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Auf das aus Beton gefertigte Erdgeschoß stellte Architekt Troy den Holzmassivbau.
Hausgeschichte

Eine gelungene Symbiose

Trotz strikter Vorgaben, keinen reinen Holzbau zu errichten, glückte Architekt Juri Troy ein von Holz dominiertes Familiendomizil auf einem schmalen Tullner Grundstück.

Ein ganz schmales Grundstück, etwas außerhalb der Ortsmitte von Tulln, inmitten von architektonisch wenig ausgefallenen Vorstadthäusern – das war die Ausgangslage für den Bau eines Hauses für eine Familie mit drei Kindern. „Die Familie ist ganz gezielt und mit sehr genauen Vorstellungen zu uns gekommen. Wunsch war ein Holzbau mit einem offenen großzügigen Bereich im Erdgeschoß und drei gleichwertigen Räumen für die Kinder und natürlich einem Rückzugsbereich für die Eltern im oberen Geschoß“, erzählt Architekt Juri Troy. Der Wunsch nach einem Holzbau konnte allerdings nur zur Hälfte – im wahrsten Sinn des Wortes – verwirklicht werden. Denn die zuständige Baubehörde verbot einen reinen Holzbau mit dem Hinweis auf die „Ortsüblichkeit“.

„Es war eine neue Erfahrung für mich, die ich nicht ganz nachvollziehen kann. Es ist klar, dass es in einem Ortsverband bestimmte bauliche Vorgaben geben muss wie Dachneigung etc. Aber dass man einen Holzbau mehr oder weniger ablehnt, ist für mich nicht ganz schlüssig. Vorgabe war: nicht mehr als 50 Prozent Holzanteil an der Fassade, und das wurde ganz akribisch nachgeprüft.“ Also hat sich Troy entschlossen, Keller und Erdgeschoß aus Beton zu fertigen und darauf das Obergeschoß als Holzmassivbau zu stellen. Kreuzweise verleimte Brettsperrholzplatten gewährleisten eine schnelle, trockene und präzise Bauweise und erfüllen hohe Nachhaltigkeitskriterien. Holz ist als nachhaltiger, nachwachsender Rohstoff mit positivem Einfluss auf das Umweltklima nicht nur wirtschaftlich und ökologisch, Holzbauten sind auch langlebig und energetisch optimiert.

Juri Troy

Dem Architekten gelang es, die beiden eher gegensätzlichen Baustoffe zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden. Das Erdgeschoß aus Beton zeigt sich zur Straße hin abgeschottet und abweisend und öffnet sich zum lang gestreckten Garten. Im Erdgeschoß mussten auch noch zwei Stellplätze untergebracht werden, „das war ebenfalls vorgeschrieben“. Und selbst die Fugen zwischen den Betonplatten mussten verkleinert werden, weil die Betonplatten wie „Verputz auszuschauen hatten und die Fugen zeigten, dass es eben kein Putz ist“, wie Troy erzählt.

Sichtbeton trifft auf Natur

Betritt man aber das Haus, öffnet sich sofort eine Blickachse ins Grüne. Der offene und großzügige Wohn-, Koch- und Essbereich wird innen von Holz dominiert, obwohl „wir den Beton ganz bewusst bei einigen Wänden sichtbar gelassen haben – etwa bei der Kaminwand oder beim Stiegenaufgang“, betont der Architekt. Die Verbindung zwischen dem harten Beton und dem weichen Holz, mit dem Boden, Decken, der offene Küchenblock und die Küchenkästen verkleidet sind, Weißtanne und weiß geölte Esche, sowie die großzügige Verglasung im hinteren Bereich des Raumes bilden einen optischen Übergang zum Garten, geben dem Raum Weite und lassen den „Raum fließen“, wie Troy es selbst nennt. Der Garten selbst ist – dem schmalen Grundstück folgend – lang gestreckt und wird dominiert von einem kleinen Pool, an dem entlang, vom Wohnbereich ausgehend, ein Steg führt.

Juri Troy

Im Obergeschoß aus Holz befinden sich die drei Kinderzimmer und ein Elternbereich. „Wir haben bei den Kinderzimmern die Dachneigung mitgenutzt, sodass die Raumhöhe erlebbar bleibt, die Zimmer sind durch eine Art Galerie miteinander verbunden. Der Elternbereich verfügt über eine Ankleide und ein eigenes Badezimmer sowie einen über dem Eingang liegenden von oben ins Dach eingeschnittenen Atriumbereich, der von außen – ganz bewusst – nicht sichtbar ist.“

Juri Troy

Geheizt wird das Haus über eine Fußbodenheizung mittels einer Erdwärmepumpe, und es verfügt über eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung. Der Kamin im Erdgeschoß ist als Zusatzheizung und für die Gemütlichkeit gedacht.

Auch wenn der Architekt meint, dass „das architektonische Konzept wesentlich durch die Vorgaben mitbestimmt ist“, hat er daraus doch das Beste gemacht. Ihm ist ein durch seine Schlichtheit herausragender Bau gelungen, der auch die Redakteure des Callway-Verlags so beeindruckt hat, dass es ihm einen Platz unter den „Häusern des Jahres 2022“ gesichert hat.

Zum Ort, zum Objekt

Die 16.556-Einwohner- und Bezirkshauptstadt Tulln an der Donau in Niederösterreich erhielt 1270 das Stadtrecht und ist somit eine der ältesten Städte Österreichs.

Architekt Juri Troy plante den schlichten Bau aus Beton und Holz, der in die Publikation „Häuser des Jahres“ 2022 (Callwey-Verlag) aufgenommen wurde.

Grundstücke für Einfamilienhäuser kosten im Bezirk Tulln in (sehr) guter Lage durchschnittlich 640 Euro/m2, Häuser 3200 Euro/m2.

("Die Presse", 14.1.2022)