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"Silvester": Peter Turrini gibt Sex im Alter eine Chance

Silvester Peter Turrini gibt
STADTTHEATER KLAGENFURT SILVESTER(c) APA/HELGE BAUER (HELGE BAUER)
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Im Stadttheater Klagenfurt inszeniert Hausherr Josef E. Köpplinger "Silvester" ein wenig zu brav für dieses stimmige Stück. Es pendelt listig zwischen milder Abgeklärtheit und leichter Provokation.

Es schneit und stürmt zu „Silvester“ auf der Bühne des Stadttheaters Klagenfurt. Aus dem Hintergrund rollt eine betongraue Bühne in der Bühne (Julia Müer)vor. Kommoden, ein kleiner Weihnachtsbaum, die Krippe, im Hintergrund unter der Eisentreppe ein Bett mit abgerissener Tapete– Palmen. Tisch, Stühle, Flachbild-TV, eine Dusche. Das ist der Keller von Leo Waller (Wolfgang Kraßnitzer), einem pensionierten Maurer. Im Bademantel bereitet er sich auf das neue Jahr vor, schminkt sich die Wangen rot, legt einen Stützstrumpf an.

Draußen ist es eiskalt, drinnen sorgt ein Heizstrahler auf einer Gasflasche für Wärme. Vor zwanzig Jahren hat die Ehefrau mit zwei Kindern den zur Gewalt neigenden Leo verlassen. Seither lebt er im Keller, der Rohbau bleibt unvollendet. Im Dorf ist Leo als „schwule Sau“ verschrien. Jetzt wartet er auf Herbert Stein (Jan Nikolaus Cerha), einen behinderten Heimbewohner, dem die Caritas einen besonderen Abend „draußen“ in einer Familie gewährt. Sein Betreuer (Arthur Klemt) bringt den „Klienten“ vorbei, er ist misstrauisch: „Perverses oder irgendetwas in diese Richtung dürfen Sie mit ihm auch nicht machen“, warnt er den Alten, der sich auch hierbei nur schwer im Griff hat.

Der Verdacht liegt nahe. Eigentlich wollte Leo für den Abend eine Sängerin engagieren, hat sie aber wegen des von der Caritas angebotenen Herbert storniert. Diese Ruth Maria Lippe alias „Fritzi Weber“ (Helga Papouschek) kommt aber doch nach Mitternacht. Sie bringt nuttigen Flitter, Bewegung und auch Tragik ins Finale von „Silvester“.

 

Duschen mit der Biene Maja

Liebe, Sex und Schwulität im Alter, dazu noch die Andeutung von Missbrauch eines Behinderten – Peter Turrini hat in seinem neuen Stück tapfer an Tabus gerüttelt. Sogar ein Nackerter war bei der Uraufführung am Samstag in Klagenfurt unter der Regie von Hausherr Josef E. Köpplinger zu sehen. Aber was früher an der Peripherie vielleicht zu einem stattlichen Skandal geführt hätte, wurde in diesem Fall herzlich bejubelt, und das ist auch gut so. Denn Turrini hat einen stimmigen Text voller Menschenfreundlichkeit geliefert, dem die brave Regie und teils auch die schauspielerische Leistung leider nicht ganz entsprochen haben. Aus diesem tragikomischen Abend müsste bei ausgeprägtem Mut zur Straffung und zur stärkeren Expressivität der Hauptperson noch mehr herauszuholen sein.

Wie nur ganz wenige versteht es Turrini, in Dialogen den Ton zu treffen. Man hat auch das Gefühl, er liebt seine Charaktere, mögen sie noch so verkorkste Schicksale haben. In seinem Theaterfegefeuer hat jeder die Chance auf Rettung, der Autor scheut bei aller Provokation den Abgrund. Das geht auf Kosten wirklich dunkler Kontraste. Zudem fehlt es manchmal an poetischer Dichte in diesem Sozialdrama. Einige Szenen plätschern viel zu authentisch belanglos dahin.

Wenn Leo sich etwa voll Begierde Herbert nähert, in einer Ersatzhandlung aber dem Jungen demonstriert, dass sein Fernseher 516 Kanäle empfangen kann (Musikantenstadl, Gay-TV, Shopping-Kanäle), wenn er ihn zum Ausziehen und Duschen drängt, könnte das dämonisch werden und den gebrochenen Charakter dieses Mannes zeigen. In dieser Regie aber wirkt Kraßnitzer vor allem verhalten, während Cerha eindrucksvoll den Behinderten gibt, der nach spastischen Anfällen still mit seinen Stofftieren spielt, vor allem mit der Biene Maja, deren Lied er kräht und die er auch unter die Dusche mitnimmt. Umso bemerkenswerter sind so seine Panikattacken, die zeigen, wie furchtbar es in diesem Menschenkind auch brodelt.

Ganz konträr hat Papouschek erst ihre Rolle als abgetakelte Soubrette angelegt. Das „Teufelsweib“ kommt als lustige Person angerauscht, die ihr Handy als Waffe und Trost verwendet. Wenn sie einen Hit aus „Die lustige Witwe“ trällert, „Summertime“ oder gar ein sentimentales Heimatlied, stellt sich Bemerkenswertes ein: Empathie, die bewusst macht, dass auch diese resolute Frau eine tragische Rolle spielt. Aber das lässt Papa Turrini in seiner Altersmilde nur für Momente zu. Auch die Sängerin, das „erotische Angebot“, darf eine Lebensbeichte ablegen, mit Herbert therapeutisch tanzen. „Lippen schweigen, 's flüstern Geigen, / Hab mich lieb...“ Einmal noch möchten die Senioren einen jungen Körper spüren. Wer weiß. Am Ende sieht man nach fast zwei Stunden das seltsame Trio beim Flaschendrehen auf dem Boden. Gelöst wie Teenager wirken sie, ehe sich die Szene gnädig verdunkelt.

Seit „Rozznjogd“ berühmt

Peter Turrini, 1944 in Kärnten geboren, wurde 1971 freier Schriftsteller. Damals machte ihn das Stück „Rozznjogd“ berühmt. Zu seinen großen Erfolgen zählt auch die TV-Serie „Alpensaga“ (1974–1979). Inzwischen hat Turrini Dutzende Werke veröffentlicht, die in 30 Sprachen übersetzt wurden – Dramen, Drehbücher, Hörspiele, Lyrik und Essays.

Termine in Klagenfurt: 11., 13., 15., 19., 28.Jänner, 2., 9., 11., 15., 17., 24.Februar, 19.30h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2011)