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Max Reinhardt Seminar: Wiens härteste Prüfung

Danke schoen wars
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Rund 300 Bewerber sprechen im Februar an der Schauspielschule Max Reinhardt Seminar vor – in der Hoffnung, aufgenommen zu werden. Nur einige wenige werden es schaffen. Chronik eines Tages.

Als der Vorhang fällt, ist es Abend in Wien, und im Wintergarten des Max Reinhardt Seminars fließen Sekt und Freudentränen. Frank Sinatra singt „My Way“. Die vier künftigen Eleven, die es geschafft haben, werden von den älteren Semestern in die Arme genommen. Sie küssen einen grünen Gummidrachen wie einen Pokal.

Die Vorstellung ist wieder einmal vorbei. Das Max Reinhardt Seminar hat vier neue Studenten. Anna Blumer ist eine von ihnen. Ihre Wangen glühen: 110 Kandidaten sind angetreten, 106 rausgeflogen. Sie nicht. Acht Semester lang wird Anna Blumer nun lernen, was ein Schauspieler braucht: von Theatergeschichte bis Bühnenfechten. Anna Blumer schreit es heraus: „Ich fühl mich wie betrunken!“

Im Flur vor dem Sekretariat klingen die Musik und der Jubel nur noch dumpf. Schweigend sitzen hier die fünf Kandidaten, die kurz vor dem Ziel gescheitert sind. Bewegungslos, fast wie in Trance. Wochenlang haben sie sich auf diesen Tag vorbereitet. Haben Stücke gewälzt und Rollen gewählt. Haben Texte gelernt und Szenen geprobt. Und als es darauf ankam, alles gegeben.

Unhappy End. Als sie nach der dritten Bewerbungsrunde aufgerufen werden, dürfen sie noch an ein Happy End glauben. Man führt sie in einen großen Konferenzsaal, in dem Klaus Maria Brandauer und zwei weitere Jurymitglieder warten. Zehn Schritte bis zum Tisch, hinsetzen. In der letzten Runde, sagt Brandauer, seien die Unterschiede zwischen den Bewerbern kaum wahrnehmbar. Trotzdem müsse eine Entscheidung her. Man habe an diesem Tisch schon viele große Talente nach Hause geschickt.Und dann schickt er auch sie nach Hause.

„Egal.“ Jetzt, da er es hinter sich hat, versucht Johannes Übler sich an einem Lächeln. Mit 17 war der Coburger der jüngste Kandidat. Er wird es wieder versuchen, an vielen Schulen. Jetzt geht er erst einmal in den Wintergarten und holt sich ein Bier.

Am Vortag hat die Sonne dem Frost schon früh am Morgen getrotzt. Eine schweigsame Karawane zog von der U-Bahnstation Schönbrunn in Richtung Schloss. Männer und Frauen – alle Anfang, Mitte 20. Aufmerksam musterten sie einander, als sie ihre Rucksäcke und Reisetaschen über den Schlosshof Richtung Theater trugen. Manche wagten ein schüchternes „Hallo“.

Beim Eintritt durch die schwere Holztür werden sie zur Nummer. Anna Blumer zur „Kandidatin Nummer 12“ und Johannes Übler zu „Kandidat Nummer 200“. Bis zum Ende der Aufnahmeprüfung werden sie die Zahlen wie Namen tragen. Denn wie jemand heißt, verrät manchmal etwas über seine Herkunft, und das könnte die Jury beeinflussen. Also geben die Bewerber ihre Familiengeschichte am Eingang genauso ab wie ihren Anorak an der Garderobe.

Sofern sie denn überhaupt erscheinen. „Diesmal sind's wenige“, sagt Andrea Bily. Die Sekretärin am Max Reinhardt Seminar sitzt hinter einem Laptop im Foyer und notiert, wer antritt. Mehr als 250 E-Mails mit Anmeldungen hat sie in den vergangenen Monaten erhalten, 110 Kandidaten tröpfeln im Laufe des Morgens ins Gebäude.

„Im Februar kommen bis zu 300“, sagt sie. Wirklich stressig wird es erst beim zweiten Vorsprechen im Sommer. „Einmal standen hier 700 Leute vor der Tür.“ Beim ersten Termin werden drei oder vier Studenten ausgewählt, beim zweiten noch mal acht oder neun. Macht zusammen zwölf pro Jahrgang. Im September beginnt das Semester.

„Manchmal geht das Drama schon hier draußen los“, sagt Bily. Einer komme zu spät, einem anderen passe etwas nicht am Ablauf. Diesmal sei wenigstens keiner barfuß oder im Rüschenhemd à la Mozart erschienen, sagt sie. Fast ein wenig enttäuscht sieht sie aus, als sie sich einem Stapel Zetteln zuwendet: 110 Blatt Papier liegen vor ihr, jeder Kandidat hat aufgeschrieben, welche vier Rollen er vorbereitet hat. Andrea Bily füttert den Computer mit Namen. Auch diesmal wird „Romeo“ wieder unter den Spitzenreitern sein und „Luise“ aus „Kabale und Liebe“, „Woyzeck“ und „Emilia Galotti“.


