte – hier werden keine Ansprüche an malerische Qualität oder Erfahrung gestellt.

„Ein psychiatrischer Patient war unter einem ,Clochard’, weil der hat zumindest keine Kosten verursacht.“

Johann Feilacher

Besonders die Aufhebung des Patientenstatus war laut Feilacher ein wichtiger Schritt, um der Arbeit der Menschen den Wert zu verleihen, der ihr zusteht. Auch wenn sich an der Betreuungssituation nicht viel verändert hat, so wurde den Bewohnerinnen und Bewohnern ein gewisses Maß an Selbstverständnis wiedergegeben. Wer in Gugging arbeitet, solle Künstler sein – die psychische Beeinträchtigung spiele nur eine kleine Nebenrolle. Sie solle als Gabe gesehen werden, als Mittel zum Zweck der Art Brut, stellt der künstlerische Leiter klar. Ein „guter Hauser“ – gemeint ist damit Johann Hauser, einer der bekanntesten Maler Guggings – werde international für etwa 100.000 Euro gehandelt, er sei damit ausschließlich als Künstler gefragt. Seine Erkrankung? Die sei nebensächlich, seine Privatsache.

Abgrenzung zur Esoterik

Um in Österreich als Kunsttherapeut arbeiten zu können, muss eine vierjährige Ausbildung absolviert werden. Um diese beginnen zu können, muss man weder Matura noch einen Studienabschluss besitzen – Voraussetzung ist die Vollendung des 18. Lebensjahres sowie das Bestehen eines Aufnahmeverfahrens. Anders als in vielen anderen Ländern ist diese Form von Therapie jedoch nicht offiziell anerkannt, sondern gilt nur als Ergänzung zu anderen Verfahren. Die Ausbildung schließt mit einem Diplom ab, die Abschlussarbeit konzentriert sich in der Regel auf ein praktisches Feld: Dazu zählen diverse soziale Einrichtungen wie Frauenhäuser, Kinder- oder Behindertenheime, aber auch medizinische Institutionen wie Krankenhäuser oder Psychiatrien.

Die Ausbildung wird vor allem angeboten sowie absolviert, um Seriosität zu gewährleisten, erklärt Edith Sandhofer-Malli. Denn dass die Kunsttherapie immer wieder als esoterische Methode abgetan wird, ist laut ihr ein ernst zu nehmendes Problem. Nicht zuletzt das habe überhaupt zu der Gründung des Berufsverbandes geführt, dessen Obfrau sie selbst ist. Damit soll die Möglichkeit geschaffen werden, seriöse Quellen und Anbieter zu identifizieren und von anderen zu unterscheiden. Derzeit liege sogar ein Antrag im Gesundheitsministerium, um eine klare Abgrenzung zwischen ausgebildeten, diplomierten Therapierenden und esoterischen Arbeitsweisen zu erwirken. Die „unseriöse Vermischung“, die, wie sie sagt, immer noch stattfindet, ist ihr bewusst – aber ausdrücklich unerwünscht.

Was die Kunsttherapie ausmacht? Das ist auch nach einer längeren Recherche nicht eindeutig zu beantworten. Sie wird in Krankenhäusern und anderen Kliniken angewendet, in Therapiezentren, sozialen Einrichtungen und privaten Ordinationen. Bilder werden in Therapieräumlichkeiten ausgebreitet oder an große Museumswände gehängt, verschwinden in Akten oder werden um hohe Summen gehandelt. Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen werden kunsttherapeutisch behandelt. Fest steht aber: Kunsttherapie kann bei diagnostizierten psychischen Krankheiten keine herkömmliche Therapie ersetzen, betont auch Sandhofer-Malli. Das will sie aber auch gar nicht – vielmehr soll sie ergänzend wirken, eine Verbindung zwischen Patient und Therapeut schaffen und ein Verhältnis auf Augenhöhe zulassen.

Gender Health Gap

Wie sich der Gender Health Gap bei ADHS zeigt

Unter dem Begriff des Gender Health Gap wird verstanden, dass in medizinischen Studien der Mann – und zwar ein Mitte dreißigjähriger, ca. 85 Kilo schwerer Mann – als Norm gilt. Der Studienaufbau orientiert sich an der männlichen Gesundheit, die Ergebnisse sollen dann aber für alle – Männer wie Frauen – gelten. Wie passt das zusammen?

Gender Pay Gap, Gender Care Gap, Gender Pension Gap, Digital Gender Gap, Gender Data Gap – und der Gender Health Gap. Ziemlich viele Gaps. Und alle haben mit dem Geschlecht – Gender – zu tun. Es geht um die Unterschiede der Gleichstellung zwischen weiblich und männlich gelesenen Personen, und zwar in finanzieller, soziologischer und medizinischer Sicht. Der Gender Health Gap kann sich sowohl in der Diagnose als auch beim Studienaufbau zeigen. Die Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie gibt an, dass ADHS beispielsweise viermal häufiger bei Buben diagnostiziert wird als bei Mädchen. Einfach, weil die offizielle Symptomatik jener von Jungen entspricht und bei Mädchen häufig eine ganz andere ist.

Die Wienerin Ghazaleh Gouya Lechner unterstützt mit ihrem Unternehmen Gouya Insights Firmen bei der Studienplanung. Sie spricht mit der „Wienerin“ im Juli 2021 über die Gründe des oftmaligen Ausschlusses von Frauen in Studien: Frauen könnten aufgrund zyklusbedingter hormoneller Schwankungen und möglicher Schwangerschaften zu Verfälschungen der Studien führen. Untersuchte Medikamente könnten auch Ungeborenen schaden. Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien, gibt im März 2020 dem „Standard“ gegenüber an, dass in Studien oftmals nur 25 bis 30 Prozent der Probanden weiblich sind. Und diese befinden sich meistens schon in der Menopause.

Absolut nicht gleich!

Lechner betont gegenüber der „Wienerin“, dass sich der Hormonhaushalt, der Stoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System, die Verteilung des Körperfetts und die Muskelmasse zwischen Männern und Frauen grundlegend unterscheiden. Daher funktionieren einige zugelassene Medikamente – bei deren Zulassung hauptsächlich mit männlichen Studienteilnehmern Untersuchungen durchgeführt wurden – bei Frauen nicht oder anders. Erkrankungen können verschieden verlaufen, und Medikamente werden oft unterschiedlich aufgenommen und abgebaut.

