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Was sollen der Ukraine französische Panzer bringen?

Paris schenkt Kiew gepanzerte Radfahrzeuge vom Typ AMX-10 RC, was als waffentechnischer Vorstoß auf eine neue Ebene gewertet wurde. Tatsächlich ziehen Deutschland und die USA nach. Eine Einschätzung.

Die in der Nacht auf Donnerstag bekanntgewordene Vereinbarung zwischen Frankreich und der Ukraine, wonach demnächst französische Panzer zur Unterstützung des ukrainischen Heeres geliefert werden sollen, wirft zahlreiche Fragen auf - zumal auch die mediale Vermittlung dieser Vereinbarung teils fragwürdig ist.

Der französische Präsident, Emmanuel Macron, sagte seinem Kollegen in Kiew, Wolodymyr Selenskij, die Lieferung von Kampffahrzeugen des Typs AMX-10 RC zu. Weder zu deren Zahl noch zum Zeithorizont der Lieferung gibt es Details. Konkret wurden die Fahrzeuge in der Aussendung "chars de combat légers" genannt, also „leichte Kampfpanzer". Und diese, so der Élysée-Palast, seien „die ersten Panzer westlicher Bauart" (chars de conception occidentale), die die Ukraine für ihren Kampf gegen Russland erhalte. In manchen deutschsprachigen Medien war bzw. ist indes oft von den „ersten Kampfpanzern westlicher Bauart" die Rede.

Selenskij lobte das Geschenk aus Paris in einer Videoansprache als „klares Signal an alle unsere Partner: Es gibt keinen rationalen Grund, weshalb Panzer westlicher Bauart bisher nicht an die Ukraine geliefert wurden."

In der Nacht auf Freitag hieß es dann aus Berlin und Washington, dass man Schützenpanzer der Typen „Marder" bzw. „Bradley“ liefern werde. Das ist allerdings eine andere Fahrzeugklasse und spielt daher in den kommenden Ausführungen keine Rolle.

Ist das echt ein Kampfpanzer?

Nun handelt es sich beim AMX-10 RC, gebaut vom französischen Rüstungskonzern GIAT (seit 2006: Nexter) ab Mitte der 1970er zu gesamt etwa 460 Stück, sicherlich um einen Panzer (Char; Englisch: Tank) im weitesten, auch volkstümlichen Sinn. Also um ein gepanzertes Fahrzeug mit eigener Bewaffnung. Er hat eine lange 105-Millimeter-Kanone, ein bis zwei Maschinengewehre, sechs Räder. Der Zusatz „RC" steht für „Roues-Canon", also etwa „Kanone auf Rädern". Ob er aber ein „Kampfpanzer" ist, wenn auch ein leichter, darüber kann man streiten.

Laut Definition der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa OSZE im Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE-Vertrag, 1990) hat ein Kampfpanzer, einfach gesagt, eine um 360 Grad schwenkbare Kanone vom Kaliber 75 Millimeter aufwärts, die auch gegen gepanzerte Ziele geeignet ist; einen „hohen Grad an Selbstschutz"; eine Leermasse von mindestens 16,5 Tonnen; und ein Ketten- oder Radlaufwerk. Er darf nicht primär zum Transport von Soldaten dienen.

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AMX-10-RC-Radpanzer bei einer Vorführung in Frankreich.APA/AFP/EMMANUEL DUNAND

In der Praxis der Panzertruppe steht diese Definition aber auf dünnen Ketten oder Rädern: Dort sind Kampfpanzer (Main Battle Tanks) an sich seit langem nur noch Fahrzeuge mit Kettenlaufwerk, einer Kanone vom Mindestkaliber 100 Millimeter (in der Praxis meist ab 115) und einer richtig starken Panzerung von durchaus zwei bis drei Dutzend Zentimetern Dicke, die mehr aushalten muss als bloß Geschosse von Maschinengewehren, 20- bis 30-Millimeter-Maschinenkanonen sowie Splitter nah einschlagender Bomben bzw. Artilleriegranaten. Dadurch ergeben sich auch Mindestgewichte von typischerweise um die 40 Tonnen. Insgesamt ist ein Kampfpanzer der harte Kern des Heeres, dessen wichtigstes Manöverelement im Feld bei Angriff und Verteidigung, der Hammer beim Stoß durch Abwehr, er vereint mehrere taktische Funktionen und bekämpft Ziele aller Art (aber typischerweise keine Luftfahrzeuge).