Für 1500 Euro brutto – im Monat. Der geringe Andrang an diesem Februarmorgen täuscht: „Die Bewerberzahlen steigen“, sagt Hubertus Petroll, der Leiter der Schauspielschule. „Einige Bewerber sind sicher von Castingshows beeinflusst“, meint er. Doch wer Glanz und Glamour erwarte, sei an der falschen Adresse. Viele kleine Bühnen kämpfen ums Überleben. Und wer ein festes Engagement ergattern kann, steigt mit einem Gehalt von 1500 Euro ein. Brutto. Ein hartes Geschäft, in dem die Wiener Absolventen aber noch vergleichsweise gut dastehen: 85 Prozent von ihnen finden Arbeit auf der Bühne.

Natürlich gibt es auch Karrieren, die zum Träumen einladen. Die von Jurymitglied Brandauer zum Beispiel, der am Wiener Burgtheater Erfolge feiert und zugleich in Hollywood ein bekanntes Gesicht ist. Oder die von Christoph Waltz. Der ehemalige Schüler des Max Reinhardt Seminars wurde für seine Nebenrolle in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ mit Preisen überhäuft. Krönung: der Oscar. Aber: „Die meisten Schauspieler halten sich mit kurzfristigen Projekten über Wasser “, sagt Hubertus Petroll.

Mittlerweile ist es Mittag geworden, die Sonne fällt durch die hohen Fenster ins Theaterfoyer. Zigarettenrauch steht im Raum. Wie lange man warten muss, bis man auf die Bühne darf, hängt von der Nummer ab: Bei Anna Blumer, der 12, geht es schnell. Bis die 200, Johannes Übler, aufgerufen wird, vergehen Stunden. Die Zeit scheint endlos. Einige der Wartenden kennen einander von Aufnahmsprüfungen an anderen Schulen und plaudern jetzt gegen die Aufregung an. Anderen scheint gar nicht nach Small Talk zu sein. Stumm sitzen sie auf Bänken oder auf dem Boden, schlummern oder blättern in Reclam-Heften. Große Kopfhörer senden die Botschaft: „Sprich mich nicht an!“

Andere geben sich selbst vor einem Spiegel den letzten Schliff. Stumm. Ein großer Blonder macht Taiji, ein anderer marschiert rastlos durch den Raum, das Hämmern aus seinen Ohrstöpseln hört auch, wer ein paar Meter neben ihm steht.

Nur fünf Minuten Ruhm. Auf der Bühne hingegen geht es zu wie beim Check-in auf dem Flughafen. Abfertigung in fünf Minuten. Manchmal in acht. Das Tempo will nicht so recht zur üppig-barocken Pracht des Saals passen: Mannshohe Kronleuchter hängen unterm Freskenhimmel, dicke Engel schmücken den geschwungenen Balkon. Über der Bühne erinnert ein Doppeladler an den Glanz der Doppelmonarchie: Kaiserin Maria Theresia ließ das Theater Mitte des 18. Jahrhunderts bauen.

350 Zuschauer hätten auf roten Samtbezügen Platz. Jetzt lümmeln nur ein paar Schauspielschüler in den hinteren Parkettreihen. Ganz vorn auf dem abgedeckten Orchestergraben sitzen die fünf Juroren an einer langen Tischreihe. Wird ein Kandidat hereingeführt, stellt er sich vor ihnen auf. Dabei postieren sich die meisten so, dass die Scheinwerfer sie nicht blenden – und sie ihren Richtern in die Augen sehen können. „Treten Sie bitte einen Schritt zurück!“ Mit klangvoller Stimme bittet Hubertus Petroll die Kandidaten in den Lichtkegel, wo sie blinzeln wie beim Verhör.

Bis in den Abend hinein wechseln sich klassische Figuren mit modernen ab, komische mit dramatischen. Robespierre folgt auf Gudrun Ensslin, die heilige Johanna auf Malvolio aus Shakespeares „Was ihr wollt“. Der Schüler Moritz Stiefel aus „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind ist auf dem Weg in den Selbstmord. Und Margot Peter aus Klaus Chattens „Sugar Dollies“ plaudert im breitesten Thüringisch über ihr Leben in der DDR.

Einige Bewerber lassen sich vom Bühnentechniker im blauen Kittel einen Tisch und einen Stuhl bringen. Anderen sind die Möbel nur im Weg. Einige schlüpfen in Stöckelschuhe oder Kniebundhosen, bevor sie loslegen. Andere agieren ohne Kostüme, als hätten sie Verkleidung nicht nötig.

