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The Hollies, Deutschland 1974.
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Literatur und Rock 'n' Roll

"Politik und Rock 'n' Roll": Befreiung aus der Jukebox

Wie eine Musikrichtung die Welt veränderte und warum aus den „Winds of Change“ schließlich Orkane und Flauten wurden, beschreibt der Politologe Evgenij Dajnov in seinem Buch „Politik und Rock 'n' Roll“.

Niemand bestreitet, dass Lieder und neue philosophische Ideen die Politik beeinflussen können. So haben Singer-Songwriter wie Pete Seeger mit Songs wie „Where Have All the Flowers Gone“ und Bob Dylan mit „The Times They Are a-Changing“, „With God on Our Side“ oder „The Answer is Blowin' in the Wind“ in Zeiten der US-Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre und des Vietnamkriegs eine ganze Generation politisiert und so politische Änderungen bewirkt. Als „Die 68er“ ist sie heute noch Schreckgespenst reaktionärer Mumien.

Über das Thema hat der – nach Jahren in Oxford und den USA – nun an der Universität Sofia lehrende Politologe Evgenij Dajnov das lesenswerte Buch „Politik und Rock 'n' Roll“ verfasst. Nicht nur im Untertitel geht er der Frage nach: „Wie kamen wir von ,Love Me Do‘ auf Donald Trump?“ Abends spielt der 1958 Geborene auch in einer Rockband. Praxis trifft Theorie: Unter Zeitgeist versteht Dajnov die Gesamtheit der Ideen, die Musik sieht er als Vorboten der Zukunft. Die Entwicklung stimmt ihn nicht froh. War die Einheit in den Sixties das Thema Nummer eins mit dem Ziel des Aufbaus einer nicht durch Klasse, Rasse und Geschlecht geteilten Gesellschaft unter der universellen Kategorie „Mensch“, so sieht er im 21. Jahrhundert einen starken Separatismus durch stetige Aufteilung der Menschen in einzelne Gruppen.

Als Beispiel für die Sixties sieht Dajnov den Welthit der Band „The Hollies“, „He ain't heavy, he's my brother“, die eine öfter auftauchende Anekdote zu einem Song formten: Ein kleines Mädchen trägt ein dickes Baby und entgegnet Leuten, die darüber staunen: „Er ist nicht schwer, er ist mein Bruder!“ In Zeiten der Kurz/Grasserei würde der Refrain nun lauten: „Schmeiß' ihn weg, den Konkurrenten!“

Die klassische deutsche Philosophie sah den Menschen durch Arbeit – mit der Entfremdung durch die Einführung des Fließbandes – konstruiert, die 1923 gegründete Frankfurter Schule nahm aber auch den Konsum ins Visier. Ihr Befund: Der Mensch wird auch in der Freizeit versklavt, zur „Konsummaschine“ degradiert. Die Gedanken fassten zuerst in den USA Fuß, Europa war noch mit den Weltkriegsfolgen beschäftigt.