Der dreiachsige AMX-10 RC mit seiner auffallend langen 105-Millimeter-Kanone entspricht zwar in vieler Hinsicht der Kampfpanzerdefinition der OSZE, aber nicht dem Brauch der Praxis. Er kommt je nach Ausführung und Zusatzpanzerung nur auf etwa 16 bis 22 Tonnen und ist von der Grundstruktur her dünn gepanzert, eben nur gegen Beschuss aus oben genannten Waffen wie MGs, Maschinenkanonen, sowie gegen Granatsplitter. Außerdem wurde er grundsätzlich als schneller Aufklärer konzipiert (auf der Straße um die 85 km/h), der im Notfall auf größere Distanz (>2000 Meter) auch panzerbrechend schießen kann. Und so firmiert er de facto als gepanzertes Aufklärungsfahrzeug (véhicule blindé de reconnaissance), als „Spähpanzer", „Radpanzer", auch „Panzerjäger".

Er ist sicher nicht der Erste

Doch abseits der Definitionsfrage: Anders als von Paris behauptet wird dieses Fahrzeug nicht der erste Panzer westlicher Bauart für die Ukraine sein. Auf der Liste westlicher Waffenhilfe stehen nämlich schon gepanzerte Mannschaftstransporter vom US-Typ M113, vom britischen Typ „Spartan" sowie britische „Scimitar"-Spähpanzer. Auch die deutschen „Gepard"-Flakpanzer sind Panzer im weitesten Sinn, will man haarspalterisch sein. Vollwertige westliche Kampfpanzer - etwa deutsche Leopard 2, britische Challengers, italienische Arietes - erhielt die Ukraine bisher aber nicht. Durch den AMX-10 RC wird sich das auch nicht ändern.

Wie dessen Kampfkraft auf dem ukrainischen Kriegsschauplatz zu bewerten ist? Sicher mit sehr großem Vorbehalt: Als Radpanzer wird er im Gelände gegenüber Kettenfahrzeugen benachteiligt sein, was speziell für die Rasputiza-Schlammzeiten im Herbst und Frühling gilt. Seine Erfahrungswerte zur Beweglichkeit stammen aus dem verkehrstechnisch gut erschlossenen Raum Frankreich/Deutschland/Belgien, dem Kosovo, Afghanistan, aus Wüstengebieten etwa in Marokko, Mali, Saudiarabien und im Irak sowie aus afrikanischem Savannen- und Buschland.

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In der Rasputiza wird es in der Ukraine für Reifenfahrzeuge generell sehr ungemütlich. Das gilt abseits befestigter Straßen durchaus auch für Radpanzer.APA/AFP/GENYA SAVILOV

Seine 105-Millimeter-Kanone ist gegen Infanterie und leicht gepanzerte Ziele sehr wirksam, weist mit entsprechender Munition auch akzeptable Durchschlagswerte gegen stark gepanzerte Ziele auf, ist aber gegen moderne Kampfpanzer grundsätzlich weit weniger wirksam als Panzerkanonen vom Nato-Standardkaliber 120 Millimeter (innerhalb der Nato gibt es sogar schon Ansätze Richtung 130 mm).

Die Panzerung aus - im Kern - Aluminiumblech - wird indes selbst mit Zusatzelementen die Achillesferse des AMX sein. In Nordafrika traf er nie auf ernsthafte Gegner mit weitreichenden Waffen, höchstens mit Panzerfäusten. Im Zuge der Operation Desert Storm 1991 rollten solche Panzer zwar in den West-Irak, hatten aber keinen nennenswerten Gegner und endlos Luftunterstützung. Einen harten Kampfraum mit Präsenz feindlicher Kampfpanzer, Kampfhubschrauber, weitreichender schwerer Panzerabwehrraketen, Artillerie und so fort wird dieser Radpanzer kaum lange aushalten.

Aktuell betreibt die französische Armee noch etwa 250 Stück davon, Marokko etwa 110 (diese Zahl ist freilich sehr unklar) und die kleine Golfmonarchie Katar ein Dutzend.

