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Was bleibt von der Grazer Schule?

War sie eine Gruppe oder eine Szene, eine Bewegung oder eine Strömung? Fest steht, dass die „Grazer Schule“ einige außergewöhnliche Bauwerke hinterlassen hat. Fest steht auch, dass mit ihren Schlüsselbauten höchst nachlässig umgegangen wird.

Wie eine geschichtliche Epoche definiert wird, worin sie sich manifestiert und wer ihr zugezählt wird, entscheiden immer Nachkommende. Historiker treffen in wissenschaftlichen ArbeitenFeststellungen über ihren Anfang, ihr Ende und ihre Vertreter, in der Kunst wird eine Ära oft über den Weg einer Retrospektive wissenschaftlich „aufgearbeitet“. Gab es keineInitialzündung, etwa die Bildung einer Vereinigung oder eine kollektive Manifestation, und war einer Bewegung ein unauffälliges Verlöschen bestimmt, so lassen sich Anfang und Ende kaum exakt festmachen.

Fragen bleiben oft, doch äußerst selten lässt sich, wie im Fall der „Grazer Schule“, nicht einmal ein Konsens darüber erzielen, ob sie eine Strömung und Gruppe war oder nicht. Charakteristika einer Gruppenbildung wie eine Lehrerpersönlichkeit, ein präzise zu bestimmender Anlass, eine gemeinsame Theorie oder Stilmerkmale kennzeichnen sie nicht. Friedrich Achleitner stellte fest: „Welche Arbeiten oder Architekten auch immer unter diesem Begriff subsumiert werden, das Phänomen ist in seinen Merkmalen so charakteristisch wie eigenständig, dass es in der Geschichte der Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen unangreifbaren Platz einnimmt.“ Der Einzige, der sich umfassend der Entschlüsselung des lokalen Phänomens gewidmet hat, ist Peter Blundell Jones, ein englischer Kritiker und Architekturtheoretiker, der über sein Interesse an Scharoun und an Mitbestimmungsmodellen im Wohnbau den Grazern mit Empathie verbunden ist. Wie Achleitner, der die „Schule“ eher als Szene bezeichnet, nimmt sie auch für ihn ihren Anfang in den Zeichensälen der damaligen Technischen Hochschule in den frühen 1960er-Jahren. Anders als für Achleitner war für Blundell Jones ihr Ende 1998 im Erscheinungsjahr seines Buches „New Graz Architecture“ noch nicht gegeben. Heute muss sie zweifellos als historisch abgeschlossene Phase betrachtet werden.

In einem zweitägigen, international besetzten Symposion versuchte im November 2010 das Institut für Architekturtheorie, Kunst-und Kulturwissenschaften der Technischen Universität Graz eine Annäherung an die Frage, was die „Grazer Schule“ ausgemacht hat und – vor allem – was von ihr bleibt. Die Bedeutung von Architektur-Utopien wurde ebenso diskutiert wie der Einfluss des Strukturalismus, die Rolle der Lehrenden und der autonomen Zeichensäle. Das Ergebnis war mit Sicherheit für die Studenten, die bis dahin über Stillschweigen der Professoren zu dem für Graz ureigensten Thema klagten, erhellend – eine letztgültige Klärung des Phänomens und seiner heutigen Relevanz brachte die Tagung nicht.

Muss das überhaupt sein? Es würde schon genügen, die Bedeutung der „Grazer Schule“ als eine in ihrer Zeit einzigartige Bewegung anzuerkennen. Viele der Arbeiten waren rebellische, ungezähmte, jegliche Tradition verweigernde Antworten auf den gesellschaftlichen Konsens der nur ökonomisch orientierten Jahre des Wiederaufbaus – dramatisch überartikuliert, wie Achleitner es nannte – und, ja, auch rücksichtslos herausgeschrien, auf Selbstverwirklichung bedacht.

