Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Huckleberry Finn darf nicht mehr „Nigger“ sagen

Mark Twains bekannteste Bücher erscheinen nun in einer Version, aus der zwei „verletzende Attribute“ getilgt wurden.

They want to sivilize me“, würde Huckleberry Finn, Mark Twains notorisch unterzivilisierte Romanfigur, wohl sagen: In einer neuen Ausgabe von „Adventures of Huckleberry Finn“ wurde das Wort „nigger“, das 219 Mal vorkommt, durch „slave“ ersetzt. Zwei „hurtful epithets“ (verletzende Attribute) seien „less offensive words“ (weniger anstößigen Wörtern) gewichen, heißt es in einer Stellungnahme des Verlags NewSouth Books in Montgomery, Alabama.

Das zweite betroffene Wort ist „injun“, das oft mit „Rothaut“ ins Deutsche übersetzt wird, stattdessen steht nun „indian“. Ähnlich wie „nigger“ ist „injun“ wohl aus Spott über die angeblich mangelhafte englische Aussprache der Bezeichneten entstanden; es kommt etwa im Lied „Ten Little Injuns“ vor, das erst später in „Ten Little Niggers“ variiert wurde, das unserem (ebenfalls inzwischen verpönten) „Zehn kleine Negerlein“ entspricht.

Der Verlag reagiert mit seinem Eingriff – dem gleich auch „The Adventures of Tom Sawyer“ unterzogen wurden – auf seit Jahrzehnten anhaltende Kritik. Die beiden Klassiker Mark Twains werden in vielen US-Schulen nicht mehr gelesen, weil vor allem das Wort „nigger“ auch in Dialogen oder einer Icherzählung (wie „Huckleberry Finn“) als indiskutabel gilt. Selbst in den einschlägigen Debatten wird es meist durch den Ausdruck „the N-word“ ersetzt. Und schon 1955 ließ CBS in einer TV-Version den Sklaven Jim durch einen weißen Schauspieler darstellen, um der Rassismusdebatte zu entkommen. Die bis heute läuft: Die meisten Experten versichern zwar, dass Mark Twain (1835 bis 1910) dem Rassismus fern war, manche meinen aber, auch er sei in seinen Beschreibungen – etwa des Jim – rassistischen Klischees erlegen. Alle solche Debatten – auch über „the nature of censorship“ seien willkommen, versichert der Verlag: Herausgeber Alan Gribben sei es wichtig, dass Twains Bücher nicht wegen „vorbeugender Zensur“ gar nicht mehr gelesen würden.

Offenbar habe Gribben die Bücher gar nicht verstanden, schrieb der schwarze Schriftsteller Ishmael Reed im „Wall Street Journal“: „Warum zensieren sie dann nicht die schwarzen Autoren, die das Wort verwenden? Zensieren wir dann auch Liedtexte? Dann wäre Hip-Hop, wie wir ihn kennen, tot.“ Tatsächlich verwenden viele heutige US-Rapper das N-Wort, meist „nigga“ (Plural: „niggaz“) geschrieben, geradezu inflationär – ganz ähnlich, wie türkische Rapper in Deutschland sich selbst als „Kanaken“ bezeichnen. „Ethnic pride“ nennt man das: Schimpfwörter werden durch offensiven Gebrauch zu stolzen Selbstbezeichnungen umgedeutet. Ob es z.B. auch weißen Rappern zusteht, „niggaz“ zu sagen, ist eine offene Frage.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2011)