Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Manche Eigenheiten findet man vielleicht nur in Gesellschaften, die von Sattheit, von Übersättigung geprägt sind.
Premium
Lebensart

Einsam sein – aber als Kunst

Es gibt eine Einsamkeit, die sich ihrer selbst bewusst ist und sich schnellen Glücksangeboten verweigert. Was aus ihr hervorgeht, unterscheidet sich vom Mittelmaß: sei es ein Werk, die Fähigkeit zu tieferer Beziehung oder eine andere Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber.

Hin und wieder geschieht es, dass in einer Situation, in der man dies gar nicht erwartet hätte, ein Impuls auftaucht, ein Gedanke, der vielleicht bislang nur zu träge war, um sich Ausdruck zu verschaffen. Etwas dieser Art ereignete sich, als ich im Rahmen der Göteborger Buchmesse gemeinsam mit einem polnischen Autor und einer rumänischen Autorin an einem Podiumsgespräch über das Thema „Einsamkeit“ teilnahm. Von den Fragen, die an uns gestellt wurden, beschäftigte mich eine noch auf dem Nachhauseweg. Vielleicht liegt das daran, dass die Moderatorin selbst sie mit einem warmherzigen Zögern gestellt hat, so, als ahnte sie, dass es schwer sein würde, hierzu etwas zu sagen, das über das Äußern von freundlichen PR-Sätzen hinausgeht.

Es entstand Schweigen, eine kurze Ratlosigkeit zwischen den Sätzen, etwas sehr Gutes also. Es hat dazu geführt, dass wir uns gegenseitig wahrnahmen, während wir sprachen, sogar mit einer leisen Neugierde. Die Frage lautete: Gibt es eine spezifisch europäische Einsamkeit? Ich gebe zu, dass ich das bis jetzt nicht weiß, aber je dringlicher mir die Frage folgte, desto deutlicher zeigten sich mir Merkmale einer Einsamkeit, die vielleicht nur in Gesellschaften hervortreten, deren vielfältige Lebensbereiche von Sattheit, ja Übersättigung geprägt sind.

Zwar bin ich mir ganz und gar der Tatsache bewusst, dass es auch in unseren Gesellschaften Menschen in sehr existenziellen Schwierigkeiten gibt; Menschen, die tatsächlich Hunger haben. Aber da sich die Art solcher Einsamkeit gerade aufgrund ihres Ernstes und ihrer unmittelbaren Folgenschwere so deutlich von dem unterscheidet, was mir in den Sinn kommt, wenn ich etwas so Allgemeines wie „europäische Einsamkeit“ höre, muss ich sie vorerst beiseitelassen.

Ins Auge fassen möchte ich vielmehr eine unsichtbare Einsamkeit, eine Einsamkeit, die überhaupt nicht als solche in Erscheinung tritt, eine Einsamkeit, die es der Person, die unter ihr leidet, sogar möglich macht, sie gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ihr Verdienst und ihr Potenzial ist es vielmehr, die von ihr Betroffenen in die Lage zu versetzen, den Druck und den Schmerz nicht zu bemerken, die mit ihrer Erfahrung einhergehen. Solche Einsamkeit schaut einer glücklichen Verfassung zum Verwechseln ähnlich, denn sie erlaubt einer Person, ein Kunststück zu vollbringen, das keiner zuwege bringt, der sich selbst als eine Last empfindet: Sie erlaubt einem Menschen, alles zu sein, oder besser: von allem etwas zu sein – je nachdem, was die aktuelle Situation verlangt. Verlangt die aktuelle Situation, dass man „Pop“ ist, so ist man „Pop“, verlangt sie kritischen Geist, so ist man „kritisch“, verlangt sie politische Korrektheit, so ist man politisch korrekt, verlangt sie große Worte, so scheut man sich keinen Augenblick, sie zu gebrauchen. Man ist gewissermaßen stets zugleich im Dienst all dieser Möglichkeiten.