Es sind außergewöhnliche Werke, die die Grazer überregional bekannt gemacht haben: Günther Domenigs Mehrzwecksaal der Schulschwestern in Graz (mit Eilfried Huth) und seine Z-Bank in Wien-Favoriten, die ersten Arbeiten von Szyszkowitz & Kowalski und auch das Restaurant Kiang in Wien von Helmut Richter. Es ist Außergewöhnliches, das ihren Ruf festigte: die Mitbestimmungsmodelle von Eilfried Huth, die Gewächshäuser des Botanischen Gartens von Volker Giencke, seine Kirche in Aigen oder auch die Bauten, mit denen Klaus Kadavon der Bezirksstadt Leibnitz aus auf sich aufmerksam machte. Sie alle brachten internationale Reputation und die Berufung zahlreicher Grazer Architekten an österreichische und deutsche Universitäten. Nicht zuletzt ist auch im internationalen Vergleich herausragend, was Vertreter der Grazer Schule auch nach dem Ende dieser Ära hervorgebracht haben, man denke an Domenigs Dokumentationszentrum am Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder das T-Mobile Center St. Marx.

Wie aber wird mit dem Erbe der „Grazer Schule“ in Graz, dem Geburtsort, umgegangen? Ein paar Cafés, Läden, Entrees und Überdachungen sind wieder verschwunden. Skizzenhaft, mit Leichtigkeit und Heiterkeit, fallweise auch mit sich abnützendem Witz geplant, war manches von Anfang an nicht anders als temporär gedacht und sein Verschwinden daher nachvollziehbar. Anderes hingegen zeigt einen sträflich nachlässigen Umgang mit Schlüsselbauten. So wurde unmittelbar unter die von Klaus Kada sorgsam in den historischen Botanischen Garten platzierte, auch konstruktiv viel beachtete Brücke, die seine Erweiterung der Pflanzenphysiologie mit dem Laborneubau verbindet, ein banales Industriegewächshaus gesetzt. Der Architekt erfuhr davon aus den Medien.

Schlimmer noch zeigt sich der Umgang mit Domenigs Erweiterungsbau (1994) für die Technische Universität Graz, die 2011 ihr 200-jähriges Bestehen feiern wird. Dort, wo mit Hans Gangoly ein ehemaliger Student die Nachfolge am Institut angetreten hat, das Domenig von 1980 bis 1992 geleitet hat, wurde eine weit in den Park ausgreifende Rampe des Institutsgebäudes, die ohne Zweifel ein integraler, Gestalt gebender Teil des wettbewerbsgekürten Entwurfs war, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entfernt. Dies ohne Rücksprache mit den Architekten und ohne Genehmigung der Altstadtsachverständigenkommission. Die Entfernung ist Teil einer Umgestaltung des Parks, deren Planung pikanterweise weder dem fakultätseigenen Institut für Architektur und Landschaft übertragen noch über einen Wettbewerb ausgeschrieben wurde. Als Paten des Gestaltungskonzepts, das die Rampe als Spur (!) in Form einer langen Sitzbank am Boden in Erinnerung behalten will, bezeichnet der Gebäudeverwalter Studiendekan Gangoly.

Die historische Bewertung der „Grazer Schule“ sollte offen, emotions- und schonungslos geschehen. Manches, nicht nur vom Wohnungsbau dieser Zeit, würde dann in Bedeutungslosigkeit versinken. Die Qualität einiger Schlüsselbauten wäre als zeitlos gültig bestätigt. Anderes könnte als Markstein seiner Zeit, als engagiertes Experiment und Reaktion auf die damals herrschende Baugesinnung anerkannt werden. Den Architekten Szyszkowitz & Kowalski könnte man raten, lieber in den Ruhestand zu gehen, als ein Gebäude zu verantworten, das, wie die jüngst errichtete Erweiterung der Steiermärkischen Sparkasse am Grazer Andreas-Hofer-Platz, einen innovationslosen, peinlichen Rückschritt darstellt.

Ein mit akademischem Anspruch, ohne persönliche Animositäten geführter Diskurs würde dazu beitragen, die Bedeutung der „Grazer Schule“ in das ihr angemessene Licht zu rücken. Ehre, wem Ehre gebührt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2011)