Die Studie „Sex-Based Differences in the Effect of Digoxin for the Treatment of Heart Failure” hat 2002 hat das Medikament „Digoxin“, das lang bei Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen verschrieben worden ist, erneut untersucht. Die Ergebnisse: Es erhöht das Risiko, an einem Herztod zu sterben, bei Frauen signifikant, obwohl es genau das verhindern sollte. Bei Männern wirkt es wie gewünscht.

Auch das Angiogramm, das zur Diagnose eines Herzinfarkts zurate gezogen wird, ist so ein Beispiel. Es wurde an männlichen Probanden entwickelt und soll blockierte Arterien zeigen. Diese sind bei Herzinfarkten in weiblich gelesenen Personen aber oft nicht verstopft. Das hat zur Folge, dass Frauen wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden, obwohl sie ernsthaft und lebensbedrohlich krank sind. Dies behandelt die Autorin Caroline Criado-Perez auch in ihrem Buch „Unsichtbare Frauen“.

Atypisch heißt „nicht männlich“

Kautzky-Willer spricht gegenüber dem „Standard“ auch dieses Thema an: Eine Reanimation im Zuge von Erster Hilfe passiere bei Frauen weniger oft als bei Männern. Auch eine medizinische Versorgung im Fall eines Herzinfarkts dauere bei Frauen länger. Selbst wenn eine Frau die gleichen Herzinfarktsymptome wie ein Mann aufweist, wird sie im Krankenhaus nicht so dringlich wie der eines Mannes eingestuft. Kautzky-Willer meint, dass Frauen immer wieder unter „atypischen Herzinfarktsymptomen“ leiden – atypisch bedeutet hier „nicht männlich“.

Robert Wechsberg, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt auf ADHS in Wien, spricht in einem Interview mit der „Presse" an, dass sich diese Problematik auch in Richtung der Männer beobachten lässt: Er nennt dabei als Beispiel die Depression. Leiden Männer unter Depressionen, weisen sie häufig ganz andere Symptome als Frauen auf. „Eine Depression kann bei Männern oft nach außen orientiert sein – sie ist oftmals durch Aggressivität gekennzeichnet. Daher kommt es in diesem Fall häufig dazu, dass Männer unterdiagnostiziert sind, weil das klinische Bild einer Depression an den weiblichen Ausprägungen angelehnt ist“, erklärt er. Somit würde der Einbezug der Gender-Medizin sowohl Frauen als auch Männern zugutekommen.

Das, was bei der Depression für Männer geschieht, passiert bei ADHS für Frauen. ADHS ist die Abkürzung für die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Dabei handelt es sich um eine neurobiologische Erkrankung, die als eine der häufigsten psychischen Krankheiten im Kindes- und Jugendalter gilt. Sie kann aber oft auch bis ins Erwachsenenalter andauern. Es gibt dabei verschiedene Subtypen, die unterschiedliche Symptome aufweisen. Manche Menschen leiden kaum oder gar nicht darunter, bei anderen können sie sehr ausgeprägt sein, was zu großen Einschränkungen im Alltag führen kann.

Bei Kindern wird ADHS deutlich häufiger bei Jungen als bei Mädchen diagnostiziert. Robert Wechsberg erläutert in einem Gespräch, warum das so ist.

 

Die Presse: Herr Wechsberg, wie diagnostiziert man ADHS überhaupt?

Robert Wechsberg: An sich ist es eine Diagnose, die vom Gespräch gestellt wird. Das heißt, ADHS ist in dem Sinn nichts Messbares. Dabei geht es um drei Symptomkomplexe: Konzentration, Hyperaktivität und Impulsivität. Diese werden entweder in einem psychiatrischen Gespräch oder bei einer klinisch-psychologischen Testung untersucht. Diese Testung wäre der Standard. Sie wird von Psychologen und Psychologinnen durchgeführt, die strukturierte Fragen über in diesem Fall relevante Bereiche stellen. Zusätzlich wird meist die Konzentration gemessen – das passiert mit simplen Tests, bei denen der Patient, die Patientin beispielsweise Dinge, die nicht dazupassen, identifizieren und eliminieren muss. Mithilfe dieser Aufgaben können die Genauigkeit und Schnelligkeit der Menschen analysiert werden und wie viele Fehler sie dabei machen. Das lässt dann auf das Konzentrationsverhalten und die Arbeitsweise schließen. Und diese Kombination – also die strukturierten Fragebögen in Kombination mit den quantifizierenden Tests – ergibt dann die Diagnose, oder eben nicht.

Gibt es in der Symptomatik einschlägige Unterschiede zwischen Buben und Mädchen beziehungsweise Männern und Frauen?

Generell ist es so, dass Mädchen eher Konzentrationsprobleme aufweisen, also dass die Hyperaktivität beziehungsweise die Impulsivität nicht so stark vorhanden ist. Das ist dann der  Unaufmerksamkeitstyp oder Tagträumertyp. Heißt, sie können dem Unterricht dann beispielsweise nicht so gut folgen, sind sonst aber eher unauffällig.

ADHS Symptome

Die Symptome bei ADHS können unterschiedlich ausgeprägt sein. Es gibt drei Untergruppen:

  • „Zappelphillipp/Zappelphillippa“: vorwiegend hyperaktiv-impulsiv
  • „Hans-guck-in-die-Luft“ oder „Träumsuse“ aka Tagträumer & Tagträumerin: vorwiegend aufmerksamkeitsgestört
  • Der Mischtyp: aufmerksamkeitsgestört und hyperaktiv

Gibt es im Zusammenhang mit ADHS nicht auch eine Hyperfokussierung?

Bei ADHS haben die Konzentrationsprobleme etwas mit unliebsamen Dingen zu tun. Also bei Dingen, die monoton sind, für die kein Interesse aufgebracht wird, ist die Konzentration ein Problem – 95 Prozent der Schule sozusagen (lacht). Im Kindergarten ist dem meist noch nicht so, denn dort beschäftigen sich Kinder vorwiegend mit Dingen, die ihnen Spaß machen. Also kann ein von ADHS betroffenes Mädchen im Kindergarten sehr vertieft, sehr konzentriert mit etwas spielen. Wenn es dann aber um Dinge geht, die nicht so spannend sind, bei denen es ruhig sein, still sitzen und zuhören muss, wird die Symptomatik auffälliger. Also im Kindergarten ist die Konzentration fast gar kein Thema. Sehr wohl aber die Hyperaktivität und Impulsivität. Hiervon sind vorwiegend Jungen betroffen. Unruhe, nicht still sitzen können – daher kommt eben auch dieser Begriff des „Zappelphilipps“. Natürlich betrifft diese Symptomatik auch Mädchen, aber der Schwerpunkt liegt da etwas mehr bei den Buben.

