Mit Igor Levit feiern wir gleich auch Franz Liszt

Als Veranstalter kann „Die Presse“ oft rascher reagieren als etablierte Institutionen: Heute debütiert ein junges Klaviergenie im „Musiksalon“.

Jubiläumsjahre. Manche werden zelebriert. Manche bemerkt man gar nicht. Dass soeben das zweite Gustav-Mahler-Jahr hintereinander angebrochen ist – 2011 gedenken wir des 100.Todestages des Komponisten–, wird niemand überhören können. Dass vor Kurzem ein Hugo-Wolf-Jahr zu Ende ging, hat man bei sehr viel Mahler, viel Chopin und Schumann so gut wie überhört.

Dabei sollten Gedenkjahre dazu da sein, an jene zu erinnern, die ein wenig im Schatten stehen geblieben sind. Wolf gehört dazu. Er ist einer der bedeutendsten Meister an der Schwelle von der Romantik zur Moderne – für das Lied und die Gesangskomposition etwa das, was Mahler für die Symphonik darstellt.

Aber das festzustellen, überlassen die Veranstalter lieber der Musikwissenschaft – es bleibt also Theorie. Immerhin gibt es den „Musiksalon“ der „Presse“. Und dessen letzte Ausgabe für das Jahr 2010 war Hugo Wolf gewidmet – und einer Interpretin, die sich besser auf dessen Musiksprache versteht als nahezu sämtliche ihrer Kolleginnen: Birgid Steinberger.

Steinberger sang, von Marcelo Amaral feinsinnig und virtuos am Flügel musikalisch betreut, eine Auswahl aus verschiedenen Wolf-Sammlungen und demonstrierte, worauf es ankommt: perfekte Diktion, unmittelbare Schöpfung des Klangs aus dem Wort und Gespür für die architektonische Kraft harmonischer Vorgänge.

Das macht die Sache für das Publikum tatsächlich zum anspruchsvollen Aktiv-Hörerlebnis: Keine Zeit zum Zurücklehnen und Träumen!

Dieses ist heute, Montag, Abend im Gläsernen Saal des Musikvereins zum Teil doch einprogrammiert. Denn beim ersten „Musiksalon“ des neuen Jahres geht es um den Jahresregenten 2011, Franz Liszt. Bis heute unterschätzt als prägende Figur der musikalischen Romantik und Moderne, verstand er es, als geborener Virtuose und (auch) akustischer Verführer, die sinnlichen Qualitäten musikalischer Wahrnehmung ebenso zu nutzen wie die intellektuellen.

Seine Sammlung der „Transzendenten Etüden“ formuliert nicht nur ein Kompendium pianistischer Technik der Romantik – auf der bis heute das Klavierspielen in aller Welt aufbaut –, sondern auch ein Sammelsurium einer bildmächtigen tönenden Ausdruckssprache. Die Etüden thematisieren, jede für sich, als kleine Tondichtungen menschliche Empfindungen und Leidenschaften.

Grund genug, sie an den Beginn des Liszt-Jahres zu setzen und dafür einen jungen Mann in den Musikverein zu bitten, der in den vergangenen Monaten in seiner deutschen Heimat wie kein zweiter Musiker Schlagzeilen gemacht hat: Igor Levit. Der Hannoveraner Pianist wurde bei seinen diversen Debüts – zuletzt in München – stürmisch gefeiert und erhielt von den wichtigsten deutschen Medien hymnische Kritiken.

Im „Musiksalon“ feiert er heute (19 Uhr) mit Liszt sein Wien-Debüt.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2011)

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