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Gastkommentar

Das Laster des „Mehr“ und die Tugend des „Weniger“

Das „Immer-Mehr“ hat sich offenbar so tief in unsere Gehirne eingeprägt, dass man von einem „Weniger“ kaum etwas hört.

Über die Bekämpfung des Klimawandels wird heute viel geredet. Das Handeln aber lässt laut Expertinnen und Experten mehr als zu wünschen übrig. Wirtschaft und Politik vertrauen meist auf technische Errungenschaften, mit deren Hilfe man schon noch alles „in den Griff kriegen“ werde. Wer für „System-Change“ statt nur für die Bekämpfung des Klimawandels eintritt, wird dagegen als Demokratiegefährdung von links aufgefasst, wohingegen die schon spürbaren Folgen der Erderwärmung weniger gefährlich erscheinen.

DER AUTOR

Univ.-Prof. Dr. Josef Christian Aigner (geboren 1953) ist ein österreichischer Bildungswissenschaftler und Psychoanalytiker, ehemals Universität Innsbruck.

Was aber bei allen Diskussionen immer zu kurz kommt, politisch offenbar nicht opportun ist, ist ein viel einfacherer Aspekt: nämlich die Tugend eines „Weniger“ in vielen Lebensbelangen, die dem selbstdestruktiven Laster des ständigen „Mehr“ und damit der „nachhaltigen“ Ausbeutung und Belastung der Natur entgegengesetzt werden muss.

 

Woher die Rohstoffe nehmen?

Was das heißt? Dass beispielsweise niemand das Auto verbieten will, aber kein Weg daran vorbeiführt, es weniger zu nutzen (und Öffis mehr). Denn mit Elektro-Technologie allein kommen wir nicht weiter. So kommen die vom Staat mit Millionen geförderten E-Autos nun langsam in Verruf. Woher nimmt man die Batterie-Rohstoffe und in Massen den Strom, um sie aufzuladen? Während die Industrie Milliarden für die Bewerbung unsinnig motorisierter, schwererer Autos investiert, erhöhen neben dem Lithium- und Kobaltbedarf auch Abrieb und Feinstaubbildung den ökologischen Fußabdruck. Und ist es ethisch verantwortbar, sich diese Rohstoffe durch billige Arbeitskräfte in Entwicklungsländern zu holen und die Umwelt dort zu versauen – während Lithiumvorkommen in Europa (etwa in Kärnten) sofort Anrainerproteste auf den Plan rufen? Auch die Entsorgung der Akkus ist nach wie vor ungeklärt. Insofern ist die E-Auto-Euphorie weitgehend ein teurer Flop! Weniger Autofahren wäre billiger und klimafreundlicher! Zudem geht es beim Klimaschutz auch um etwas beständig Verleugnetes: dass die „heilige Kuh“ neoliberal-kapitalistischen Wirtschaftens, das ungebremste Wachstumsdenken, geschlachtet werden muss – was laut Wirtschaftswissenschaftlern durchaus möglich ist und wofür es Modelle (bis hin zum Minus-Wachstum!) gibt. Das Laster des „Immer-mehr-immer-Mehr“ vom Konsum bis zum Profit hat sich aber offenbar so tief in die Gehirne eingeprägt, dass von einem „Weniger“ – das auf bestimmte Weise auch ein Mehr sein kann – so gut wie nichts zu hören ist.

 

Ein einfältiges Starren

Hatten wir etwa gehofft, die Einschränkungen durch Corona und Putins Ukraine-Krieg hätten ein qualitativ anderes Denken hervorgebracht (partielle Deglobalisierung, regionale Produktionsweisen, Sicherung der Lieferketten, Energie-Unabhängigkeit . . .), sehen wir täglich in Medienberichten ein einfältiges Starren auf das rein quantitative Erreichen der Umsätze vor der Pandemie. Und wenn Kriegstreiber Putin uns günstiges Gas verweigert, rennen wir flugs zum nächsten Diktator, um ein solches zu bekommen – Hauptsache, es reduziert die Gewinnspanne nicht. Peinlich?

Aber auch tagesaktuelle Probleme sind durch die Angst vor dem „Weniger“ verursacht: wenn Leute auf immer härterem künstlichen Schnee zum Skifahren animiert werden, obwohl die Verletzungsgefahr in felsigen Sturzräumen ungleich größer ist als auf Schnee, darf man sich nicht wundern, wenn es zu schweren, ja tödlichen Unfällen kommt, wie wir es in Tirol gerade erleben. Für Pistenverantwortliche aber ist ein „Weniger“ in Form von Liftsperren ein No-Go. Man appelliert an die „Eigenverantwortung“ der Leute. Realistisch?

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Und wenn die Flughäfen jubilieren, weil es wieder ein Mehr an Flügen als vor der Pandemie gibt, und die Reisebranche wieder Erfolgsmeldungen wie früher verkündet, dann wird es auch keine Reduktion von Schadstoffen in diesen stark für die Klimakrise verantwortlichen Wirtschaftszweigen geben. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen. Verantwortungsvoll?

 

Verdrängung

Neben wachstumsideologisch getrübter Intelligenz scheint auch der psychische Mechanismus der Verdrängung sehr wirksam zu sein: als ob die Bedrohung zwar gespürt, die Fantasie für Alternativen aber zu schwach und die Gier nach „immer mehr“ zu stark sind. Vorschläge zu alternativem Wirtschaften, langlebigen Produkten und Reparaturkultur, zu umweltschonendem Tourismus, zur Kontingentierung von Flugreisen und mehr werden ungeprüft als idealistische Träumerei bezeichnet. Das Laster des „Immer-Mehr“ scheint hier ungebrochen. Ex-Kanzler Sebastian Kurz lehnte ja einst jegliches „Weniger“ kategorisch ab und beschwor sogar die „Steinzeit“ herauf, würden wir Einschränkungen akzeptieren.

Aber genau um diese Tugend des „Weniger“ ginge es: weniger sinnlose Produktion und Konsumtion, weniger Ausbeutung und Umweltbelastung der südlichen Hemisphäre (und dadurch auch weniger Migration!), weniger Fleischkonsum, weniger Autofahren, weniger Fliegen und Fernreisen, weniger Wegwerfkultur, weniger Gier auf die billigstmöglichen Produktionsstätten, egal wo, usw. Und ja: weniger vom ohnehin oft fragwürdigen herkömmlichen „Wohlstand“ – im Gegensatz zu einem sozialen, gegenüber Mensch und Natur rücksichtsvollen, friedfertigen und vor allem gerechter verteilten „neuen Wohlstand“. Ein solcher – was gern vergessen wird – würde auch weniger beschämende Armut in einem so reichen Land wie unserem bedeuten. Also doch „System-Change“?

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2023)