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Beim öffentlichen Sprechen geht es nicht mehr nur um Informationsweitergabe, es ist Teil einer Inszenierung.
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Alltag eines Stotterers

Und dann stolpere ich über ein einfaches Wort...

Ich würde manchmal gern wirklich dieses eine Wort sagen und nicht ein anderes, das gerade leichter geht. Das ist der Alltag. Diese Art von Alltag betrifft je nach Statistik ungefähr zwei Prozent der Weltbevölkerung.

Olli lacht. Olli ist ein Junge von elf Jahren in meiner Klasse. Wir sitzen im Kreis auf dem kalten Boden der Turnhalle. Es ist die erste Sportstunde des Schuljahres, fünfte Klasse, Gymnasium, ich kenne fast niemanden. Vorstellungsrunde. Die Stimmen der Kinder werden von den hohen Wänden der großen Halle zurückgeworfen. Alle sagen ihren Namen. Leonard. Gabriel. Bekir. Johannes. Zwischen den Namen ist es immer kurz still, und zwei Dutzend Augenpaare schauen zum nächsten in der Reihe. Als ich dran bin, sage ich „Ssssssimon“. Olli lacht.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen morgens das Badezimmer betreten, die Tür ist offen, zwischen dem Boden des Flurs und dem des Badezimmers ist nur eine schmale Leiste. Sie sind über diese Schwelle schon unzählige Male gegangen, jeden Morgen, mehrmals am Tag und abends, jetzt geht es nicht. Wie „es geht nicht“? Machen Sie doch einfach den Schritt, da ist kein Hindernis. Aber es geht nicht, in Ihnen verkrampft sich alles, Sie spüren einen Druck auf der Brust, Sie spannen die Beine an – es geht einfach nicht. Sie wenden sich um und gehen stattdessen in die danebenliegende Gästetoilette. Das geht ohne Probleme.

So oder so ähnlich geht es Menschen, die stottern. So geht es mir, immer und immer wieder. Die Schwelle ist mein Mund, und der Schritt ist ein Wort. Mehrmals am Tag stolpern mir Wörter über die Lippen oder bleiben ganz hängen. Wörter, die ich schon Abertausende Male ohne Hindernis ausgesprochen habe, und dann kommen sie einfach nicht durch diese Öffnung. Es ist Alltag und nervt. Diese Art von Alltag betrifft je nach Statistik ungefähr zwei Prozent der Weltbevölkerung. Menschen mit natürlicher Rotfärbung der Haare machen etwa die gleiche Menge aus. Das nur als Information, um die Zahl in ein Verhältnis zu setzen. Wer einen Menschen kennt, der rote Haare hat, kennt wahrscheinlich auch einen, der stottert. Stottern stellt ein Spektrum dar. Auf diesem Spektrum befinden sich Menschen, denen es beinahe immer unmöglich ist, einen Sprechfluss zu erzeugen, genauso wie Menschen, bei denen man nur beim genauen Hinhören Unebenheiten im scheinbar glatten Sprechverlauf wahrnimmt. Menschen, die stottern, trifft man überall an – es gibt unter ihnen sogar Dolmetscher:innen. Am häufigsten hört man von Schauspieler:innen oder Politiker:innen. Bruce Willis stottert, Marylin Monroe habe gestottert, der Mr.-Bean-Star Rowan Atkinson, der deutsche Youtuber Rezo hat Schwierigkeiten beim Sprechen, und sogar der US-amerikanische Präsident Joe Biden stottert. Häufig wird dann hervorgehoben, wie außergewöhnlich es sei, dass diese Menschen Berufe haben, in denen sie viel und öffentlich sprechen müssen. Das zeugt davon, dass es vom Stottern bis heute ein sehr eindimensionales und oberflächliches Bild gibt. Ich stottere, und an kaum einem Ort spreche ich so flüssig wie auf einer großen Bühne.