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Raphaela Edelbauer.
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Literatur

Schlafwandelnd durch das alte Wien

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs erkunden drei junge Menschen ein Wien der Kontraste, von den Palais bis zu den Kaschemmen. Raphaela Edelbauer hat mit „Die Inkommensurablen“ einen bravourösen Roman über eine Welt vor dem Untergang geschrieben.

Dass die deutschsprachige Literatur der letzten Jahrzehnte sich intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg, aber erstaunlich wenig mit dem Ersten befasst hat, ist bereits bemerkt worden. Nach dem monströsen „Festungsprojekt“ der Marianne Fritz setzte Bettina Balákas Heimkehrerroman „Eisflüstern“ (2006) hierzulande Maßstäbe. Ebenso konventionell in der Form, aber mit einer originellen Fragestellung erzählt Raphaela Edelbauer nun von den Tagen nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914. „Die Inkommensurablen“ ist nur vordergründig die Geschichte dreier junger Menschen, die das Schicksal in der Abenddämmerung des kaiserlichen Wien zusammengewürfelt hat. In Wahrheit ist es der Befund einer kollektiven Suggestion, oder eher: Hysterie vor dem Hintergrund dessen, was einmal Geistes- und Ideengeschichte geheißen hat. Wie kommt es, dass man sich kopfüber in diesen Großen Krieg stürzte? Woher die Lust an martialischer Enthemmung in einem Reich, in dem fast fünfzig Jahre Frieden geherrscht hat?

Edelbauer lässt ihr Trio durch ein Wien im Ausnahmezustand taumeln, an den im Schwange befindlichen Gärungsprozessen teilhaben und daraus verändert, wiewohl nicht unbedingt geläutert hervorgehen. Das eigentliche Geschehen erstreckt sich über kaum mehr als vierundzwanzig Stunden: In der Früh des 30. Juli kommt der von einem Tiroler Hof entlaufene Rossknecht Hans Ranftler in Wien an, bemerkenswerterweise nicht am West-, sondern am Südbahnhof. Hans ist siebzehn, aber kein tumber Tor, als Reiselektüre hat er Dantes „Inferno“ im Gepäck; nach und nach erfahren wir, dass er sich Zeitungen und Bücher zu verschaffen wusste und „beim Dungumwälzen“ Vokabeln memorierte. Im Wirbel der Residenzstadt fühlt er sich freilich überfordert, zumal er nicht gekommen ist, um sich dem Strom der Freiwilligen anzuschließen, die auf das Ablaufen des deutschen Ultimatums an den Zaren warten. Hans will vielmehr bei der Psychoanalytikerin Helene Cheresch vorsprechen, die per Annonce Probanden für ein parapsychologisches Projekt sucht. Seine Gabe weckt ihr Interesse: Hans denkt die Gedanken anderer, ehe sie diese aussprechen.