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Wiens Buch der Bücher

Für viele ist er einfach ein Wiener Adressbuch. Bei genauerem Hinsehen freilich offenbart der 1942 zuletzt erschienene „Lehmann“ zahllose Geschichten und Geheimnisse: auch über jene ungeheuerliche Zäsur, die die Vertreibung der Juden bedeutete.

Als ich eingezogen bin, habe ich mich kaum dafür interessiert. Da zählte nur die Wohnung, in der wir lebten. Nach und nach lernte ich die unterschiedlichen Wohnparteien kennen, hörte Familienerinnerungen und Geschichten über Dramen und Selbstmorde, vom Gasthaus, das es einst am Eck gab, vom Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg. Tratsch, wie er üblich ist in den Häusern, die wir bewohnen. In der Regel bleibt es dabei. Nur wenige nehmen in den Bibliotheken die alten Wiener Adressbücher in die Hand, den „Lehmann“, der nicht nur die Vergangenheit des Hauses, das wir bewohnen, gläsern machen kann. Erstaunlich, wie viele Geschichten und Geheimnisse der „Lehmann“ mit seinen Namen- und Firmenlisten auszuplaudern vermag, über aufgelassene Geschäfte, über Eigentümerwechsel, über den sozialen Status der Hausparteien, auch über jene ungeheuerliche Zäsur, die die Vertreibung der Juden bedeutete.

In der Geschichtswissenschaft rangieren Adress- und Telefonbücher als Medium der Hilfswissenschaft. Dabei sind die alten Adressbücher viel mehr als ein Hilfsmittel, allein deshalb, weil sie mehr an Information enthalten, als landläufig angenommen wird. In ihrer Reichhaltigkeit so etwas wie der Papier gewordene Spiegel einer Stadt, sind sie, wie der Historiker Karl Schlögel sagt, „eine eigene Gattung der Dokumentation, in der Orte, Städte, Gesellschaftsgruppen Wissen über sich selbst organisieren und speichern“.


Als Städte unübersichtlich wurden

Die Geschichte der Adressbücher, die begann, als die Städte unübersichtlich wurden, ist deshalb alles andere als eine simple, geradlinige Story mit den immer gleichen Inhalten und Gliederungen. Gegenüber den Bedürfnissen des modernen Stadtlebens traten die Adressbuchredaktionen als Ansprechpartner auf, der laufend auf die Entwicklungen reagierte. So gesehen war jeder Jahrgang das Produkt einer Kommunikation der Redaktion mit ihrem Publikum.

Vordergründig enthält der „Lehmann“ Daten über Haushaltsvorstände und Branchen. Bei genauerem Hinsehen kommt eine Fülle überraschender Informationen zum Vorschein. Schon in der zeitgenössischen Presse wurde der „Lehmann“ als eine Art „Basisbuch“ einer sich rasch entwickelnden Stadt gesehen, als Kaleidoskop des gewerblichen sowie industriellen Fleißes und Abbild der kulturellen und sportlichen Infrastruktur in der Stadt, nicht zuletzt mit Verweisen auf die neuen organisatorischen und technischen Erfindungen (bargeldloser Zahlungsverkehr, Telefon, öffentlicher Verkehr).

Durch ihre Straßenverzeichnisse samt Häusernummerierungen legten die Adressbücher geografische Raster über das wachsende Häusermeer und verhielten sich wie Fortsetzungen der Kartografie; es war durchaus konsequent, dass spät, aber doch den Wiener Adressbüchern Karten beigelegt wurden. Die Jubiläumsschrift zum 40-jährigen Bestand des „Lehmann“ pries das ruhige Zusammenleben der Menschen im Adressbuch, einzig regiert von der Strenge des Alphabets: „Die sociale Frage wäre zur Lösung reif, wenn die menschliche Gesellschaft nur annähernd diesem friedlichen Bilde gleichkäme, in welchem die Namen unserer Mitbürger ohne Rücksicht auf Geburt und Stand aneinandergereiht erscheinen.“