Wenn diese Problematik bekannt ist, kann man dann nicht schon früher eingreifen und entgegenwirken?

Ja, auf jeden Fall. Es ist generell so, dass ein nach außen getragenes Problem mehr auffällt, als wenn man es nach innen trägt. Das ist jetzt nicht nur auf ADHS bezogen, aber Menschen reagieren natürlich eher auf ein extrovertiertes Verhalten als auf ein Rückzugsverhalten – vor allem bei der Betreuung in Gruppen wie im Kindergarten oder der Schule. Aber man kann definitiv proaktiv entgegenwirken, indem man auch die zurückgezogenen Kinder auf dem Schirm hat und den Kontakt sucht.

Ändert sich die Symptomatik im Erwachsenenalter?

Ja, im Alter gehen die Hyperaktivität und Impulsivität zurück. Die Hyperaktivität verändert sich so, dass sie eher nach innen gerichtet wird. Die äußere Unruhe wird also zu einer inneren. Gedanken laufen parallel, es gibt kein Zur-Ruhe-Kommen, auch eine körperliche Rastlosigkeit ist vorhanden. Die Impulsivität ist meistens im privaten Bereich spürbar. Ist sie aber sehr stark ausgeprägt, sodass sie schlecht unter Kontrolle gehalten werden kann, führt das oft zu gröberen Problemen wie Gesetzeskonflikten, Unfällen oder auch einer Suchterkrankung. Dadurch wird versucht, diese Hyperaktivität und Impulsivität zu unterdrücken. Davon sind Männer stärker betroffen.

Warum ist das so?

Auch im Erwachsenenalter treten bei Frauen häufiger Konzentrationsschwierigkeiten auf als Probleme mit der Hyperaktivität oder Impulsivität. Außerdem sind sie schneller, wenn es darum geht, sich Hilfe einzuholen. Sie suchen sich selbst aktiv Unterstützung – daher ist dieser Gap bei der ADHS-Diagnosefindung im Erwachsenenalter gar nicht mehr gegeben.

Therapieabbruch

Von Abbruch und Neuanfang: Wenn die Psychotherapie abgebrochen wird

Es ist oft nicht einfach, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Meist suchen sich Betroffene erst professionelle Hilfe, wenn der Leidensdruck sehr groß ist. Noch schwieriger ist es aber, sich einzugestehen, dass man mit der aktuellen Hilfe nicht weiterkommt.

Das Erste, das beim Betreten von Alexandras* Wohnung ins Auge fällt, sind die großen Biedermeier-Möbel, die geordneten Schuhe und Jacken und die unzähligen, perfekt ausgerichteten Fotos. Die Küchenregale und die darin befindlichen Einmachgläser sind etikettiert. Töpfe, Gläser, Suppenkellen und Pfannenwender – alles hat seinen exakten Platz. So aufgeräumt wie ihre Wohnung wirkt auch Alexandra als Person. Sie ist freundlich, spricht offen und strukturiert. Sie hat perfekt getrimmte Haare, und ihre vielen Tattoos wirken harmonisch aufeinander abgestimmt. Es sind vor allem Tiere und Insekten, welche wie in Vitrinen auf ihrem Körper präsentiert werden.

In großen Glaskästen züchtet Alexandra, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, Zimmerpflanzen. Ordnung gehört zu Alexandras Leben. Das hat auch den Ursprung in Alexandras Autismus-Spektrum-Störung, welche vor Kurzem diagnostiziert wurde. „Gratuliere, Sie haben Asperger“, erinnert sie sich an die Diagnose im vergangenen März. „Ich bin Autistin, was mit 27 relativ spät diagnostiziert wurde. Das ist bei Personen, die keine Männer sind, aber relativ normal“, erzählt Alexandra. Sie wird wütend. Wütend auf ehemalige Pädagoginnen und Pädagogen, vor allem auf ihre ehemalige Therapeutin, welche die Diagnose übersehen hat.

„Es geht mir echt nicht gut. Ich fange jetzt wieder mit der Therapie an“

Vor zwei Jahren, zu Beginn der Coronapandemie in Österreich, ging es Alexandra schlecht. Die Arbeit als Pflegerin im Krankenhaus wurde ihr zu viel: „Der Job ist an sich schon schwierig. Man ist einer sehr hohen körperlichen und psychischen Belastung ausgesetzt. 2020 hat sich alles geändert. Abläufe wurden angepasst. Man hat ein komplett neues Krankheitsbild betreut, das man nicht verstanden hat.“ Neues Personal sei von gesperrten Stationen zu ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen geschickt worden und musste eingeschult werden. Es gab neue Gerätschaften, ein neues Überwachungssystem, Beatmungsgeräte, die zuvor nie verwendet wurden. „Es war extrem viel, und die gesamte Struktur wurde über den Haufen geworfen. Nach ungefähr einem Jahr Arbeit habe ich mir gedacht: Okay, es geht mir echt nicht gut. Ich fange jetzt wieder mit der Therapie an.“

Alexandra suchte sich Hilfe bei einer Therapeutin, und ihrer psychischen Gesundheit ging es schrittweise wieder besser. Nach wenigen Monaten wurde Alexandra von ihrer Therapeutin als stabil eingestuft und eine Pause vorgeschlagen. Heute weiß Alexandra, dass stabil nur eine Umschreibung für lebens- und arbeitsfähig ist. Gut ging es ihr in keiner Weise. Ihre psychische Gesundheit verschlechterte sich wieder. „Ich habe mich nach der Sommerpause wieder bei meiner Therapeutin gemeldet, weil es mir immer schlechter ging. Ich war ab September nur mehr im Krankenstand. Ein bis zwei Wochen Krankenstand, dann ein bis vier Wochen arbeiten“, schildert Alexandra rückblickend. Die Therapie habe ihr nicht helfen können. Irgendwann zog sie den Schlussstrich.

Rund zehn Prozent der Klientinnen und Klienten in Österreich brechen die Therapie ab

Frühzeitig abgebrochene Therapien sind keine Seltenheit, erzählt die Präsidentin des österreichischen Bundesverbands für Therapie (ÖBVP), Barbara Haid. Rund zehn Prozent der Klientinnen und Klienten in Österreich brechen die Therapie ab. „Wenn die Beziehung zwischen Klienten und Therapeuten nicht gut läuft, besteht die Gefahr, elementare Gegebenheiten zu übersehen“, sagt Haid – so geschehen im Fall von Alexandra und ihrer nicht gestellten Diagnose. Aber auch fehlendes Vertrauen vonseiten der Klienten mache es schwierig, sich im Therapieprozess zu offenbaren. Therapeutinnen und Therapeuten seien nicht unfehlbar, betont die ÖBVP-Präsidentin.