>>> Französische AMX-10, hier in der modernsten Version RCR

In der - vermutlichen - Praxis wird sich der AMX-10 RC wohl in der Rolle etwa als Geleitschutzfahrzeug für Konvois im Hinterland, als Panzerjäger aus gut getarnten Stellungen heraus und eben als Spähfahrzeug wiederfinden. Er dürfte als „Aufräumer" taugen, wenn es um zersprengte, demotivierte russische Einheiten geht. In einer Rolle als Kampfpanzer, als Durchbrecher harter Abwehr und eventuell Sturmgeschütz zur unmittelbaren Infanterieunterstützung wird er aber überfordert sein.

Wurzelt es im Weltkriegstrauma...

Selenski mag dieses Geschenk aus Paris mit Grund als „klares Signal" für mehr Waffenlieferungen werten. Einen zwingenden Bogen unter Einschluss von Kampfpanzern kann er daraus nicht spannen. Und es gibt, anders als er es formuliert hat, sehr wohl rationale Gründe, weshalb westliche Kampfpanzer bisher nicht an die Ukraine geliefert wurden - gerade auch nicht seitens der deutschen Regierung, die in dieser Hinsicht von Kiew und anderen Seiten geradezu belagert wird. Anfang Oktober forderte sogar das EU-Parlament deutsche „Leopard"-Panzer für die Ukraine, doch in Berlin duckt man sich weiter standhaft weg.

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Um die teils futuristischen Leclerc-Panzer der Franzosen haben die Ukrainer bisher offenbar nicht angefragt. (Bild: bei einem Manöver in Rumänien vor wenigen Wochen).APA/AFP/THOMAS SAMSON

Wieso? Zum einen gibt es psychologische Gründe. Der Kampfpanzer ist eine besonders beeindruckende, symbolisch schwer beladene und auch wirksame Waffe. Obwohl Panzerabwehrraketen, Artillerie und Boden-Boden-Raketen auch hochgradig tödlich sind, überschreitet ein Kampfpanzer doch irgendwie eine Schwelle. Im Falle deutscher Leoparde für die Ukraine mag die Rolle der deutschen Panzerdivisionen im Zweiten Weltkrieg mitwirken, die maßgeblich am Beinahe-Zusammenbruch der Roten Armee 1941 beteiligt waren und aus Sicht vieler kriegführender Staaten besonders beeindruckend und gefährlich waren. Kampfpanzer wie der „Tiger" und „Panther", aber auch der sowjetische T-34 und der US-amerikanische „Sherman" wurden zu Legenden.

Dieses psychologische Argument ist das schwächste gegen die Lieferung von West-Kampfpanzern an Kiew - wenngleich es zugleich die Herabwürdigung und Vernachlässigung der Panzerwaffe gerade in westlichen Ländern seit Ende des Kalten Krieges herrlich konterkariert. Gerade in Österreich hieß es, dass man den Kampfpanzer nicht mehr brauche. Es gebe ja auch wohl keine „Panzerschlacht im Marchfeld" mehr, wie noch bis vor kurzem eines der dümmsten Argumente lautete.

... oder einfach in faktischer Vernunft?

Weit mehr wiegt die Tatsache, dass die meisten Nato-Staaten gar nicht so viele Panzer haben, die sie erübrigen können. Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Italien etwa hatten zuletzt nur noch etwa je 400, 270, 230 bzw. 200 Kampfpanzer der Modelle „Leclerc", „Leopard 2", „Challenger 2" bzw. „Ariete". Speziell im Falle Deutschlands ist dabei die Einsatzbereitschaft sehr fraglich. Kleine Nato-Länder wie Kroatien, Dänemark, Norwegen und die Niederlande haben je unter 100 Panzer. Im August nahm übrigens Spanien ein Angebot zurück, der Ukraine „mindestens zehn" Leopard 2 zu schicken; Spanien hat etwa 330 davon.

Seitens der größten Nato-Kampfpanzerflotten in den USA (je nach Zählung 5600 bis 6600, primär M1 Abrams), der Türkei (um die 3000) und Griechenland (mehr als 1300) gab es ebenfalls keine bis wenig Reaktionen. Ein erheblicher Teil der türkischen und griechischen Panzer ist indes mehr oder weniger veraltet.

