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Junge Forschung

Schweigen ist Gold? Von wegen!

Jana Lasser forscht zu komplexen Systemen. Nach experimentellen Naturstudien zieht sie mittlerweile gesellschaftlich relevante Fragestellungen vor.
Jana Lasser forscht zu komplexen Systemen. Nach experimentellen Naturstudien zieht sie mittlerweile gesellschaftlich relevante Fragestellungen vor.© Helmut Lunghammer
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Die Komplexitätsforscherin Jana Lasser analysiert anhand von 200.000 Konversationen auf Twitter, welche Strategien am besten gegen Hassrede im Netz helfen.

Jana Lasser probiert gern Dinge aus, von denen sie denkt, sie noch zu wenig zu verstehen. Das brachte die ehemalige Absolventin einer Waldorfschule überhaupt erst zum Physikstudium, später für ihre Doktorarbeit zur Untersuchung geophysikalischer Muster in die kalifornische Salzwüste im Death Valley und schließlich als Postdoc zur Komplexitätsforschung. Sie sei ein „Challenge Seeker“, stelle sich ständig neuen Herausforderungen, meint die 32-Jährige: „Das ist diese Lust am Erklären des bis jetzt Unerklärten.“ Heute forscht sie als Marie-Skłodowska-Curie-Fellow am Institute for Interactive Systems and Data Science der TU Graz mit digitalen Tools anhand von Social-Media-Daten zu sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. „Das Schöne ist, dass wir mit den Daten aus den sozialen Netzwerken das Verhalten von Menschen sozusagen in der freien Wildbahn beobachten können.“

Mit Kurzfilmen das Gehirn „impfen“

Aktuell geht sie der Frage nach, wie sich Desinformation im Netz ausbreitet und welche Interventionen möglich sind. „Das Thema ist durch die Pandemie mehr in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt, weil sich die Erzählungen der Impfgegnerinnen und Impfgegner so stark verbreitet haben“, sagt Lasser. „Aber Verschwörungstheorien hat es natürlich auch schon vorher gegeben.“ In dem Projekt ist eine als Werbung geschaltete Aufklärungskampagne geplant, eine Art „Impfung fürs Gehirn“. In der Pilotstudie dazu sei bereits ein kleiner Effekt messbar gewesen, nun soll das Experiment ausgeweitet werden. „Wir wollen mit unserem Video 400.000 Nutzerinnen und Nutzer erreichen und analysieren ihre Postings vorher und nachher. Wir rechnen mit 500 Millionen Tweets.“

In einem anderen Projekt hat Lasser mit einem Team Hass- und Gegenrede in den sozialen Medien untersucht und ein „natürliches Experiment“ in Deutschland beobachtet: „Während der Gründung der AfD formierte sich eine organisierte Trollgruppe, die Reconquista Germanica, die gezielt Accounts von bekannten Nachrichtenseiten durch Hasspostings auf Twitter angriff.“ Als Reaktion darauf rief der Satiriker Jan Böhmermann mit „Reconquista Internet“ eine prominente Initiative dagegen ins Leben: „Diese Gruppe hat sich abgesprochen und auf die Postings der Trolle mit Gegenrede reagiert. Wir haben dazu von 2015 bis 2018 einen riesigen Datensatz mit 1,4 Millionen Tweets gesammelt. Das sind ungefähr 200.000 Konversationen.“

Mithilfe von maschinellem Lernen gelang es herauszufinden, welche Strategien dabei halfen, die Hassrede einzudämmen. „Wir maßen zum Beispiel, wie toxisch die Sprache ist und wie viele neutrale Nutzerinnen und Nutzer in der Konversation blieben.“ Wichtigstes Ziel von Gegenrede sei, möglichst viele Menschen bei der Stange zu halten. „Trolle wird man nicht umstimmen, aber es geht darum, dass Menschen ohne extreme politische Meinung sich sicher genug fühlen, um weiter an der Konversation teilzunehmen. Ein Indikator für den Erfolg von Gegenrede ist zum Beispiel, wenn die Sprache weniger extrem wird.“ Konstruktive Kommentare zeigten sich allerdings – für so manchen vielleicht überraschend – als kontraproduktiv. „Strategien, die aufgingen, waren Sarkasmus und die eigene Meinung zu sagen, also Präsenz zu zeigen, ohne selbst durch Beleidigungen extrem zu werden.“

Nach zehn Jahren Ausland an der Uni Göttingen und dem Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation sowie nach einem Abstecher an den Complexity Science Hub Vienna kehrte die gebürtige Grazerin 2021 zurück in ihre Heimatstadt. Hier engagiert sich Lasser auch wissenschaftspolitisch und ist Mitglied des Senats der TU Graz. Ihren Fokus legt sie u. a. auf die Verbesserung von prekären Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Außerdem ist sie Gründungsmitglied eines Netzwerks gegen Machtmissbrauch in der Wissenschaft. „Das sehe ich tatsächlich als Hobby“, schmunzelt sie. „Es kostet viel Zeit und ist doch etwas sehr anderes als meine Arbeit.“ Nur im Sommer flieht sie manchmal gänzlich vor dem Uni-Treiben in die Berge, um wochenlang von Hütte zu Hütte zu wandern.

Zur Person

Jana Lasser (32) wurde in Graz geboren. Sie studierte Physik an der Uni Göttingen und am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. 2018 promovierte sie mit einer Arbeit über geophysikalische Musterbildung in Salzwüsten. 2020 kehrte Lasser zurück nach Österreich, an den Complexity Science Hub. Seit 2021 ist sie Marie-Curie-Fellow an der TU Graz.

Alle Beiträge unter: www.diepresse.com/jungeforschung