So einfach allerdings war es in der Praxis nicht. Schon im Jahrgang 1859 war beim alphabetisch geordneten „Nachweis sämmtlicher Einwohner von Wien nebst Umgebung“ ausdrücklich vermerkt, dass dies mit „Ausschluss der Gewerbe-Gehilfen, Tagelöhner, Dienstboten“ geschehe. Später, in den 1890er-Jahren, als das Adressbuch sichtlich mit der eminent wachsenden Stadt nicht mehr zurande kam, wurden die „Nicht-Selbständigen“ (was immer das heißen mochte, denn ein reines Handels- und Gewerbeadressbuch war der „Lehmann“ nie) ebenfalls exkludiert. Dass Familienmitglieder nicht angeführt wurden und somit die Eintragung den meist männlichen Haushaltsvorständen samt Berufsbezeichnung, Titeln und Orden vorbehalten war, überging der „Lehmann“ als Selbstverständlichkeit. Karl Kraus hatte für das „Buch der Bücher“, für das bürgerlich-ständische Projekt des „Lehmann“ mit seiner demonstrativen Titelsucht nur Spott übrig: „Man lese den Lehmann! Wer nur möbliert wohnt, kommt nicht hinein, aber er gibt Ehre, wem Ehre gebührt. Er ist nicht nur pünktlich, er ist verlässlich. Er gibt Aufschluss über Wien. Die Adressen mögen nicht stimmen. Aber, wahrlich, er ist kein Adressbuch – Adressbücher gibt's überall: Er ist eine Kulturgeschichte!“

Um die Entstehung der Wiener Adressbücher gibt es einen Gründungsmythos. Adolph Lehmann, der aus seinem Heimatort, Breslau, die Einrichtung des Adressbuches kannte, trug im Mai 1858 beim damaligen Polizeidirektor, Ignaz Freiherr Czapka von Winstetten, seinen Plan vor, ein Wiener Adressbuch zu gründen. Als dieser dessen Zustandekommen zur schieren Unmöglichkeit erklärte, wollte der Bittsteller bereits wieder abziehen, als er vom Polizeipräsidenten mit dem Ausruf zurückgehalten wurde: „Sie scheinen aber von dem Wunsche, Ihre Idee auszuführen, nicht sonderlich durchdrungen.“ Als Lehmann ihm seine eigenen Worte der Ablehnung entgegenhielt, erwiderte der Polizeidirektor: „Nun, ich meine, es ist halt sehr schwer.“ Lehmanns Hinweis, dass er sich über die Schwierigkeiten im Klaren sei, und ein von ihm sogleich vorgelegtes „Promemoria“ überzeugten sichtlich den Polizeipräsidenten, der dem künftigen „Adressbuch“ die Unterstützung zusicherte.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren Adressbücher ein ganz selbstverständlicher Teil vieler europäischer Stadtgesellschaften. In Großbritannien, in Frankreich, auch in den meisten deutschen Städten gab es Adressbücher. Das Geschäftsleben von London, damals der größten Stadt der Welt, war ohne Adressbuch undenkbar; seit 1799 stand das „Post Office London Directory“, kurz „Kelly“ genannt, kontinuierlich zur Verfügung. Mit der Gründung des „Lehmann“ 1859 zog Wien auch endlich mit Berlin in der Hauptstadtkonkurrenz im deutschen Sprachraum gleich, wo es seit 1818 kontinuierlich Adressbücher gab.

Lehmann (1828 bis 1904) hatte gute Gründe, dass er nicht die Post (wie in London), sondern die Polizeidirektion für sein Private Public Partnership wählte. Das Potenzial der Polizeidirektion war wesentlich höher zu werten, denn hier waren die Daten der Volkszählungen und die Meldedaten gespeichert, hier hatte er einen Apparat zur Verfügung, der sich auch für die Datensammlung einsetzen ließ. Die Polizeidirektion ihrerseits wusste Lehmanns Dienste sehr zu schätzen, da sie mit dem Adressbuch in jeder Polizeiwachstube ein ideales Instrument zur Identifizierung der Bürger in die Hand bekam und einen Partner gewann, der viel logistische Kraft in Formularentwicklung und Datenauswertung steckte.