Einigermaßen praktikabel scheint der Vorschlag, dass mehrere Nato-Heere, die deutsche Leopard 2 betreiben, jeweils eine kleinere Anzahl, die gerade noch entbehrlich ist, spenden. Diese Beiträge würden gebündelt und den Ukrainern übergeben. Also etwa Leos aus Deutschland, Spanien, Polen, Griechenland, Dänemark.

German Chancellor Scholz visits German army training at a military base in Bergen
Deutschlands SPD-Kanzler Olaf Scholz will seine paar einsatzfähigen Leopard-2-Panzer auch nicht hergeben.REUTERS

Diesem Vorschlag stehen teilweise gewisse Bedenken bezüglich der unterschiedlichen technischen Konfigurationen der „nationalen" Leoparde entgegen. Zudem das Problem, dass westliche Kampfpanzer in der ukrainischen Armee Fremdkörper sind, dass ihre Wartung und Ersatzteilversorgung schwieriger sein wird als jene typisch östlicher Geräte wie T-72 und T-80 und auch die Ausbildung der Ukrainer daran Monate dauern wird. Von einem T-72 in einen Leo wechselt man nicht so einfach wie von einem Lada oder Renault in einen Audi oder BMW.

West-Panzer sind vielleicht einfach zu schwer

Vielfach wird die vorherrschende Theorie hinterfragt, wonach westliche Kampfpanzer sich in der Ukraine grundsätzlich besser schlagen würden als russisch/ukrainische Modelle. Das dürfte im klassischen Gefecht Panzer versus Panzer wohl der Fall sein, doch geht der größere Teil der beidseitigen Panzerverluste in der Ukraine bisher auf Panzerabwehrwaffen der Infanterie, auf Drohnen und Minen zurück.

West-Panzer sind gegen moderne Panzerabwehrraketen, die von oben her anfliegen (Top Attack) und den Panzer an seiner schwächsten Stelle treffen, auch nicht besser geschützt als russische. Das betont ein eindeutiger Kenner der Materie im Gespräch mit der „Presse": nämlich Major Franz Brödl, ehemaliger Panzeroffizier des Bundesheeres und Lehrer an der Panzertruppenschule, seit 2015 im Heeresgeschichtlichen Museum Referent für Militärtechnik und Leiter der „Panzerhalle".

Allied Spirit IV 2016
Italienische Ariete-Kampfpanzer (Bild: eine Übung in Deutschland, 2016) wurden von den Ukrainern bisher nicht nachgefragt.U.S. Army

Brödl sieht außerdem einen sehr interessanten Aspekt: „Westliche Panzer generell wären in der Ukraine aus einem Grund, der kaum thematisiert wird, nicht so gut geeignet: Es gibt dort andere Brückenklassen. Ich meine Flussbrücken, Autobahnbrücken etc. Westpanzer sind im Schnitt zehn bis 15 Tonnen schwerer als russische. Der T-72 hat so 42 bis 45 Tonnen, der Leopard 2 schon 55, der aktuellste Leo steht gar bei 67. Die Eisenbahntragfähigkeiten dafür sind im Osten nicht gegeben, das militärische Brückengerät, Pontonbrücken, ist für Fahrzeuge über 45 Tonnen nicht gebaut. Deren Bergepanzer schaffen das auch nicht, die ziehen keinen Leo aus dem Graben."

Leopard, Abrams, Leclerc und Co. sind demnach also schlicht zu schwer für den ukrainischen Kriegsschauplatz! Aber was ist mit den Bildern, wie ukrainische Traktoren erbeutete russische Panzer ziehen?

„Wenn der Panzer unbeschädigt ist und nur der Motor nicht läuft, geht das auf ebener Strecke. Wenn er bis zur Kettenabdeckung im Morast steckt, bring ich ihn nicht raus. Keine Chance. Das mit den Straßenbrücken ist jedenfalls sehr heikel, im blödesten Fall schon die Querung eines Kanalrohrs. Da kann die Straße plötzlich einbrechen. Die Russen haben immer geschaut, dass 45 Tonnen bei Kampfpanzern nicht überschritten werden. Auch der T-90 geht wenig darüber."