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Amanshausers Album

Das Dia, Instagrams Vorgänger

Selbstdarstellen, posten, bewerten – ganze Generationen teilen ihren Urlaubstraum mit einer Semi-Öffentlichkeit, ob sie will oder nicht.
Selbstdarstellen, posten, bewerten – ganze Generationen teilen ihren Urlaubstraum mit einer Semi-Öffentlichkeit, ob sie will oder nicht.Jakob Owens/Unsplash
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Nicht besonders populär war der Familien-Dia-Abend. Zum Renner wurde er erst auf Instagram.

Erinnern Sie sich an die Diavorträge der Siebzigerjahre? Tante Walpurga und Onkel Emil hatten die Amalfiküste, Malta oder Heidelberg besucht und Hunderte Bilder aufgenommen, die sie mit weitschweifigen Erklärungen vorführten – halbe Familien verfielen bei solchen Spießrutenläufen dem Alkoholismus. Anno domini galten Urlaubsfotos via Wandprojektionen als öde, die Neugier fehlte und der persönliche Bezug. Tante Walpurga und Onkel Emil trugen den mäßigen Erfolg ihrer Vorführungen indes mit Fassung. Ihnen ging es darum, ihren Urlaub, Symbol für Wohlstand und Kultur, halböffentlich zu dokumentieren: Welches Hotel in ­Positano sie sich leisten konnten. Wie harmonisch ihre Ferien verliefen. In­­zwischen sind Walpurga und Emil tot. ­Welche Augen hätten sie gemacht an­­gesichts des Erfolgs ihrer Nachfolger­generationen – die ihr fades Leben nicht in Diavorführungen präsentieren, ­sondern in der Öffentlichkeit Facebooks und Instagrams.

Da wird noch der letzte Germknödel gepostet. Heute führt man sein Reise­leben vor, speziell das kulinarische (Walpurga und Emil hätten nie gewagt, ihr Essen zu fotografieren), und möchte es per Like oder mit Emoji bewertet wissen. Der selbstdarstellerische Blick ins Private mutierte längst zum Geschäftsmodell, Exhibitionismus und Voyeurismus schüttelten den Tabustatus ab. Gerade wer die eigene Fresse per Selfie postet, erwartet dringend, fast händeringend den Zuspruch der „Friends“. Und sogar Posting-Skeptiker schicken einem gelegentlich Fotos auf WhatsApp.

Darüber hinaus bewertet jeder inzwischen alles. Miete ich ein Apartment auf Airbnb, kann, ja soll ich danach meine Meinung bekannt geben. Die Vermieterseite bewertet im Gegenzug mich als Gast, also quasi als Mensch. Eine beträchtliche Machtposition auf Kundenseite: Bei Tourismusbetrieben werden Influencer vorstellig und schnorren gesponserte Aufenthalte – mit der erpresserischen Drohung, andernfalls schlechte Kritiken zu verfassen. Did you like your accommodation? Ich like hiermit das im Geist entstandene Dia von Walpurga und Emil, die sich elegant ächzend im Grab umdrehen. 

("Die Presse Schaufenster" vom 20.01.23)