Kandidatin Nummer 12, die am Abend wieder Anna Blumer heißen wird, braucht nur einen Apfel. Als Robert Musils Tonka beißt sie immer wieder vor Wut über den lieblosen Verlobten in das Obst. Den Butzen schmettert sie auf die Bretter, dass die Kerne fast bis auf den Jurytisch spritzen.

Die Nummer 200 braucht nicht einmal eine Pistole, um Eindruck zu schinden: Er mimt einen Amokläufer, der sich wie in Zeitlupe auf den Showdown im Lehrerzimmer vorbereitet.


„Wiedersehen“. Ob der Jury ein Beitrag gefällt oder nicht, bleibt ungewiss. Nur der Griff zum Wasserglas durchbricht bisweilen die Versteinerung. Einzig Klaus Maria Brandauer springt ein paar Mal auf: Irgendwo im Mantel vergraben klingelt leise sein Handy. „Danke schön“, sagt Hubertus Petroll nach jedem Auftritt. Jedes Mal im gleichen Tonfall.

Nummer 66, ein großer Blonder, mimt den Caliban aus Shakespeares „Der Sturm“ mit röchelnder Stimme und verlässt die Bühne mit den Worten: „Ich wollte noch sagen: Ich spiel Ihnen alles!“ Danke schön. Als die Nummer 114 als Mephisto ein Blackout hat, gibt Petroll ihr eine zweite Chance: „Dorian Gray“. Wieder Blackout. Danke schön.

Bevor sie den Saal verlassen, schicken einige noch ein schnelles „Wiedersehen!“ in Richtung Jury. Als könne das den Lauf der Dinge beeinflussen. Andere verharren einen Augenblick unschlüssig im Rampenlicht – bis Petroll sie endgültig aus dem Saal fegt: „Das war's!“

Vielen Kandidaten merke er an, dass sie bei einem Trainer waren, sagt Hubertus Petroll später. „Das wirkt dann oft aufgeblasen.“ Es gehe schon um große Gefühle, aber wer spielt, müsse eine Beziehung herstellen zwischen der Rolle und sich selbst. „Bei sich bleiben“, nennt Petroll das und meint: „Wenn ich einen Soldaten spielen soll, muss ich den Soldaten in mir suchen.“

Die letzten neun. Bis zum Nachmittag des zweiten Tages sind die beiden Vorrunden beendet. Aus 110 hoffnungsvollen Kandidaten hat die Jury erst 17 und dann neun gemacht. Gemeinsam ziehen die Finalisten jetzt vom Schlosstheater zum Sitz der Schauspielschule im Palais Cumberland, nur einen Steinwurf von Schönbrunn entfernt.

Draußen im Garten kommen sie an einem vorbei, der es geschafft hat: Bernd-Christian Althoff, ein blonder Siegfried mit leuchtend grünen Augen, sitzt hier auf einer rostigen Hollywoodschaukel und fischt mit den Fingern in einem Olivenglas. Er ist Student im dritten Jahr.

Elfmal hat er damals vorgesprochen. Von Hamburg bis München hat er Juroren mit den Köpfen schütteln sehen und sagen hören: „Das ist nicht Ihr Ding!“ Beim zwölften Mal – in Wien – hat es geklappt. „Ich bin anderthalb Stunden lang hier auf dem Rasen gelegen und hab geheult.“

Drinnen geht es in die letzte Runde: Zwei Hausmeister scheuchen die neun verbliebenen Bewerber von einem Raum zum nächsten: Gesangsunterricht, Improvisation, Rollengestaltung, persönliches Gespräch. Die Kandidaten singen Tonleitern, klatschen Rhythmen, entwickeln kleine Szenen. Fragen nach Theatertheorie parieren sie mit dem Namen „Stanislawski“. Offenbar hat sich herumgesprochen, dass der das Standardwerk verfasst hat.

Zwei Stunden vergehen, bis die Jury ihre Entscheidung fällt. Im Palais Cumberland werden Pizzakartons und Zigarettenschachteln geleert. Dann zieht endlich einer die erste Bierdose auf. Ein Zettel an der Wand verrät: Später gehen alle zum „Frischfleischfestle“ bei Valerie.

Zwei 50er vom Brandauer. In seinem Büro spricht Hubertus Petroll die erlösenden Worte zu den vier Auserwählten: „Wir wollen Sie auf diesem steinigen Weg begleiten.“ Vor dem Fenster brechen die älteren Semester in Jubel aus. Im Konferenzsaal versüßt Klaus Maria Brandauer den kurz vor dem Ziel Abgewiesenen den Abschied mit zwei Fünfzigern: Morgen gehe das Leben weiter. Heute sollen sie einen trinken gehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2011)