Die Resonanz auf das erste Erscheinen des Adressbuches 1859 war von erheblicher Ignoranz gezeichnet. Konkurrenzneid und Skepsis gegen das neue Handbuch waren die Hauptmotive, daneben bestand aber der nicht unberechtigte Verdacht, dass sich Lehmann zum Komplizen des autoritären Staates machte. Zehn Jahre später war allerdings das Wiener Leben ohne „Lehmann's Allgemeinen Wohnungs-Anzeiger“ nicht mehr denkbar. Der Ausdruck „Lehmann“ wurde zum Synonym für das Wiener Adressbuch und blieb, noch lange nach Lehmanns Tod, bis in die 1950er-Jahre erhalten.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1938 kam der „Lehmann“ in den Besitz des Verlages „August Scherls Nachfolger Berlin“. Die Kontrolle über die Scherl-Adressbücher war bereits 1934, nach der Zerschlagung des Hugenberg-Konzerns, auf den NSDAP-Zentralverlag übergegangen. Durch diese Übernahme konnten die Nationalsozialisten die Adressbücher steuern. Der Jahrgang 1938 war bereits vor dem „Anschluss“ gedruckt und ausgeliefert worden. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten konnte sich erst im Jahrgang 1939 auswirken. Die Bombenangriffe und der „totale Krieg“ brachten mit dem Jahrgang 1942 ein Ende des „Lehmann“. Der Jahrgang 1942 wurde in Berlin gedruckt.


„Abgereist nach Theresienstadt“

Die Personen-, Branchen-, Firmen- und Häuserverzeichnisse der Jahre 1939 bis 1942 gaben sich ganz arglos und nüchtern. Nur indirekt ließ sich die Vertreibung der rechtmäßigen Mieter und Eigentümer erschließen. Sie waren einfach nicht mehr da. Andere Personen, die aus der NS-Arisierungs- und Vernichtungspolitik den Nutzen gezogen hatten, waren jetzt als Inhaber oder Mieter verzeichnet, als wäre da ein ganz normaler Geschäfts- und Wohnungswechsel vollzogen worden. Haus für Haus lässt sich dies im „Lehmann“ studieren. Rechtmäßigkeit und Normalität wurden unterstellt, genauso wie auf den Meldezetteln, auf denen oft harmlos vermerkt wurde: „Abgereist nach Theresienstadt“. Erst in der diachronen Betrachtung konnte auffallen, wie systematisch und massenhaft die Wohnungs- und Geschäftsbeschaffungen, „Arisierungen“ genannt, stattgefunden hatten.

Die Ausschaltung der Juden aus Handwerk und Gewerbe nach der „Reichskristallnacht“ wurde im Jahrgang 1939 bereits vollzogen. Der „Lehmann“ sperrte nunmehr jüdische Geschäfts- und Firmeninhaber, jüdische Ärzte und Rechtsanwälte aus dem Branchenverzeichnis aus. Noch hielten sich jüdische Mitbürger im Personen- und im Häuserverzeichnis, sie führten nach dem Gesetz vom 1. Februar 1939 allerdings erzwungenermaßen den Vornamen Israel oder Sara. Man muss schon die Adressbücher sehr genau lesen, um zu entdecken, dass die große Änderung für das Personen- und Häuserverzeichnis im Jahrgang 1941 auch explizit angekündigt wurde. Hier findet sich am Ende der Inhaltsübersicht die klein gedruckte Anmerkung: „Zur Beachtung! Juden, die als solche für uns nach dem Runderlass des RMdI vom 18. August 1938 sowie nach der 2. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen erkennbar waren, wurden von der Aufnahme ausgeschlossen.“ Die „Stadt ohne Juden“ war auf dem Papier bereits vorhanden, noch bevor die großen Deportationen begannen. Ausschluss aus dem Geschäftsleben, Arisierung und Vertreibung ins Exil in den Jahren 1938 bis 1940 wurden noch öffentlich (wenn auch nur indirekt lesbar) gemacht. Der Abtransport nach Auschwitz sollte nicht mehr nachvollziehbar sein. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2011)