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Museumspolitik? „Ein Chaos, und das seit 1945“

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(c) Clemens Fabry
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Hermann Fillitz, früher Direktor des Kunsthistorischen Museums, über die Geschichte des seiner Ansicht nach verunglückten Museumsquartiers, über politische Schachzüge und den Rückzug der Geisteswissenschaften.

Die Presse: Sie waren von 1982 bis 1990 Erster Direktor des Kunsthistorischen Museums, das war damals die Bezeichnung für den heutigen Generaldirektor. Wie finden Sie die heutige Museumspolitik?

Hermann Fillitz: Museumspolitik gibt es keine. Das Ganze ist ein Chaos, und das hat bereits 1945 begonnen. In der Ersten Republik gab es großartige Museumskonzepte, die aber nicht realisiert wurden. Es gab eine Kette von Fehlentscheidungen. So hätte das Museumsquartier der zweite Louvre werden können, das Konzept war fertig. Da wurde Hans Tuppy als Wissenschaftsminister durch Erhard Busek ersetzt – der die bereits unterschriebenen Papiere ignorierte und das heutige Museumsquartier machte.

 

Busek dachte vermutlich realistisch. Die Debatte um das Museumsquartier zog sich endlos hin. Es musste etwas geschehen... Wie gefällt Ihnen denn das jetzige Museumsquartier?

Miserabel. Das Museumsquartier ist ja auch eine Idee, die in der Ersten Republik entwickelt worden ist. Von 1919 gibt es die ersten Schriften, wie die dynastischen Bestände in die staatlichen integriert wurden. Die Hofstallungen hätten von den Museen genutzt werden sollen. Was die meisten nicht wissen: Das Naturhistorische und das Kunsthistorische sind nicht als Museen gedacht gewesen, sondern als Denkmäler im Zusammenhang mit dem Kaiserforum, um die Verdienste des Kaiserhauses um Wissenschaft und Kunst zu würdigen. Daher gibt es die prunkvollen Stiegen, die Kuppel; die Ausstellungsräume selbst sind viel zu klein für die Sammlungen. Da war es naheliegend, die Hofstallungen einzubeziehen. Dort hätten sich das Naturhistorische, das Kunsthistorische und das Völkerkundemuseum ausbreiten können.

 

Aber die moderne Kunst...

Ich war immer ein Verfechter davon, das Museum moderner Kunst auf die Donauplatte zu bringen. Dort gibt es keinen Denkmalschutz ...

 

Aber die moderne Kunst wäre dann an der Peripherie gewesen ...

Das hat der frühere Wissenschaftsminister Busek auch gesagt. Ich sage Ihnen, das ist Unsinn. Eines der schönsten Museen moderner Kunst ist das Louisiana Museum of Modern Art in Kopenhagen, traumhaft; ich fahre jedes Mal hinaus, wenn ich dort bin. Wir müssen dieses ewige Hineinbauen ins Zentrum aufgeben. Die Stadt weitet sich aus, die Gesellschaft ändert sich. Mit einem Museum auf der Donauplatte würde man der Kunst ganz neue Sozialschichten erobern. Schon Otto Wagner hat gesagt, die Stadt muss sich über die Donau entwickeln. Das Museum moderner Kunst im Museumsquartier ist viel klein – dafür wird die Tapisserie-Sammlung, die eine der schönsten der Welt ist, im Depot unter Verschluss gehalten. Das einzige Mal, als sie gezeigt wurde, war in den Zwanzigerjahren, als man sie verkaufen wollte. Ich war in Paris, dort werden die Tapisserien gezeigt – im Musée Cluny.

 

Man hat immer gesagt, die Tapisserien sind heikel, man kann sie nicht immer zeigen.

Ja, aber man kann sie kurzzeitig zeigen. Sie sind jedoch schon 90 Jahre im Depot!

 

Soll man das Völkerkunde- und das Volkskunde-Museum fusionieren?

Selbstverständlich! Das hätte ja auch im Museumsquartier stattfinden können. Das Völkerkundemuseum hat eine der sechs größten ethnologischen Sammlungen der Welt. Ich halte es für eine historische Fehlentscheidung, dass das Völkerkundemuseum dem Kunsthistorischen Museum zugeschlagen wurde. Das Völkerkundemuseum ist so groß wie das KHM! Diese Aktion hat der frühere KHM-Generaldirektor Wilfried Seipel der früheren Ministerin Elisabeth Gehrer eingeredet – und die jetzige Ministerin Claudia Schmied hat die Regelung leider Gottes bestätigt. Falscher kann man es nicht machen. Ich muss ja sagen, mir hat das Pariser Völkerkundemuseum Quai Branly nicht gefallen, ich war sehr enttäuscht, man wird von links und rechts berauscht. Ich möchte ein Museum selbst erleben. Aber die Pariser machen wenigstens immer etwas Modernes.

Immerhin finanziert Fürst Hans Adam II. ein zweites Wiener Museum im Liechtenstein-Palais in der Bankgasse – und im Schweizer Garten entsteht ein neues Museum für zeitgenössische Kunst, das zum Belvedere gehören wird.

Schauen Sie, ich bin ausgeschieden, ich möchte da keine Urteile abgeben. Ich sage Ihnen aber eins: Im Ausland lacht man über uns. Zeigen Sie mir eine Stadt, in der vier staatliche Museen Kunst des 20.Jahrhunderts sammeln! Die Aktivitäten der Familie Liechtenstein sind natürlich zu begrüßen. Schon als ich Erster Direktor des Kunsthistorischen war, gab es Bemühungen, die Sammlung nach Wien zurückzubringen.

