Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Sprachkritik

"Klimaterroristen" ist Deutschlands "Unwort des Jahres" 2022

Archivbild von Dezember 2022 in Berlin.
Archivbild von Dezember 2022 in Berlin.IMAGO/Future Image
  • Drucken

Die Debatte, um Sinn und Unsinn des Klimaaktivismus hat das Wort hervorgebracht - um zu kriminalisieren und diffamieren, wie die deusche Jury erklärt.

Das "Unwort des Jahres" 2022 in Deutschland lautet "Klimaterroristen". Das gab die sprachkritische "Unwort"-Aktion am Dienstag in Marburg bekannt. Der Ausdruck sei im öffentlichen Diskurs benutzt worden, um Aktivisten und deren Proteste für mehr Klimaschutz zu diskreditieren, begründete die Jury ihre Wahl. Sie kritisierte die Verwendung des Begriffs, weil Aktivistinnen und Aktivisten mit Terroristen "gleichgesetzt und dadurch kriminalisiert und diffamiert werden".

Gewaltlose Protestformen zivilen Ungehorsams und demokratischen Widerstands würden so in den Kontext von Gewalt und Staatsfeindlichkeit gestellt, rügte die Jury. Die seit 1991 stattfindende "Unwort"-Wahl soll auf einen unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen und so für einen bedachten Umgang mit Begriffen sensibilisieren.

„Letzte Generation": „Wollen uns nicht beliebt machen"

Die Klima-Aktivisten der Gruppe "Letzte Generation" reagierten positiv auf die Verkündung. "Es ist ermutigend zu sehen, dass heute der Begriff 'Klimaterroristen' zum Unwort des Jahres 2022 gewählt wurde", sagte eine Sprecherin der Aktivisten-Gruppe der Deutschen Presse-Agentur. Insbesondere "an Tagen wie diesen" sei es "ermutigend, weiter friedlichen Widerstand zu leisten", sagte sie mit Blick auf die Klimaschutz-Aktionen ihrer Gruppe.

"Wir wollen uns durch unser Vorgehen nicht beliebt machen", erklärte die Sprecherin der "Letzten Generation" weiter. Es gebe jedoch einen Unterschied "zwischen Ärger oder Kritik zur Umsetzung und einer systematischen, sprachlichen Diffamierung und Kriminalisierung von Seiten einiger Politiker, superreicher Konzernchefs und populistischer Medienmacher durch Wörter wie "Klimaterroristen"", betonte sie. Durch die Gleichsetzung des Protests mit Terrorismus werde "demokratisch legitimierter Widerstand in den Kontext von Gewalt und Staatsfeindlichkeit gestellt".

Ihre Gruppe habe in den vergangenen Wochen "auf der Straße und auch in Gesprächen in den Medien Gewalt, Vorwürfe, Kritik" erlebt. Es gebe aber auch eine "wachsende Unterstützung und Zuspruch von immer mehr Menschen".

Auf Straßen festgeklebt

Mitglieder der "Letzten Generation" in Deutschland wie in Österreich hatten seit dem vergangenen Jahr immer wieder für Schlagzeilen gesorgt, weil sie sich aus Protest gegen die Klimapolitik der Regierungen etwa an Autobahnen festklebten oder Angriffe auf Kunstwerke verübten. Einen Höhepunkt erreichten die Debatten in Deutschland Anfang November, als es in Berlin zu einem tragischen Verkehrsunfall kam, in dessen Folge eine Radfahrerin starb. Ein Spezialfahrzeug, das helfen sollte, sie zu befreien, stand nach Angaben der Feuerwehr minutenlang im Stau. Die Verzögerung sei durch eine Protestaktion der "Letzten Generation" zustande gekommen, hieß es. Ein Wendepunkt, der zu einer heftigen medialen Diskussion über die Grenzen von Klima-Protesten führte.

Selbst Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), der sich zuvor mit Kommentaren zu Protesten zurückgehalten hatte, appellierte nach dem Unfall an Aktivisten, keine Menschenleben zu gefährden. Zugleich distanzierte sich die Bundesregierung aber von jeglichen Terrorismus-Vergleichen. Die waren davor insbesondere aus den Reihen von AfD und Union zu vernehmen, wo auch Rufe nach einem härteren juristischen Durchgreifen immer lauter wurden.

Die weiteren Podestplätze

Auf Platz zwei des "Unwortes des Jahres" setzte die mehrheitlich aus Sprachwissenschaftlern bestehende Jury den Ausdruck "Sozialtourismus", der 2013 zum "Unwort" gekürt worden war. CDU-Chef Friedrich Merz hatte das Wort im vergangenen September im Zusammenhang mit Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine verwendet und sich später dafür entschuldigt. Die Jury sah in dem Wortgebrauch "eine Diskriminierung derjenigen Menschen, die vor dem Krieg auf der Flucht sind und in Deutschland Schutz suchen". Zudem verschleiere das Wort ihr prinzipielles Recht darauf.

Auf Platz drei kam die Formulierung "defensive Architektur", die als irreführend und beschönigend kritisiert wurde. Der Ausdruck bezeichnet eine Bauweise, die verhindert, dass sich etwa Wohnungslose länger an öffentlichen Orten niederlassen können.

Das "Unwort des Jahres" wurde nach verschiedenen Kriterien aus Vorschlägen ausgewählt, die Interessierte bis zum 31. Dezember 2022 eingereicht hatten. Insgesamt gab es 1476 Einsendungen mit 497 verschiedenen Begriffen, von denen knapp 55 den Kriterien der Jury entsprachen.

Infrage kommen Worte, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind. Bei der "Unwort"-Kür kommt es nicht darauf an, wie oft ein Begriff vorgeschlagen wurde. 2021 war die Wahl auf "Pushback" gefallen.

(APA/dpa)