Der ökonomische Blick

Was uns die Wirtschaftsnobelpreisträger über Finanzkrisen erzählen

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SWEDEN-NOBEL-PRIZE-BANQUETAPA/AFP/JONATHAN NACKSTRAND
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Ben Bernanke, Douglas Diamond und Philip Dybvig erhielten 2022 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Ihre Arbeit trägt zu unserem Verständnis von Finanzkrisen und der Rolle von Banken bei.

Der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften 2022 ging an Ex-US-Zentralbankchef Ben Bernanke, sowie die amerikanischen Ökonomen Douglas Diamond und Philip Dybvig. Mit ihren Arbeiten aus dem Jahr 1983 trugen Diamond und Dybvig in „Bank Runs, Deposit Insurance, and Liquidity“ und Bernanke in „Nonmonetary Effects of the Financial Crisis in the propagation of the Great Depression“ maßgeblich zu unserem Verständnis von Finanzkrisen und der Rolle der Banken bei.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Bank-runs

Douglas Diamond und Philip Dybvig entwickelten ein theoretisches Modell, das den Bankenmarkt abbildet. Das Kerngeschäft einer Bank ist die Bereitstellung von Krediten. Zu diesem Zweck werden Einlagen von Sparern gebündelt und in Form von Krediten an Haushalte und Firmen weitergegeben. Letztere können somit Investitionen finanzieren, welche für ein anhaltendes Wirtschaftswachstum unerlässlich sind. Die Umwandlung von Ersparnissen in Kredite bedingt eine Fristentransformation: Einlagen können kurzfristig abgezogen werden, während Kredite oftmals über einen langen Zeithorizont gebunden sind. Zudem setzen Banken bei der Kreditvergabe auch einen Hebel ein, denn Kredite sind nur zu einem geringen Teil durch Ersparnisse gedeckt. 

Die Kernaussagen in dem von Diamond und Dybvig entwickelten Modell lassen sich wie folgt zusammenfassen: Zum einen zeigten sie, dass Banken in ihrer Eigenschaft als Finanzintermediäre die effizienteste Form der Finanzierung darstellen und somit von zentraler wirtschaftlicher Bedeutung sind. Andererseits hoben sie eine inhärente Schwachstelle dieses Systems hervor, nämlich das Risiko eines Bank-Runs, sollte das Vertrauen der Sparer in die Sicherheit ihrer Einlagen schwinden. Tatsächlich ist das Auftreten von Bank-Runs keine historische Anomalie, sondern stetiger Begleiter im Finanzsystem. 

Bank-Runs beschreiben eine Situation, in der viele Sparer gleichzeitig ihre Einlagen zurückfordern, da sie beispielsweise einen Zahlungsausfall ihres Kreditinstituts befürchten. Dabei ist es irrelevant, ob diese Befürchtung begründet ist, oder nicht. Die daraus resultierende schlagartigen Rückforderungswelle kann die Liquidität der Banken überwältigen, da langfristige Investitionen oftmals nicht kurzfristig liquidiert werden können. Um dies zu verhindern, können Regierungen und Zentralbanken das Vertrauen in das Bankensystem stärken, indem sie glaubwürdig versichern im Falle einer Liquiditätskrise einzuspringen. In den meisten Staaten wird dies heutzutage mittels einer Einlagensicherung gewährleistet. In der EU wurden zum Beispiel im Jahr 1994 erstmals einheitliche Mindestanforderungen an die nationalen Einlagerungssysteme der Mitgliedsstaaten eingeführt und in Folge der Finanzkrise 2008 weiter harmonisiert.

Bank-Runs waren zwar bereits vor Diamond-Dybvig bekannt, aber ihr Modell bietet erstmals einen logisch konsistenten Rahmen, für viele der informalen Argumente der bisherigen Literatur und erklärt die Notwendigkeit staatlicher Regulierung, wie z.B., der Einlagensicherung. Ihre Schlussfolgerung gehen über den oben beschriebenen Anwendungsfall hinaus und gelten auch für Liquiditätskrisen von Banken untereinander, was z.B. während der globalen Finanzkrise 2007/08 der Fall war.

Und Bernanke?

Die empirische Forschung von Ben Bernanke befasst sich mit der Großen Depression der 1930er Jahre, dem bis dato dramatischsten Wirtschaftsabschwung in der Geschichte. Bernanke erforscht vor allem die Bedeutung des Kreditkanals für die Ausbreitung der großen Depression. Dazu greift er auf statistische Auswertungen und historische Quellenrecherchen zurück. Bernanke beschreibt, wie die durch Bankenzusammenbrüche verloren gegangenen Beziehungen zwischen Kreditnehmern und Kreditgebern, und der daraus resultierende Einbruch der Kreditvergabe, den realwirtschaftlichen Abschwung verstärken. Das Neue an seiner Forschung war die Beschreibung von realwirtschaftlichen Effekten einer Bankenkrise; damit hob er sich von der – vor allem wirtschaftshistorischen – Darstellung der damaligen Zeit ab, die Bankenzusammenbrüche als eine von realwirtschaftlichen Effekten isolierte Folge von Rezessionen oder einer Verknappung der Geldmenge beschrieb.

Die vor fast 40 Jahren errungenen Erkenntnisse von Bernanke, Diamond und Dybvig haben unser Verständnis für die zentrale Rolle der Banken in der Wirtschaft, vornehmlich während Finanzkrisen, erheblich verbessert, und sich für politische Entscheidungsträger als äußerst wertvoll erwiesen. Wie bei jeder großen Arbeit kann man auch Kritik anführen. Ben Bernanke konnte in seiner aktiven Zeit als US Notenbankchef der Ausbreitung einer Finanzkrise als Entscheidungsträger aktiv entgegenwirken. Kritiker merken an, dass die Blasen an den US Aktien- und Immobilienmärkten erst durch eine als äußerst locker angesehene Geldpolitik entstehen konnten. Deren Platzen löste die globale Finanzkrise 2007/08 aus und veranschaulichte eindrucksvoll die verheerende Wirkung von finanziellen Krisen auf die Realwirtschaft.

Die Finanzkrise zeigte auch, dass eine Einlagensicherung nur ein Teil einer erfolgreichen Regulierung sein kann, kam es in dieser Zeit doch vorwiegend zu Vertrauensverlusten zwischen den Banken. Den regulativen Eingriffen und den damit gewonnen Stabilitätsgewinn des Finanzsystems muss man auch das moralische Risiko („moral hazard“) gegenüberstellen: Verkalkuliert sich eine Bank durch risikoreiche Investitionen, kann sie sich bei Zahlungsausfall auf das Einspringen des Staates (z.B., durch das Einlagensicherungssystem) verlassen und agiert daher eventuell nicht immer stabilitätsorientiert. 

Die Autoren

Martin Feldkircher ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Diplomatischen Akademie in Wien.

Ernst-Benedict Helmut Höfter ist Studienassistent für Volkswirtschaftslehre an  der Diplomatischen Akademie in Wien.

Paul Hofmarcher ist  Assoziierter Professor für Volkswirtschaft an der Universität Salzburg.

Martin Feldkircher, Ernst-Benedict Helmut Höfter, Paul Hofmarcher
Martin Feldkircher, Ernst-Benedict Helmut Höfter, Paul Hofmarcher Beigestellt

Referenzen:

Diamond, D. und D. Philip (1983), "Bank Runs, Deposit Insurance, and Liquidity", Journal of Political Economy 91(3): 401-419.

Bernanke, B. (1983), "Nonmonetary Effects of the Financial Crisis in the Propagation of the Great Depression", American Economic Review 73(3): 257-276.

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