 

Wien war immer mehr eine Stadt der alten Kunst als der Moderne und der Zeitgenossen. Eine wichtige Initialzündung für Letztere war die Österreichische Ludwig-Stiftung, die am 19. Jänner ihren 30. Geburtstag feiert. Sie waren schon in die Vorbereitung involviert, sind auch im Stiftungsrat. Hat sich dieses seinerzeit sehr umstrittene Modell bewährt?

Was ist nicht umstritten? Ich kannte Peter und Irene Ludwig seit den Fünfzigerjahren, das hängt mit dem Mittelalter zusammen, die Ludwig-Sammlung war ja zuerst eine Mittelalter-Sammlung. Ein wichtiger Mann bei der Gründung der Österreichischen Ludwig-Stiftung war Hans Mayr vom Künstlerhaus. Er hat nicht lockergelassen und die Ludwigs schließlich zur Überlassung von Dauerleihgaben gewonnen – und er konnte auch die damalige Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg auf seine Seite ziehen. Die Ludwigs stammten aus immens reichen Industriellenfamilien. Beide studierten Kunstgeschichte. Peter Ludwig hat die erste Dissertation über Picasso an einer deutschen Universität geschrieben. Er und seine Frau waren die ersten, die Pop Art und Fotorealismus im großen Stil gesammelt haben – und zwar zu einer Zeit, als die Sachen noch nicht teuer waren. Das war auch der Anreiz.

 

Bei der Übersiedlung des Museums moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien – wie es heute im Wortlaut heißt – aus dem Palais Liechtenstein im neunten Bezirk ins Museumsquartier soll ja einiges schief gelaufen sein. Waren Sie als Stiftungsrat der Ludwig-Stiftung bei den Gesprächen dabei?

Ich war bei einer Sitzung mit der damaligen Ministerin Gehrer dabei. Es wusste jeder, dass der Bau im MQ viel zu klein ist. Gehrer wurde auch darauf hingewiesen, u. a. vom damaligen Mumok-Direktor Lóránd Hegyi. Gehrer hat ihn niedergebrüllt und zu ihm gesagt, er solle sich setzen, er habe hier gar nichts zu reden.

 

Sie sind unter anderem Spezialist für Mittelalter, Renaissance, Barock. Tut es Ihnen weh, dass die Geisteswissenschaften anscheinend generell auf dem Rückzug sind. Was bedeutet das für eine Gesellschaft?

Die Geisteswissenschaften sind heute in der Krise. Das ist keine Frage. Ganze Forschungsgebiete verschwinden. Das ist eine Zeiterscheinung. In Hamburg, habe ich jüngst gelesen, sollen die Geisteswissenschaften eliminiert werden, auch in England, nur mehr Sprachen, die man braucht, sollen vorkommen. Alles ist Wirtschaft und Naturwissenschaft. Es gibt zwar viel auf dem Sektor Zeitgeschichte, aber ich frage mich, wo das ankommt: Meine Söhne oder gar meine Enkel wissen nicht einmal, wie eine demokratische Regierung funktioniert oder was ein Parlament ist! Von der Monarchie, von ihrer Auflösung, von der Ersten Republik ganz zu schweigen. Die Wurzeln sind nicht mehr da. Die Leute wissen nicht mehr, wo sie herkommen. Ich sehe das mit großer Trauer und Besorgnis.

Dreißig Jahre Österreichische Ludwig-Stiftung

Das Sammler-Ehepaar Peter Ludwig (1925-1996) und Irene Ludwig (1927-2010) trug rund 12.000 Kunstwerke zusammen und schuf ein weltumspannendes Kunstimperium. Die Ludwigs, beide aus sehr wohlhabenden Familien stammend, sammelten unter anderem Antike, Mittelalter, Pop Art und waren auch bei der lange unterschätzten Ost-Kunst Pioniere. Leihgaben und Schenkungen gibt es in über 30 Museen von Deutschland über St. Petersburg bis Peking. Etwa ein Dutzend internationale Museen von Basel bis Kuba tragen auch den Namen Ludwig. In Österreich gab es seinerzeit heftige Diskussionen darum, ob es angebracht sei, Ludwigs Namen jenem des Wiener Museums moderner Kunst (Mumok) beizufügen.

Am 19.Jänner feiert die Österreichische Ludwig-Stiftung ihr 30-Jahr-Jubiläum. Sie bekommt einerseits Leihgaben aus der
Ludwig-Sammlung, andererseits Geld vom Staat, das teilweise in Ankäufe investiert, teilweise für weitere Erwerbungen angelegt wird. Zirka 1,44 Millionen sind das im Jahr. Die Staatshilfe läuft im Jänner aus; trotzdem sind die 1,44 Millionen Euro im Budget vorgesehen, fragt sich wofür? Für die Ludwig-Stiftung oder für etwas anderes? Das wollte jüngst Grünen-Kultursprecher Wolfgang Zinggl wissen. Ministerin Schmied hat jedoch noch nicht geantwortet. Hermann Fillitz war unter den Initiatoren der Österreichischen Ludwig-Stiftung und saß lange in ihrem Stiftungsrat, den er jetzt verlässt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2011)