Gastkommentar

Verlängern wir die Lebensarbeitszeit

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Old and in the way? Wenn Menschen nach dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter weiterarbeiten wollen, sollten wir sie das tun lassen.

Der Autor

Alfred Pfabigan (*1947), ehem. Professor für Philosophie an der Uni Wien, leitet die Philosophische Praxis Märzstraße. Zuletzt erschienen: „Philosophie hilft! Alltag und Theorie zwischen Sokrates und Freud“ (Vitolibro, 2021).

Die Debatte um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit läuft aus mehreren Gründen schief. Eine Seite argumentiert mit einer sozio-ökonomischen Konstellation – die demografische Entwicklung, die Pensionswelle unter den Babyboomern, die bisher eine einigermaßen zuverlässige Säule des Pensionssystems waren, die wachsende Zahl an freien Arbeitsplätzen und der gleichzeitige Überhang an Minderqualifizierten, deren Verwendbarkeit auf dem Arbeitsmarkt beschränkt ist, haben ein Wunschbild entstehen lassen: den rüstigen Senior und die rüstige Seniorin, die das alles in Ordnung bringen werden: „Die Alten werden es schon richten“ (Copyright „Kronen Zeitung“).

Derzeit scheinen die Angesprochenen das nicht so zu sehen: 2020 folgten etwa 60 % der Österreicher und Österreicherinnen der heimischen Tradition und gingen vor dem gesetzlich vorgesehenen Alter in Pension. Diese Menschen und ihre potenziellen Nachfolger haben ihre guten Gründe – gesundheitliche, frustrierende Erfahrungen am Arbeitsplatz, Lust auf den „Unruhestand“ und die „späte Freiheit“ (Leopold Rosenmayr). Sie kennen die Wege zum verfrühten Pensionsantritt, über das Ausmaß ihrer Lust, allfällige in den letzten Jahrzehnten sich langsam akkumuliert habende Fehlentwicklungen im Interesse des Allgemeinwohls zu „richten“, wissen wir wenig, doch können sie auf eine Lobby zählen, die sie schützen wird. Ausländische Beispiele lehren zudem, dass Eingriffe ins Pensionsalter sozial konfliktträchtig sind. Und aus der Sozialgeschichte wissen wir, dass Veränderungen in der Generationendynamik unberechenbare gesamtgesellschaftliche Auswirkungen haben.

Die andere Seite, prominent vertreten durch Ingrid Korosec, argumentiert mit Studien, denen zufolge etwa 30 % über den gesetzlichen Pensionszeitpunkt hinaus arbeiten wollen. Finanzielle Regelungen, vor allem überflüssige Sozialversicherungsbeiträge, würden sie schikanieren – durch Abbau dieser Benachteiligungen könnte man diese Menschen in ein verlängertes Arbeitsleben locken.

Arbeit gibt dem Leben Struktur

Wie sehen das die Adressaten dieser Wunschträume? Das Zahlenmaterial ist weniger belastbar, doch gibt es einen Ort, wo sie sich aussprechen. „Der Erwachsene verhält sich so, als ob er nie alt würde. Oft ist“, schreibt Simone de Beauvoir in ihrer voluminösen Studie „Das Alter“, „der Arbeitende verblüfft, wenn die Stunde der Pensionierung schlägt“. Das ist das Motto eines seit fünf Jahren in der Philosophischen Praxis Märzstraße laufenden Programms zur Vorbereitung der „Second Career“. Das Programm ist erfolgreich, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind im Regelfall gut Ausgebildete, Selbstständige oder Führungskräfte. Sie wissen, dass Arbeit dem Leben Struktur gibt und vor Einsamkeit schützt. Den demografischen Karren aus dem Schlamm zu ziehen ist nicht ihre primäre Motivation, das materielle Zubrot spielt eine unterschiedliche Rolle und die abgabenrechtlichen Nachteile werden verärgert eingepreist. Die durch das staatliche Pensionssystem garantierte finanzielle Absicherung gibt ihnen eine gewisse spielerische Freiheit – ihre Ansprüche an die „Second Career“ sind hoch und zurück in die Tretmühle wollen sie keineswegs.

Es sind andere Probleme, die ihnen zu schaffen machen. Von Spitzenfunktionen in Politik, Wirtschaft und Kultur abgesehen, gibt es immer noch ein wohlbestücktes Arsenal von Vorurteilen gegen die „Weiterarbeitenden“, die „old and in the way“ seien. Dazu kommen die Unterstellungen von Gier bis zu dem Satz, dass das „letzte Hemd keine Taschen“ hätte; und das Totschlagargument von den Jungen, denen Arbeitsplätze weggenommen werden.

Unser Programm hilft den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei der Meisterung dieser Schwierigkeiten – das geht über die argumentative Auseinandersetzung mit dem im Berufsleben latent vorhandenen „ageism“ hinaus. Bei aller Verschiedenheit der Motivation: Die Zahl derer, die an ihrem alten Arbeitsplatz bleiben wollen, scheint gar nicht so hoch zu sein. Manche verspüren eine „Sehnsucht nach dem ganz anderen“, die sich in unrealistischen Selbstständigkeitsplänen ausdrückt. Oft wird die Realität schöngeredet und die Frage, ob es überhaupt einen Bedarf nach der angestrebten Tätigkeit gibt und ob über die notwendigen Ressourcen verfügt wird, wird hintangestellt.

Eine verantwortungsvolle Vorbereitung auf ein neues Arbeitsleben schützt die Teilnehmenden vor Selbstüberforderung und weist darauf hin, dass – auch wenn „80 die neuen 60“ seien – es eine körperliche Grenze gibt, deren Beachtung weitgehend in die Selbstverantwortung fällt. Es empfiehlt sich etwa, ein Kontrollsystem aus Partnern oder Freunden aufzubauen, das zuverlässig und ohne Eigeninteresse hilft, einen allfälligen Kräfteabfall zu kontrollieren – und an einem bestimmten Punkt das zweite Arbeitsleben zu beenden; hoffentlich genauso gut vorbereitet wie beim Beginn.

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