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ÖVP-Konzept: Was auf die Schulen zukommt

oeVPKonzept Schulen zukommt
(c) Clemens Fabry
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Stärkerer Druck auf Volksschullehrer, mehr Nachmittagsunterricht und größerer Lehrerbedarf. Auf Schüler, Lehrer und Eltern kämen große Veränderungen zu, sollte das Konzept umgesetzt werden.

Wien. Für einen Knalleffekt sorgte die ÖVP mit der Präsentation ihres neuen Bildungskonzeptes nicht. Die Reform sei zu wenig weitgehend, so der Vorwurf des Koalitionspartners. Auf Schüler, Lehrer und Eltern kämen trotzdem große Veränderungen zu, sollte das Konzept umgesetzt werden. Die wichtigsten im Überblick:

1 Erhöhter Lehrerbedarf durch die Neue Mittelschule

Mehr als 850 Hauptschulen müssten bei einer Umsetzung des ÖVP-Konzepts in Neue Mittelschulen umgewandelt werden. Eine Umstellung, die vor allem mit einem wesentlichen Mehrbedarf an Lehrern einhergeht. Denn: In den Neuen Mittelschulen stehen in den Hauptfächern (Deutsch, Mathematik, Englisch) zwei Pädagogen in der Klasse. Das könnte zum Problem werden, denn schon jetzt kämpfen Bundesländer wie Vorarlberg und Wien mit einem akuten Lehrermangel.

Wie viele Pädagogen zusätzlich benötigt würden, steht noch nicht fest. Die Erfahrung zeigt, dass die Zahl beträchtlich wäre: An der Neuen Mittelschule Schrems etwa wurden durch die Umstellung von lediglich fünf Klassen sechs Lehrkräfte mehr benötigt. Abgefedert werden könnte der Mehrbedarf, indem Lehrer von Verwaltungstätigkeiten entlastet würden und so mehr Zeit für den direkten Kontakt mit den Schülern hätten.

2 Vorschule: Konzepte für Migrantenbetreuung fehlen

Im Rahmen der Vorschule sollen Kinder künftig Sprachdefizite aufholen, damit sie beim Einstieg in die erste Klasse Volksschule ausreichend Deutsch können. Das erfordert deutlich mehr Personal und Ressourcen, die die Schulen nicht haben. Wer in den Vorschulen unterrichten soll, ist offen. Die Suche nach ausreichend Lehrern mit der Ausbildung „Deutsch als Fremdsprache“ dürfte schwierig werden. Für viele österreichische Eltern dürfte die Vorschule zudem an Attraktivität verlieren. Für die betroffenen Migranten würde die Maßnahme einerseits Hilfe beim Schuleinstieg bedeuten – andererseits würden sie aber auch ein Jahr verlieren. Das könnte den Trend nach unten noch verstärken: Migranten gehören in Österreich ohnehin zu den Bildungsverlierern. „Man kann Sprach- oder Entwicklungsdefizite nicht einfach reparieren“, sagt Bildungswissenschafter Stefan Hopmann. Diese Kinder hätten die Defizite die ganze Schullaufbahn hindurch und bräuchten dauerhafte Begleitung.

3 Mehr Druck auf Volksschullehrer beim Schulübertritt

Schon in der Volksschule sollen Lehrer feststellen, für welchen Schultyp ein Kind geeignet ist und eine „individuelle Bildungsempfehlung“ abgeben, die über „Kompetenzen und Talente“ der Kinder Auskunft gibt. Daran sollen sich Direktoren weiterführender Schulen orientieren können, wenn es darum geht, welche Schüler aufgenommen werden. Talentierte Kinder aus bildungsfernen Schichten könnten von einer expliziten Empfehlung für die AHS profitieren.

Nicht jeder Lehrer dürfte aber über die neue Aufgabe glücklich sein: Tatsächlich intervenieren schon heute viele Eltern, wenn es in der vierten Klasse darum geht, jene Noten zu bekommen, die das Kind für den Übertritt in die Wunsch-AHS braucht. Eine „Bildungsempfehlung“ für einen bestimmten Schultyp könnte dazu führen, dass der Druck auf die Lehrer noch weiter steigt.

4 Verlagerung von Unterricht auf den Nachmittag

Wird das ÖVP-Konzept verwirklicht, werden viele Schüler künftig länger in den Klassen sitzen müssen – und zwar gute wie schlechte. Schon in der Volksschule sollen Kinder mit Deutschmängeln am Nachmittag verpflichtende Förderkurse besuchen. In der Mittelschule sind für Schüler mit Lernschwächen Pflichtförderkurse vorgesehen. Auch die besonders Begabten bekommen Zusatzaufgaben – die „High Potential Groups“ lernen ebenfalls am Nachmittag weiter. Ungeklärt ist, wer den Nachmittagsunterricht übernehmen soll.

5 Mehrkosten durch Einführung einer Mittleren Reife

Nach der achten Schulstufe sollen die Schüler künftig eine Art „Mini-Zentralmatura“ bestehen. Für die Konzipierung der Tests müssten eigene Experten eingesetzt werden. Bei der Zentralmatura, die an den AHS ab 2013/14 Realität wird, werden die Prüfungsaufgaben vom BIFIE erarbeitet und in einer Pilotphase getestet. Eine aufwendige Prozedur, die sich in hohen Kosten niederschlägt. Dennoch: „Zwischenabschlüsse sind wichtig“, so Hopmann. Wer unterwegs die Motivation verliert, sollte am Ende nicht mit leeren Händen dastehen.

6 Schulautonomie: Viele Direktoren mit Managertätigkeit überfordert

Die ÖVP plant eine Stärkung der Schulautonomie. Die Hauptverantwortung soll dann bei den Direktoren liegen. Sie sollen etwa ihre Lehrer selbst aussuchen können. Viele Direktoren wären mit dieser Managertätigkeit wohl überfordert. Schulleiter müssten für derartige Aufgaben jedenfalls besser ausgebildet werden. Auch der administrative Aufwand, der bereits heute beträchtlich ist, würde parallel zur stärkeren Autonomie ansteigen. Dafür bräuchte es mehr Personal, das die Direktoren entlastet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2011)