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Studie

Neue Daten: Gewalt betrifft jede vierte Frau, jedes fünfte Kind

Jede fünfte Frau als Kind von Körpergewalt durch Eltern betroffen.
APA/dpa/Julian Stratenschulte
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Neue Zahlen zeigen die Ausmaße von Gewalt gegen Frauen auf: Gut jede 11. Frau (über 15 Jahren) hat eine Vergewaltigung hinter sich, jede fünfte hat Stalking erlebt, und auch Gewalt gegenüber Mädchen unter 15 Jahren ist weit verbreitet, so neue Daten der Statistik Austria.

Gewalt ist ein Problem mit fast epidemischen Ausmaßen: Mehr als jede vierte Frau in Österreich (26,3 Prozent) hat nach ihrem 15. Geburtstag eine Form sexueller und/oder körperlicher Gewalt außerhalb ihrer Partnerschaft erfahren. Rund jede sechste (16,4 Prozent) aller Frauen, die schon einmal in einer Partnerschaft waren oder sind, hat körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erlebt.

Das geht aus der Studie „Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen in Österreich 2021“ hervor, die von der Statistik Austria erstellt und von Eurostat und dem Bundeskanzleramt in Auftrag gegeben wurde. Es geht darin speziell um Gewalt, die Frauen erfahren, beziehungsweise um Gewalt, die Frauen überproportional häufig betrifft: In Partnerschaften, durch Stalking, in Form sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und Gewalt in der Kindheit.

(c) Die Presse

Die Daten sollen erstmals Ergebnisse zu den Opfern liefern und die amtlichen Statistiken ergänzen: Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasst zur Anzeige gebrachte Fälle, die gerichtliche Kriminalstatistik Verurteilungen.

Schließlich wurde lange kritisiert, dass die Datenlage zu Gewalt äußerst dünn sei, das Dunkelfeld groß. Die Studie wurde aufgrund einer repräsentativen Stichprobe aus dem Zentralen Melderegister erstellt, die Erhebung wurde als Kombination aus persönlichen und Online-Befragungen durchgeführt. Den neuen Daten zufolge entsprechen die Ausmaße der Gewalt gegen Frauen und Mädchen etwa bisherigen Schätzungen.

8,7 Prozent aller Frauen in Österreich wurden demnach (nach ihrem 15. Geburtstag) vergewaltigt. Jede fünfte war von sexueller Gewalt in anderer Form betroffen. Von sexueller Gewalt (inklusive Vergewaltigung) in der Kindheit, das heißt, in einem Alter jünger als 15 Jahren, waren 7,05 Prozent betroffen, 1,85 Prozent wurden im Alter unter 15 Jahren Opfer einer Vergewaltigung.

Angst um das eigene Leben

Körperliche Gewalt in intimen Beziehungen haben 14 Prozent der Frauen, die sich schon zumindest einmal in einer intimen Beziehung befunden haben, erlebt. Opfer sexueller Gewalt in Partnerschaften waren sieben Prozent der Frauen. Eine vollendete Vergewaltigung in einer intimen Partnerschaft mussten 6,1 Prozent erleiden, während 2,2 Prozent von einer versuchten Vergewaltigung betroffen waren. 36,9 Prozent geben an, psychische Gewalt in einer Partnerschaft erlebt zu haben. Am häufigsten waren hier laut der Studie verbale Erniedrigungen und Beschimpfungen, gefolgt von übermäßiger Eifersucht.

Gerade Gewalttaten in Partnerschaften sind keine Einzelfälle: Acht von zehn Frauen, die in einer Beziehung mit Gewalt bedroht wurden, haben das wiederholt erlebt, Opfer körperlicher Gewalt wurden laut Studie sechs von zehn Frauen in ihrer letzten gewalttätigen Partnerschaft mehr als einmal.

Auch bei rund der Hälfte der Fälle von Vergewaltigungen oder versuchten Vergewaltigungen habe es sich um Wiederholungstaten. Und 7,7 Prozent der Frauen, die mindestens in einer früheren Partnerschaft Gewalt erlebt haben – von Drohungen über physische Angriffe bis zu sexueller Gewalt –, haben diese Erfahrungen in mehr als einer Beziehung gemacht, geht daraus hervor.

Diese Taten haben Folgen: Von den Frauen, die angaben in einer Beziehung Gewalt erfahren haben, hat jede zweite Verletzungen davongetragen. Rund jede dritte hatte zumindest bei einem Vorfall das Gefühl, ihr Leben sei in Gefahr.

Stalking hat laut der Studie jede fünfte Frau erlebt. Und gerade das stellt eine schwere Belastung dar: Jede vierte Betroffene berichtete, über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr beharrlich verfolgt worden zu sein, nur 13,7 Prozent weniger als zwei Wochen. Viele Frauen reagieren, um sich zu schützen, müssen sich im Alltag sehr einschränken. Fast jede Fünfte änderte ihre Telefonnummer oder E-Mail-Adresse oder löschte ihr Nutzerprofil auf Sozialen Medien. 15,2 Prozent tragen eine Schere, ein Messer oder Pfefferspray mit sich.

Rund jede vierte Frau, die einer Erwerbsarbeit nachgeht, wurde am Arbeitsplatz sexuell belästigt. Zu den häufigsten Formen zählen hier unangemessenes Anstarren, sexuelle Witze oder übergriffige Bemerkungen über ihren Körper oder ihr Privatleben ebenso wie unerwünschter Körperkontakt. 96,8 Prozent wurden von einem männlichen Täter sexuell belästigt.

Verleugnetes Problem

Angesichts dieser neuen Daten wird erneut die Forderung laut, das Budget für Gewaltschutz aufzustocken. Um die Istanbul-Konvention, das derzeit wichtigste Rechtsinstrument gegen Gewalt an Frauen in Europa, in Österreich umzusetzen, brauche es laut Gewaltschutz-Organisationen 250 Millionen Euro jährlich sowie 3000 zusätzliche Vollzeitarbeitskräfte in der Gewaltschutzarbeit.

Österreich habe ein Problem mit Männergewalt, auch wenn man sich das nicht eingestehe, kritisierte etwa Klaudia Frieben, die Vorsitzende es Österreichischen Frauenrings jüngst, sie ortet hier auch ein Versagen auf politischer und behördlicher Ebene. Die Regierung hat zuletzt das Frauenbudget für 2023 um 5,9 auf 24,3 Millionen Euro erhöht.

(Die Presse)