Vor einem Abbruch „liegt es in der Verantwortung des Therapeuten, die therapeutische Beziehung durch ein abgesprochenes Ende zu beenden“, sagt Haid. Gründe für eine frühzeitige Beendigung kennt sie viele: „Oft liegt es daran, dass die Beziehungsdynamik zwischen Patient und Psychotherapeut in Schieflage kommt und man sich als Patient nicht verstanden fühlt. Dass Themen aufkommen, die zu belastend sind, und man nicht mehr weitermachen will, obwohl man es sollte. Auch unbeabsichtigte Kränkungen vonseiten der Therapeuten oder Therapeutinnen sind ein häufiger Grund, warum Patienten ihre Therapie abbrechen.“ Finanzielle Belange, also wenn sich Patienten ihre Behandlung nicht mehr leisten können, führten laut Haid ebenfalls oft dazu, dass die Therapie frühzeitig beendet wird.

Wenn aus dem Abbruch ein Ende wird

Wie sich ein abgesprochenes Ende in der Therapie anfühlen kann, erzählt Lukas*. Lukas ist 28 Jahre alt. Er redet offen über seine Anfänge in der Psychotherapie: „Ich fing mit 21 an, in Therapie zu gehen, da ich mich mit mir selbst nicht wohlfühlte. Ich fühlte mich durch meine Sexualität verunsichert und merkte, dass ich Probleme hatte, die nicht von allein weggehen.“ Er bekam einen Kassenplatz, also von seiner Krankenversicherung bezahlte Therapiestunden, und ging knapp drei Jahre wöchentlich in Therapie. Heute meint er, dass er damals gut an sich arbeiten konnte. Er war zufrieden und sprach mit seiner Therapeutin darüber, dass er die Therapie gern beenden wolle. Sie bestärkte ihn in seinem Vorgehen und leitete mit zwei abschließenden Einheiten ein Ende ein. Dadurch, dass Lukas einen Kassenplatz hatte, ließ sie ihm zusätzlich offen, die Therapie später wieder aufzunehmen, aber für ihn war die Therapie vorerst beendet.

Aus ihrer Erfahrung als Therapeutin erklärt Barbara Haid, wie das Ende einer Therapie ablaufen soll: Therapeutinnen und Therapeuten sollten nach gewisser Zeit die festgelegten Therapieziele rekapitulieren und abwägen, ob diese schon erreicht wurden. Dann liege es in der Verantwortung der Therapeutinnen und Therapeuten, ein Ende einzuleiten. Umgekehrt meint Haid, sollen aber auch Klientinnen und Klienten von sich aus ein Ende einleiten, wenn sie das Gefühl haben, dass sie mit der Therapie abschließen wollen, da dies ein Akt der Selbstbestimmung ist. In beiden Fällen soll das Ende aber nicht abrupt stattfinden. Dafür nimmt sich Haid noch ein paar Stunden mit ihren Klientinnen und Klienten Zeit, in denen sie einen Bogen von der ersten bis zur letzten Stunde spannt und schaut: Was ist in der Therapie passiert? Was war schwierig? Welche Meilensteine hat eine Person erreicht, und was können die Patienten sozusagen nach Hause mitnehmen?

„Zum damaligen Zeitpunkt war es das absolut Richtige, die Therapie zu beenden“

Mara* hat vergangenes Jahr ebenfalls nach Absprache mit ihrer Therapeutin ihre Therapie abgeschlossen und erzählt heute von einer für sie traumatisierenden Zeit vor gut einem Jahr. Im September erfuhr die damals 22-jährige Studentin, dass sie schwanger war. Da sie sich bereits in der dreizehnten Woche befand, musste sie innerhalb von drei Tagen eine Entscheidung treffen. Von allen Seiten wurde auf sie eingeredet. Mara meint, dass ihr damals die Entscheidung genommen worden sei. Es kam zum Abbruch der Schwangerschaft. „Nach der Abtreibung hatte ich eine schwere depressive Episode. Ich konnte gar nicht mehr aufstehen. Ich konnte nichts machen, wollte niemanden sehen“, reflektiert sie über die Zeit vor einem Jahr. „Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt. Ich war von einem Tag auf den anderen ein komplett anderer Mensch.“

Die junge Studentin merkte, dass sie Hilfe brauchte, und begann im Oktober mit einer Therapie. Sie erzählt, dass sie dankbar ist, dass der Prozess damals von Anfang an so gut funktioniert hat und sie sich auf Anhieb mit ihrer Therapeutin verstand: „Es war nicht so, dass es dann die ganze Zeit um die Abtreibung ging. Wir gingen viel auf die Hintergründe ein. Es wurde eine Verbindung zwischen aktuellen Problemen und dem Vorfall hergestellt, weil ich zuerst ganz viel nicht verstanden habe. Warum ich mich so fühle, und warum ich nicht loslassen kann.“

Im Mai sprach Maras Therapeutin dann eine Pause an, da sie die 22-Jährige entgegen ihrer Selbsteinschätzung als gefestigt genug sah: „Ich hätte von mir aus wahrscheinlich noch nicht gesagt, dass ich aufhören möchte, weil mir die Therapie gutgetan hat.“
Für Mara war diese Zeit anfangs ungewiss. Sie hatte Angst, dass es ihr wieder schlechter gehen würde. „Mittlerweile weiß ich, dass es zum damaligen Zeitpunkt absolut das Richtige war, die Therapie zu beenden. Es hat mich doch auch noch ein Stück weitergebracht, weil es eben ein Abschied war. Es ist auch gut, wenn etwas ein Ende findet“, erzählt Mara heute mit einem Lächeln.

