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Pop

Jazz: Tränen der Liebe, kunstvoll verdampft

Jazz Traenen Liebe kunstvoll
Gitarre(c) EPA (BERND THISSEN)
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Vinicius Cantuária und Bill Frisell beglückten mit kunstvoll dekonstruierter Latinästhetik im aus allen Nähten platzenden Porgy & Bess.

Aus Manaus gebürtig, in Rio de Janeiro aufgewachsen, folgte Vinicius Cantuária in den 1980er-Jahren zunächst den Fährten aktueller Brasil-Pop-Trends. Mit leichtfüßigem Synthie-Dancepop lancierte er landesweite Hits, aber niemand hätte ihm zugetraut, mal eine wirkliche musikalische Größe zu werden.

Diese Verwandlung passierte, als sich Cantuária Mitte der 1990er-Jahre in New York niederließ und die dortige Downtown-Szene mit ihrem Faible für Extemporation lieben lernte. Auf Alben wie „Tucuma“ verband der Perkussionist, Gitarrist und Sänger das fiebertraumartige Timbre des Bossa nova mit der Sensibilität von Meisterimprovisateuren wie Arto Lindsay und Bill Frisell. Mit Letzterem präsentierte Cantuária nun im aus allen Nähten platzenden Porgy & Bess das neue, gemeinsame Opus „Lágrimas Mexicanas“. Fasziniert vom Melting Pot New York, wo sich Südamerikaner jeglicher Provenienz tummeln, dekonstruierten die beiden diesmal die zuckerige Formensprache mexikanischer Musik. Verstärkt durch den Perkussionisten Marivaldo Dos Santos, konzentrierten sich die beiden auf den Austausch feinsinnig schwebender Gitarrenklänge, die beredt mit Hall und Echo tändelten.

 

Introvertierte Meister

Frisell, ein Mann der seine Loops behutsam wie Mandalas konstruiert, ehe er sie ins Nichts verklingen lässt, ist kein großer Bühnencharismatiker. Mit fast buchhalterischer Attitüde setzte er seine markanten musikalischen Statements. Cantuária, ein begnadeter Gesangssensibilist war gleichfalls alles andere als eine Rampensau. Behutsam lockten diese introvertierten Meister in ihre perfekt zwischen strapaziösem Lärmpartikelaquarell und graziler Beseeltheit ausbalancierte Ästhetik.

Wonnebebende Lieder wie „Lágrimas de Amor“ und „Aquela Mulher“ salbten nachhaltig die Nerven des begeisterten Publikums. Die wichtigen dramaturgisch Auslassungen, die das Torso-artige dieser Kunst forcieren, gehorchten dabei nicht so simplen Jazzleitsätzen wie „Nichts swingt so schön wie der Aufwand, den man sich spart.“ Bei Cantuária und Frisell hatte man zu Recht den Eindruck, dass das, was sie nicht sagen, fast mühevoller war als das, was sie letztlich an Tönen fließen ließen. Kein Wunder, dass die beiden schon nach 60Minuten abgehen wollten. Nachdem ihnen Impresario Christoph Huber behutsam erklärte, dass ein derart kurzes Gastspiel nicht ortsüblich sei, kamen sie nochmals und kramten in ihrem Schatzkästchen.

Linde Gitarrenimprovisationen, die in einen ausgelassenen Perkussionswirbel mündeten, überbrückten den Mangel an gemeinsamem Material. Eine leidenschaftlich simmernde Adaption von Antonio Carlos Jobims „Corcovado“ leitete ins sensuelle Paradies des Bossa nova. Cantuária sang mit formvollendeter Stimmlosigkeit, Frisell feuerte ganz in der Manier seines ehemaligen Lehrers Jim Hall minimalistische Gitarrentöne ab, die er auf dem Weg zum Ohr des Hörers mittels Effektpedal noch mehrmals modulierte. Die beiden sind mit ihrer Schwellenexistenz zwischen den Genres mehr als zufrieden. Ihre Fans waren es ebenso.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2011)