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Kolumne

Die Utopie vom „‚Einen‘ Traumjob“

Trotzdem Abheben zum Traumjob
Trotzdem Abheben zum Traumjob(c) Getty Images (pinstock)
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Auf zum Traumjob. Folge 46. Viele suchen nach „dem ultimativen Job“, der sie voll und ganz erfüllt, der einen unumstößlichen Beitrag zur Verbesserung der Welt beiträgt, und der sie in Wohlstand leben lässt. Aber ist das nicht utopisch?

Die Suche nach dem Traumjob ist eine Frage, die viele Menschen vor allem aktuell umtreibt. Vor allem sinnerfüllte Jobs stehen sehr weit oben im Ranking und die Social Media Blase scheint schon beinahe zu zerplatzen, weil ein Weltverbesserungspost den anderen nochmals übertreffen möchte.

Vermeintlich entsteht der Eindruck, dass so ziemlich jeder und natürlich jedes Unternehmen einen sinnvollen Beitrag zu unserer Welt leistet. Produkte einfach nur just for fun zu produzieren ist ein Relikt der 80er Jahre und könnte demnächst aussterben, so scheint es zumindest.

Ähnlich verhält es sich mit den Jobs in den Unternehmen. Selbst wenn sie per se nicht so wirklich was hergeben, hilft eben die HR-Abteilung mit einem Posting aus und verleiht der Position Anerkennung, Wichtigkeit und Wertschätzung. Aber wie sieht die Realität dazu aus? Können wirklich alle Menschen einer Volkswirtschaft einer sinnvollen Arbeit nachgehen bzw. kann jeder einzelne Job das überhaupt leisten?

Wie ist der Traumjob entstanden?

Woher kommt eigentlich die romantisch verträumte Vorstellung vom Traumjob überhaupt? Die Antwort liegt in der Frage selbst. Die Wurzel davon wurde bei uns schon Ende des 18. Jahrhunderts gelegt, nämlich im Zeitalter der Romantik.

In dieser Zeit änderte sich die Haltung zum Leben und was wir von einzelnen Lebensbereichen erwarten, diametral. Diese Epoche prägt bis heute viele unserer Vorstellungen. Zum Beispiel die der Partnerwahl aus wahrer Liebe oder das Führen von Kriegen für Freiheit und Gerechtigkeit und eben auch die Wahl des Berufes aus Leidenschaft und Erfüllung.

Selbstverständlich dauerte es noch immens lange, bis derartiges für einen großen Teil der Bevölkerung überhaupt eine relevante Fragestellung wurde und wir wissen, dass auch heute noch für vielen Menschen außerhalb der westlichen Welt sowie für manche Milieus hierzulande ein völlig irrelevantes Thema ist. Sehr viele Menschen arbeiten ausschließlich, um Geld zu verdienen, um überleben zu können.

Nichtsdestotrotz wurde durch die Zunahme des allgemeinen Wohlstandes und dem breiten Zugang zu Bildung die Vorstellung vom Traumjob auch in der Mittelschicht massentauglicher.

Dies hat wiederum mit einer anderen Entwicklung zu tun, nämlich mit dem Siegeszug des Kapitalismus, der sich ebenfalls Ende des 18. Jahrhunderts zu entwickeln begann. Die Krux daran ist jedoch, dass beide Strömungen im Wesentlichen für eine im Kern gegenläufige Entwicklung sorgen, woraus sich für das einzelne Individuum ein ewig währendes Dilemma ergibt.

Was macht einen Job sinnvoll?

Der gesteigerte Wohlstand in unserer westlichen Welt fußt zu einem sehr großen Teil auf der Spezialisierung in den unterschiedlichen Arbeitsbereichen. Also niemand kommt heute von der Arbeit nach Hause und ist dann noch gezwungen seine Möbel selbst herzustellen usw.

Diese in den letzten 200 Jahren bis zum Exzess fortschreitende Arbeitsteilung unserer modernen Gesellschaft hat unter anderem für einen noch nie dagewesenen Wohlstandszuwachs gesorgt, der durch die Globalisierung nochmal verstärkt wurde.

Das hat jedoch seinen Preis und der besteht mitunter darin, dass die daraus entstandenen Jobs einen sehr großen Spezialisierungsgrad aufweisen und zunehmend als sinnentleert wahrgenommen werden.

Menschen nehmen eine Tätigkeit nämlich deshalb als sinnvoll wahr, wenn sie mit dem Endergebnis ihres Tuns direkt konfrontiert werden. Wenn Menschen im wahrsten Sinne des Wortes tagtäglich sehen, was sie Erschaffen, führt das dazu, dass ihr Engagement als sinnvoll bewertet wird.

1000ster Teil einer großen Lieferkette oder Produktionskette zu sein, hat eben nicht diesen Effekt, egal wie wertvoll das Produkt ist, das am Ende des Tages produziert wird.

Alternative Traumjobstrategien

Und deshalb finden sich vielen Menschen in der Situation wieder einerseits zwar einen Job zu haben mit dem sie in Wohlstand leben können, der sie jedoch andererseits nicht wirklich erfüllt. Und das wird für viele Jobsuchende zu einem Dilemma, dem sie schwer entkommen können.

Deshalb empfehle ich meinen New/Outplacement Kandidat:innen nicht nur nach der Eier-legenden Wohlmilchsau zu suchen, sondern sich von dem Anspruch zu lösen ihre ganze Erfüllung nur in einem einzelnen Job, also dem Traumjob schlechthin zu suchen, sondern stattdessen eine sogenannte Portfolio-Karriere anzustreben.

Das bedeutet parallel in unterschiedlichen Jobs zu arbeiten und auf diese Art und Weise seine vielfältigen Talente zu adressieren. Die Möglichkeiten sind diesbezüglich in den letzten Jahren stark gestiegen, weil die Unternehmen immer attraktivere Arbeitszeitmodelle für Ihre Beschäftigten anbieten müssen.

Und wenn es einen guten Brotjob gibt, kann die Resterwerbszeit sehr gut anderem kombiniert werden. Zum Beispiel mit einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Der Sozialbereich bietet hier sehr viele Möglichkeiten.

Eine weitere Variante besteht darin wechselnde Vollzeit-Tätigkeiten im Jahresverlauf auszuüben. Das funktioniert sehr gut in der Tourismusbranche, die ja vor allem in den letzten Jahren händeringend nach Arbeitskräften sucht und sehr offen für Quereinsteiger:innen ist.

Und für die risikoaffinen bleibt natürlich immer noch die Selbstständigkeit. Sie beinhaltet die größtmögliche Gestaltungsfreiheit und sie können sich ihrem Traumjob quasi selbst erschaffen. Das geht wiederum zu Lasten der Existenzsicherheit. So gesehen hat eben alles seinen Preis – auch der eigene Traumjob!

Gutes Gelingen!

Michael Hanschitz

Michael Hanschitz ist seit nunmehr 15 Jahren als New/Outplacementberater, Autor und Karrierecoach tätig. Er ist Gründer des Beratungsunternehmens Outplacementberatung (www.outplacementberatung.co.at) und Autor des Buches Menschen fair behandeln. Mit seiner Arbeit unterstützt er Menschen und Organisationen in schwierigen Veränderungsprozessen. Beraten mit Herz und Verstand lautet seine Devise.

Michael Hanschitz
Michael Hanschitz(c) Marek Knopp