Neuanfang nach der Therapie

Für Mara bleibt die Therapie bis heute abgeschlossen. Lukas hingegen suchte nach zweijähriger Pause erneut Unterstützung in Form einer Psychotherapie. „Ich glaube, ab dem Punkt, wo ich wieder angefangen habe, war es für mich in Ordnung. Der Weg dorthin war aber sehr schmerzhaft. Sich selbst einzugestehen, dass man wieder Unterstützung braucht. Aber so was passiert im Leben“, erzählt Lukas über die Wiederaufnahme. 2020 änderte sich vieles in seinem Leben. Er hatte eine Trennung hinter sich, und zusätzlich brach die Coronapandemie aus. „Nach dem Ende der ersten Therapie war für mich klar, dass, wenn ich mal weitermachen sollte, es mit jemand anderem in eine andere Ebene gehen muss“, sagt Lukas. Er suchte sich diesmal einen Psychiater und bekam zusätzlich zur therapeutischen Behandlung Medikamente. Nach sieben Monaten konnte er mit den Medikamenten aufhören und auch die neue Therapie beenden. „Ich habe bereits in meiner ersten Therapie viele Werkzeuge mitbekommen, welche mir helfen, an mir zu arbeiten“, sagt Lukas. „Und das macht es spannend für mich, denn ich versuche mich da auch herauszufordern und neue Wege zu finden, um Probleme zu lösen. Es geht schon irgendwie. Aber wenn es schlechter wird, dann würde ich sagen, melde ich mich wieder bei meiner Therapeutin.“

Auch Alexandra befindet sich aktuell wieder in Therapie, um sich selbst besser kennenzulernen. Die Therapie hilft ihr dabei, mit dem Asperger-Syndrom umzugehen. Über ihren damaligen Abbruch sagt sie: „Ich glaube schon, dass meine damalige Therapeutin mich sehr stark unterstützt hat, bei meinem Weg aus dem Beruf raus. Aber mein Anspruch an Therapie war damals ein anderer. Ich wollte für meinen neuen Lebensabschnitt eine neue Therapie beginnen, also mit einer neuen Person.“

Seit Alexandras aktueller Therapeut ihr das Asperger-Syndrom diagnostiziert hat, fühlt sie sich erstmals in ihrem Leben aufgehoben. Sie versteht nun, warum sie so ist, wie sie ist. Dafür nimmt sich Alexandra aktuell auch eine einjährige Auszeit, um sich ausführlicher mit sich selbst und ihrer Diagnose auseinanderzusetzen. Ihr geht es psychisch seither erheblich besser. Alexandra kündigte als Pflegerin und orientierte sich neu. Im Jänner wird sie ihren neuen Beruf als Tätowiererin starten.

*Namen von der Redaktion geändert

Apps gegen Ängste

Ängste mit Chatbots und Virtual Reality therapieren

Ein neuer Partner via App, der Wocheneinkauf per Sprachbefehl und das Haus, das selbst mitdenkt. Neue Technologien verändern nicht nur unseren Alltag, sondern auch das Gesundheitswesen. In der Psychotherapie werden Chatbots und Virtual Reality bereits bei Angsterkrankungen angewendet. Können diese Angebote auch professionelle Hilfe ersetzen?

Angststörungen zählen neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Expertinnen und Experten schätzen, dass in Österreich zwischen 16 und 20 Prozent an einer behandlungsbedürftigen Angsterkrankung leiden. Eine genaue Statistik gibt es nicht. Auf vollfinanzierte Therapieplätze müssen Betroffene jedoch oft lang warten oder hohe Kosten für private Behandlungen aufbringen, da nicht alle Leistungen von den Krankenkassen übernommen werden. Zusätzlich sind Therapiebesuche für viele Menschen mit Stigmata behaftet. Betroffene meiden professionelle Hilfe, obwohl Angsterkrankungen meist schnell und effektiv behandelt werden können.

Angsterkrankungen behandeln, aber wie?

Angst ist eine normale Reaktion auf Bedrohungen. Sie versetzt den Körper in Alarmbereitschaft, um in Gefahrensituationen schnell reagieren zu können. Angstgefühle können sich aber auch unabhängig von real existierenden Gefahren entwickeln und zu einer anhaltenden Belastung werden. Oftmals werden bei Angsterkrankungen die Lebensqualität und der Alltag der Betroffenen stark eingeschränkt. Personen mit spezifischen Ängsten, beispielsweise einer Spinnenphobie, können etwa bestimmte Orte wie den Keller oder die Garage nicht mehr aufsuchen oder reagieren bereits bei einem Foto einer Spinne mit Angstsymptomen. Unbehandelt können Ängste Folgeerkrankungen wie eine Depression nach sich ziehen.

Die Konfrontationstherapie ist nach Johannes Rother, Psychologe bei Phobius, dem Zentrum für Angst, Panik und Phobien in Wien, die geeignetste Form für die Behandlung von Angsterkrankungen: „Generell geht es in der Konfrontationstherapie immer darum, aktiv zu werden. Patientinnen und Patienten lernen, das Vermeiden von angstauslösenden Situationen zu überwinden und die Kontrolle zurückzugewinnen.“ Neben der Aufklärung von körperlichen und psychischen Vorgängen und dem Erlernen von Entspannungstechniken üben Betroffene in der Therapie, ihre Ängste auszuhalten. Im Fall einer Spinnenphobie geschieht dies zunächst mit dem Ansehen und Aushalten von Bildern einer Spinne. Später folgt eine räumliche Annäherung an ein lebendes Tier. Aber nicht immer lässt sich eine reale Konfrontation im Therapiealltag umsetzen. Hier kann der Einsatz von Virtual Reality (VR) helfen.

Reale Ängste virtuell überwinden

Egal, ob Spinnen, Schlangen oder Nadeln – in einer computergenerierten 3-D-Simulation, in die Nutzerinnen und Nutzer mithilfe einer VR-Brille eintauchen, können nahezu alle Ängste nachgestellt werden. Bereits seit den 1990er-Jahren werden Behandlungen von Angsterkrankungen mittels virtueller Realitäten erforscht. 1997 wurde in einem Fallbericht der Universität Washington erstmals die Wirksamkeit von VR bei der Behandlung einer Spinnenphobie nachgewiesen. Spätere Studien bestätigen, dass die virtuelle Konfrontation mit Objekten oder Situationen, die Angst auslösen, vergleichbare Effekte wie die reale Konfrontation erzielt. Die Meta-Analyse von Psychologe Nexhmedin Morina und seinem Team, in der 14 Studien verglichen wurden, zeigt, dass der Lernerfolg, den Patientinnen und Patienten in der virtuellen Welt erlangen, auch in der Realität nachgewiesen werden kann.

