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„Wir hatten nie ein Monopol auf alle Muslime“

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(c) Clemens Fabry
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Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, will nach der Abspaltung der Aleviten auch anderen islamischen Gruppen nicht im Wege stehen, eigene Glaubensgemeinschaften zu gründen.

Die Presse: Das Kultusamt hat die Islamischen Aleviten als Bekenntnisgemeinschaft anerkannt – ist das das Ende des Monopols der Islamischen Glaubensgemeinschaft?

Anas Schakfeh: Wir haben nie ein Monopol in dem Sinne gehabt. Wir vertreten die Muslime, und für uns sind diese Aleviten keine Muslime. Die jetzt anerkannten Aleviten haben beim Kultusamt ja ihre Religion ausführlich dargestellt. Und da muss man erkennen, dass sich das so weit von grundlegenden Inhalten des Islam entfernt, dass es eine andere Religion ist.

Es gab einen fast identischen Antrag der Alevitischen Föderation, in dem der Zusatz „Islamisch“ im Namen fehlt.

Darin wird ihr Glaube auch als „eigenständige, synkretistische Religion“ bezeichnt. Dass sich der jetzt anerkannte Verein „Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft“ nennt, ist ihre Sache. Der Verfassungsgerichtshof steht auf dem Standpunkt, dass jede Glaubensgemeinschaft sich nennen kann, wie sie möchte.

 

Der Verfassungsgerichtshof hat auch festgestellt, dass nirgendwo geschrieben steht, dass es nur eine Islamische Glaubensgemeinschaft geben darf.

Das hat der VfGH in Richtung Kultusamt festgestellt, weil dort als Begründung für die Ablehnung des alevitischen Antrags das Islamgesetz so interpretiert wurde, dass es für Muslime nur eine Religionsgesellschaft geben darf. Wir sehen Aleviten als andere Religion.

Aber mit diesem Namen können die Aleviten durchaus behaupten, einen Teil des Islam zu vertreten.

Es gibt viele Gruppierungen, die sich alevitisch nennen, und die sind nicht alle gleich. Zum Beispiel die Aleviten von der syrischen Küste bekennen sich als Schiiten.

Die „Islamischen Aleviten“ sind nun einmal anerkannt. Jetzt könnten etwa auch die Schiiten nachziehen.

Wenn die Schiiten das machen, stehen wir ihnen nicht im Wege.

Es liegt mittlerweile auch ein Antrag der „Initiative Liberaler Muslime“ auf Anerkennung vor.

Die sogenannten Liberalen Muslime sind acht Leute. Ich gehe eine Wette ein, dass sie nicht einmal ausreichend Unterschriften sammeln können, um als Bekenntnisgemeinschaft anerkannt zu werden. Es gibt Sunniten und Schiiten. Liberal zu sein, ist keine Religion.

Aber Vertretung „aller“ Muslime wäre die IGGiÖ bei weiteren Anerkennungen dann nicht mehr.

Das ist nicht unser Anspruch. Das war die Sicht der Dinge gemäß Islamgesetz und Interpretation des Kultusamts. Was hätten wir von so einem Anspruch? Wir bekommen keine Subventionen und keine Provision pro Kopf. Wir vertreten die Muslime, die es wollen. Und das ist mit Sicherheit die absolute Mehrheit der Muslime.

Die Zahlen nach der Registrierung sprechen eher nicht dafür – von geschätzten 500.000 Muslimen sind bis jetzt gerade einmal 46.000 registriert.

Bis jetzt haben wir die Registrierungen in sechs Bundesländern gemacht. Wir erwarten von Wien und der Steiermark eine Verdoppelung dieser Zahlen. Wir haben bis jetzt in 135 Moscheen Wahlen durchgeführt; wenn Wien und die Steiermark wählen, haben wir 200 Moscheen. Und all diese Moscheen bekennen sich zur IGGiÖ.


Aber es wählen nicht Moscheen, es wählen Menschen.

Wenn sich in einer Moschee 50Menschen registrieren, bekennen sich ja nicht nur die zur IGGiÖ. Das ist eine interne Enscheidung der Moschee, wenn man einen Delegierten stellen will. Denn wer wählen will, muss einen Beitrag zahlen. Das ist in erster Linie eine finanzielle Entscheidung.

Die absolute Mehrheit der Muslime ist aber gar nicht in Moscheen organisiert.

Wir haben ihnen die Möglichkeit gegeben, moscheeunabhängig zu wählen und zu kandidieren. Aber ich verstehe die Diskussion nicht. Wenn die IGGiÖ transparente Wahlen durchführt, fragt man, ob sie repräsentativ sind. Andere Religionsgemeinschaften haben gar keine Wahlen, und ihre Obrigkeiten werden fast immer aus dem Ausland eingesetzt.

Bei der Wahl zeichnet sich eine türkische Mehrheit ab. Jetzt fürchten viele einen Import von türkischem Nationalismus, etwa weil die Moscheen des Vereins Atib dem türkischen Amt für Religionsangelegenheiten unterstehen.

Atib ist ein großer Verein, aber es gibt auch andere türkische Gruppierungen und andere Nationalitäten. Unsere Verfassung sieht vor, dass von keiner ethnischen oder Sprachgruppe mehr als 50 Prozent in den Gremien sitzen. Die Delegierten sind mehrheitlich türkisch, aber wenn sie ihre Ausschüsse wählen, müssen sie die Quote beachten. Und auch in den obersten Gremien gelten diese Quoten.

Eines zeichnet sich jedenfalls ab: Der künftige Präsident wird wohl aus der türkischen Community kommen.

Warum nicht? Ein Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft wird ein österreichischer Staatsbürger sein, eben mit türkischem Hintergrund. Und er wird die Interessen der österreichischen Muslime vertreten. Er wird vielleicht freundlich mit dem türkischen Staat umgehen – warum nicht? Aber ich habe nicht die Befürchtung, dass ein türkischer Präsident ein unmittelbarer Vertreter des türkischen Staates sein wird.

Islam in Österreich: Mit dem Islamgesetz von 1912 wurde der Islam als Religion staatlich anerkannt. 1979 wurde mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) die Vertretung der Muslime konstituiert. Die bisherige Rechtsauffassung, dass die IGGiÖ als einziger Vertretungskörper aller Muslime dient, hat der VfGH im Dezember 2010 verneint.

Abspaltung: Grund für den VfGH-Entscheid war eine Beschwerde des Kulturvereins von Aleviten in Wien, der eine „Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft“ gründen wollte. Kurz darauf wurde der Antrag vom Kultusamt positiv erledigt.

Fortsetzung: Im Windschatten der Aleviten-Entscheidung wollen nun weitere Vereine und Organisationen als Bekenntnisgemeinschaften anerkannt werden – der Alleinvertretungsanspruch der IGGiÖ für alle Muslime könnte so kippen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2011)