Das Therapiezentrum Phobius hat sich auf die Behandlung von Angststörungen mit virtueller Realität spezialisiert. Mittels VR-Simulationen können bei einer Angst vor dem Fliegen beispielsweise Flugsituationen nachempfunden werden, ohne wöchentlich eine Flugreise antreten zu müssen. Die designte Umgebung lässt sich flexibel auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten anpassen. „Für manche Klientinnen und Klienten können reale Konfrontationen zunächst zu herausfordernd sein. In einer virtuellen Umgebung können wir angstauslösende Situationen aber sehr gut kontrollieren“, sagt Rother.

Die virtuelle Konfrontationstherapie lässt sich nicht nur bei Phobien, sondern auch bei Panikstörungen anwenden. „Wenn Panikattacken in bestimmten Situationen häufiger auftreten, können wir mit den Patientinnen und Patienten Hyperventilierungsübungen machen und dann mittels Virtual Reality beispielsweise in eine Fahrstuhlumgebung gehen“, erklärt Rother. Der Umgang mit einer Panikattacke lässt sich somit einfach erproben. Dennoch hat auch der Einsatz von VR seine Grenzen. Übermäßig auftretende Ängste und Sorgen, die den Alltag bestimmen, lassen sich in der virtuellen Realität nicht simulieren.

Chatten gegen Ängste und Sorgen

Zitternd, schwitzend und mit pochendem Herzen sitzt Katharina in der U-Bahn. Sie ist auf dem Weg in die FH. Tausend Gedanken schießen ihr durch den Kopf. Die 24-Jährige, die anonym bleiben möchte, hat am Vortag den ganzen Tag gearbeitet. Um sich auf die Lehrveranstaltung vorzubereiten, blieb keine Zeit. Katharina könnte drangenommen werden, nichts wissen und negativ beurteilt werden. Sie könnte den Raum, in dem sie noch nie Unterricht hatte, nicht finden und die Anwesenheitspflicht unterschreiten. Am liebsten würde Katharina wieder umdrehen und sich im Bett verkriechen. Doch stattdessen öffnet sie den Chatbot Woebot auf ihrem Smartphone.

Katharina hat während der Corona-Pandemie eine generalisierte Angststörung entwickelt. In ihrem Alltag drehen sich ihre Gedanken regelmäßig um ihre berufliche Ausbildung und den damit verbundenen Leistungsdruck. Katharina ist damit nicht allein. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sind die Fälle von Angsterkrankungen und Depressionen in der Pandemie um ein Viertel gestiegen. In Österreich leiden laut einer Studie, die in der Fachzeitschrift „Sleep Medicine“ erschienen ist, mehr als 20 Prozent an unspezifischen Ängsten und Sorgen.

Um den anhaltenden Stress am Arbeitsplatz und im Studium bewältigen zu können, hat Katharina bereits vor einem Jahr eine Psychologin aufgesucht. In der Therapie spricht sie auch erstmals über ihre Ängste. Den Chatbot entdeckt die 24-Jährige einige Monate später auf Social Media. Seitdem nutzt sie die App als Ergänzung zur Gesprächstherapie. Dass der Bot diese nicht ersetzen kann, weiß Katharina. In manchen Situationen hilft er trotzdem: „Es gibt Tage, an denen es mir nicht gut geht, meine nächste Therapiestunde aber erst in der kommenden Woche stattfindet. Die App hilft mir dann, aus meinem Gedankenkarussell herauszukommen.“

Der KI-Therapeut „Woebot“ ist Tag und Nacht erreichbar. Als Ersatz für professionelle Hilfe ist er jedoch nicht geeignet.
Der KI-Therapeut „Woebot“ ist Tag und Nacht erreichbar. Als Ersatz für professionelle Hilfe ist er jedoch nicht geeignet.Lisa Eckerstorfer

„Wie geht es dir gerade?“ Die Woebot-App erkundigt sich täglich nach dem Befinden der Nutzerinnen und Nutzer. Der Chat kann aber auch unabhängig davon gestartet werden, etwa wenn die Sorgen zu groß werden oder sich eine Panikattacke anbahnt. Der Chatbot stellt konkrete Fragen zu aktuellen Gefühlen und Problemen und begleitet die Nutzerinnen und Nutzer durch angstauslösende oder depressive Situationen. Auf die Fragen von Woebot gibt es vorgefertigte Antwortmöglichkeiten, manche Gedanken müssen selbstständig eingetippt werden.

Psychologinnen und Psychologen der Universität Stanford in Kalifornien haben den Bot programmiert, um Menschen mit psychischen Erkrankungen niederschwellig Hilfe zu bieten. Der Bot liefert mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) Anregungen und Tipps, die die Gefühlslage der Nutzerinnen und Nutzer verbessern sollen. Derzeit ist die App nur auf Englisch verfügbar. Auf Deutsch chatten lässt sich mit der App Stresscoach. Ähnlich wie Woebot liefert der Stresscoach Ratschläge zur Überwindung von Krisen und bietet bei Bedarf Meditationsübungen und Atemtechniken an. Doch nicht alle Lektionen der App Stresscoach sind kostenlos. Um diese nutzen zu können, muss ein Jahresabo abgeschlossen werden.

Die Wirksamkeit von Chatbots bestätigt eine Studie, die im „Journal of Medical Internet Research Mental Health“ veröffentlicht wurde. Gegenstand der Studie ist die App Woebot. Teilnehmenden, die unter Angstzuständen litten, ging es nach der Nutzung besser als jenen, die ein E-Book mit Strategien zur Selbsthilfe erhalten hatten. Auch Claudia Stelzel-Drexler, klinische Psychologin und Leiterin der Arbeitsgruppe Digitalisierung und E-Mental-Health im Berufsverband der österreichischen Psychologinnen und Psychologen (BÖP), sieht Vorteile in der Anwendung von künstlicher Intelligenz bei der Therapie von Angsterkrankungen: „Patientinnen und Patienten, die zum Beispiel unter sozialen Ängsten leiden, können mit Chatbots oft besser kommunizieren als mit Menschen, da Bots keine Erwartungshaltung an sie haben.“ Gleichzeitig betont Stelzel-Drexler, dass Chatbots keinesfalls als Alternative zur Therapie verwendet werden sollen. Programme, die auf künstlicher Intelligenz basieren, können zwischenmenschliche Beziehungen nicht ersetzen. Komplexe Fragen und Probleme sind für Bots ebenfalls nicht lösbar.

Selbsthilfe-Programme mit Vorsicht genießen

Digitale Angebote sollten nicht zur Selbsttherapie verwendet werden, auch wenn sie zum Teil frei oder kostengünstig am Smartphone abrufbar sind. Stelzel-Drexler erwähnt in diesem Zusammenhang das sogenannte Blended-Care-Verfahren, bei dem digitale Anwendungen in die Therapie eingebunden werden: „Welche App oder welches Online-Trainingsprogramm für einen Patienten geeignet ist, ist sehr individuell und muss von dem zuständigen Therapeuten entschieden werden. Erst dann ist der Nutzen für die Gesundheit der Patientinnen und Patienten sichergestellt.“

Auch Psychologe Rother ist der Meinung, dass Apps eine sinnvolle Ergänzung, jedoch kein Ersatz für die Therapie sein können: „Angstbehandlungen sind mit sehr viel Widerstand verknüpft. Wenn wir zum Beispiel mit Hausaufgaben arbeiten, werden diese mehr schlecht als rechte erledigt. Bei Apps sehe ich die Motivation der Betroffenen ähnlich hoch.“ Gamifizierte Apps, die mit gezielten Anreizen zum Üben motivieren, könnten in Zukunft helfen, eine Versorgung vieler Betroffener in Kombination mit therapeutischer Begleitung sicherzustellen.

Apps „auf Rezept“ in Österreich noch nicht erhältlich

Während in Österreich Virtual Reality immer mehr in die psychotherapeutische Versorgung von Angsterkrankungen integriert wird, fehlen für verschreibungspflichtige Apps und Onlineprogramme entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen. In Deutschland vereinfacht das Digitale-Versorgung-Gesetz den Zugang zu digitalen Gesundheitslösungen. Seit Oktober 2020 können zertifizierte digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) wie Apps „auf Rezept“ verschrieben und bei den Krankenkassen abgerechnet werden.

Bis in Österreich Apps verschrieben werden können, möchte die Arbeitsgruppe Digitalisierung und E-Mental-Health für eine Aufstellung vertrauenswürdiger Apps und Onlineprogramme, die internationalen Standards entsprechen, sorgen. Nach Stelzel-Drexler ist es notwendig, dass Gesundheit-Apps Datenschutzrichtlinien befolgen, keine Werbung beinhalten und gemeinsam mit Psychologinnen und Ärzten entwickelt und wissenschaftlich überprüft werden.

Videospiele

Videospiele in der Psychotherapie: Game over oder Level-up?

Seit 2018 wird Computerspielsucht von der WHO als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. 360.000 Betroffene soll es in Österreich geben. Videospiele können aber auch Teil einer Lösung sein. Unter anderem können sie in der Traumatherapie oder als ADHS-Medikament eingesetzt werden.

Vor 50 Jahren kam mit „Pong“ das erste kommerziell erfolgreiche Videospiel auf den Markt. Sorgte die simple Tischtennis-Simulation damals mit weißen Balken auf schwarzem Hintergrund für Begeisterung, ermöglichen es heutzutage aufwendig produzierte Spiele, in Umgebungen mit realitätsnahem Design oder in Fantasiewelten einzutauchen. Doch egal, ob es sich um ein simples Handyspiel für zwischendurch oder um ein aufwendig produziertes Blockbuster-Spiel handelt, dessen Herstellung 500 Millionen Dollar gekostet hat, digitale Spiele sind aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. 5,3 Millionen Österreicherinnen und Österreicher spielten im Jahr 2021 Computer-, Videospiele oder Mobile Games. Das entspricht rund 60 Prozent der Bevölkerung, wie aus einer Studie des Österreichischen Verbands für Unterhaltungssoftware (ÖVUS) hervorgeht.

Allerdings: Der Ruf der digitalen Spiele könnte diverser nicht sein. Auf der einen Seite gelten sie vielen als lieb gewonnenes Hobby, auf der anderen Seite bergen sie Suchtpotenzial. Auf der dritten Seite kommt die Wissenschaft ins Spiel – und mit ihr ein Weg, Personen mit Traumata und psychischen Erkrankungen Linderung zu verschaffen. 2020 kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Oxford zu dem Ergebnis, dass bestimmte Videospiele das Wohlbefinden erhöhen und dadurch die psychische Gesundheit der Spielerinnen und Spieler verbessern können.

Studienleiter Andrew Przybylski beschreibt dies folgendermaßen: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Videospiele nicht notwendigerweise schlecht für die Gesundheit sind. Tatsächlich kann Videospielen eine Aktivität sein, die sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. Eine Regulierung von Videospielen könnte den Spielern diese Vorteile vorenthalten.“

Die förderlichen Effekte würden jedoch nur dann eintreten, wenn aus intrinsischer Motivation gespielt werde, sagt Przybylski. Also aus Vergnügen gezockt werde. Mit anderen Worten: Während eine Tablette auch wirkt, wenn die Patientinnen und Patienten sie nur ungern schlucken, könnte die Wirkung von Videospielen an die Begeisterung der Erkrankten gekoppelt sein. Gerade bei spieleaffineren Kindern und Jugendlichen sollte dies ein geringes Problem sein. Weshalb das weltweit erste Videospiel, das als verschreibungspflichtiges Medikament zugelassen worden ist, speziell für diese Zielgruppe gedacht ist.

Handyspiel statt Ritalin?

2020 erhielt das Handyspiel „EndeavorRX“ von der US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) eine Zulassung als Behandlungsmittel für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Ziel des Spiels ist es, mit einem schwebenden Fahrzeug Levels mit verschiedenen Hindernissen bestmöglich zu meistern.

Einer klinischen Studie zufolge, die in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde, hatte ein Drittel der Kinder, die „EndeavorRX“ fünfmal pro Woche 25 Minuten lang spielten, „kein messbares Aufmerksamkeitsdefizit“. Jedoch gibt es bei der Studie eine nicht unwesentliche Ungereimtheit. Wie das Technikportal „The Verge“ 2020 berichtete, wurde die Wirksamkeitsstudie zu „EndeavorRX“ von Ärzten durchgeführt, die Aktienoptionen an dessen Herstellerunternehmen besitzen. Auch aufgrund dieses Umstands muss betont werden, dass das Handy-Spiel nur als Ergänzung und nicht als Ersatz für herkömmliche ADHS-Behandlungsmethoden eingesetzt werden sollte. In Österreich wäre es derzeit nicht möglich, Videospiele als verschreibungspflichtige Medikamente einzusetzen. Für die Behandlung von ADHS bleiben zugelassene Medikamente wie Concerta, Ritalin oder Strattera daher weiter unerlässlich.

„Tetris“ als Traumatherapie

„Tetris“ ist eines der weltweit bekanntesten Videospiele. Bis heute wurde das Geschicklichkeitsspiel, bei dem herunterfallende, verschiedenförmige Blöcke zu geschlossenen Reihen sortiert werden müssen, mehr als 400 Millionen Mal verkauft. Dass das Spiel weit mehr als nur ein Zeitvertreib sein könnte, zeigt eine Studie der Universität Oxford sowie des schwedischen Karolinska-Instituts für klinische Neurowissenschaften. 2017 testete ein Forschungsteam um die Neurowissenschaftlerin Emily Holmes, ob es möglich sei, durch „Tetris“-Spielen die Ausbildung traumatischer Stresssymptome zu verhindern. Dafür wurden 71 Opfer von Kraftfahrzeugunfällen nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus untersucht, die auf ihre Behandlung warteten. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich dafür an das traumatische Erlebnis erinnern. Die eine Hälfte der Probanden sollte danach „Tetris“ spielen. Eine Befragung eine Woche später zeigte, dass die „Tetris“-Gruppe 62 Prozent weniger intrusive Erinnerungen an das Trauma hatte als die Kontrollgruppe. Intrusive Erinnerungen werden durch bestimmte Schlüsselreize ausgelöst und lassen die Betroffenen ein traumatisches Ereignis erneut durchleben. Ein vollbremsendes Auto könnte zum Beispiel ein Schlüsselreiz für eine intrusive Erinnerung an einen Verkehrsunfall sein.

In einer Aussendung der Universität Oxford erklärt Holmes, dass durch das Spielen verhindert werde, dass bestimmte Aspekte des Erlebnisses abgespeichert werden. Bereits 2009 kam eine Studie des Instituts für Psychiatrie der Universität Oxford zu einem ähnlichen Ergebnis. Zwei Probandengruppen wurde damals ein Video mit traumatisierenden Inhalten gezeigt. Die Probanden, die nach der Vorführung „Tetris“ spielten, hatten in der darauffolgenden Woche signifikant weniger Flashbacks als die Kontrollgruppe. Flashbacks bezeichnen mentale Bilder, die durch einen Schlüsselreiz ausgelöst werden und Erinnerungen an ein vergangenes Erlebnis hervorbringen. Ein Zeitraum von sechs Stunden nach einem traumatischen Erlebnis sei entscheidend, welche Erinnerungen dazu abgespeichert werden, erklärte die Psychologin Catherine Deeprose von der Universität Oxford 2009 in einer Presseaussendung.

Durch das Drehen und Verschieben der bunten, geometrischen „Tetris“-Steine werde das Gehirn ausgelastet, sagt Neurowissenschaftlerin Holmes. Dabei seien jene Gehirnareale aktiv, in denen optische und räumliche Eindrücke verarbeitet werden. Flashbacks greifen ebenfalls auf diese Verarbeitungsressourcen zurück, die aber durch die Spieleeindrücke bereits besetzt sind.

Die bunten „Tetris“-Steine könnten im übertragenen Sinne die Festsetzung eines Traumas blockieren.
Die bunten „Tetris“-Steine könnten im übertragenen Sinne die Festsetzung eines Traumas blockieren.Zyliskiai; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tetris_IBM.png?uselang=de

Die Forschung zur Behandlung von posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) mithilfe von Videospielen steht derzeit noch am Anfang. Barbara Haid, Psychotherapeutin und Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP), steht diesem Ansatz aber offen gegenüber: „Gerade komplex traumatisierte Menschen kippen immer wieder in Zustände, in denen sie das Trauma immer wieder erleben. Dann geht es darum, sie so schnell wie möglich aus diesem Zustand herauszuholen. ,Tetris’ kann einen Beitrag dazu leisten, oder dass es gar nicht so weit kommt. Dennoch sind weitere Skills dafür notwendig. ,Tetris’ in diesen Skills-Koffer hineinzupacken, finde ich aber sehr schlau.“

„Fluch und Segen“

Da Computerspielsucht jedoch nach wie vor ein massives Problem darstelle, warnt Haid vor zu viel Euphorie. Deshalb fällt auch ihr Fazit zweigespalten aus: „Computerspiele können unterstützend helfen. Aber sie sind Fluch und Segen zugleich. Ich sehe viel mehr computerspielsüchtige Menschen, die nur mehr in ihren virtuellen Welten leben und das Real Life an ihnen vorbeizieht.“ Die Behandlung erfolgt, wie bei anderen Suchterkrankungen, entweder mittels Entzugs oder Entwöhnung. Wobei Haid den Ansatz des kontrollierten Konsums vertritt, da sonst die Rückfallquote extrem hoch sei. „Wenn ich mit meinen Patienten mit Computerspielen arbeite, dann tauche ich gemeinsam mit ihnen in diese Welt ein. Sie erklären mir diese Welten, und ich arbeite mit ihnen das Hilfreiche und das Schädliche heraus. Erst vor wenigen Wochen habe ich mit einem süchtigen jungen Mann seinen Avatar begraben, und vielleicht schafft er es jetzt, ein Stück weit als der, der er ist, in die Welt zu gehen“, erklärt die Psychotherapeutin.

In Österreich gibt es derzeit weder eine zertifizierte Videospieletherapie, noch wäre es möglich, Videospiele als verschreibungspflichtige Medikamente einzusetzen. ÖBVP-Präsidentin Haid sieht jedoch die Möglichkeit, dass sich das ändern könnte: „In diesem Bereich passiert derzeit sehr viel, und es wird viel entwickelt. Derzeit ist beides nicht möglich. Das heißt aber nicht, dass das in zehn bis 15 Jahren nicht anders sein könnte.“

Herangezogene Quellen:

Bausteinspiel „Tetris" verringert traumatische Erinnerung nach Unfall: https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/news-archiv/artikel/bausteinspiel-tetris-verringert-traumatische-erinnerung-nach-unfall

Gaming does not appear harmful to mental health, unless the gamer can't stop - Oxford study. https://www.ox.ac.uk/news/2022-07-27-gaming-does-not-appear-harmful-mental-health-unless-gamer-cant-stop-oxford-study

‘Tetris’ may help reduce flashbacks to traumatic events: https://www.ox.ac.uk/news/2009-01-07-%E2%80%98tetris%E2%80%99-may-help-reduce-flashbacks-traumatic-events

‘Tetris’ used to prevent post-traumatic stress symptoms: https://www.ox.ac.uk/news/2017-03-28-tetris-used-prevent-post-traumatic-stress-symptoms