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Hessel: "Wer sich empört, wird stark"

(c) AP (Francois Mori)
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Der Diplomat Stéphane Hessel schrieb einen Aufruf zur allgemeinen Entrüstung und wurde mit 93 Jahren zum Bestsellerautor. In Frankreich wurden bereits 800.000 Exemplare seines Bändchen „Indignez-vous!“ verkauft.

Das 30-seitige Opus liegt gleich neben der Kasse auf, wo es laut dem Zeitungshändler weggeht wie warme Semmeln. Seit Wochen hält die Nachfrage an: 800.000 Exemplare von Stéphane Hessels Bändchen „Indignez-vous!“ („Empört euch!“) sind in Frankreich bereits verkauft worden.

Hessel selbst ist überrascht darüber, dass er mit seinen 93 Jahren noch zum Bestsellerautor wurde. Er sieht darin eine Würdigung seines langjährigen Engagements für die Menschenrechte. Offenbar hat er mit seinem Appell gegen die Resignation den Nerv vieler jüngerer Zeitgenossen getroffen. „Ich wünsche allen, jedem und jeder unter euch, dass ihr ein Motiv zur Empörung habt“, schreibt er seinen Lesern: „Das ist wertvoll. Denn wenn man sich über etwas empören kann, wie das bei mir mit dem Nationalsozialismus der Fall war, dann wird man stark und engagiert.“ Sein Leben sei eine „lange Folge von Gründen zu Empörung“ gewesen.

Stéphane Hessel kam 1917 in Berlin in einer zum Protestantismus konvertierten jüdischen Familie auf die Welt, die wenige Jahre später nach Frankreich emigrierte. Er studierte bei Sartre. Während des Kriegs schloss er sich General de Gaulles „France libre“ an. Bei einer Mission für die Résistance wurde er 1944 von der Gestapo verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Nach dem Krieg machte er Karriere als Diplomat bei der UNO, bei der er die Menschenrechtscharta formulieren half, und als Botschafter Frankreichs in mehreren Hauptstädten.

 

Gegen „Diktatur der Finanzmärkte“

Die Résistance hat ihn geprägt: „Für uns bedeutete Widerstand, die deutsche Besatzung und die Niederlage nicht hinzunehmen.“ Das Programm, auf das sich die Widerstandsorganisationen für die Nachkriegszeit geeinigt haben, mit seinen Grundwerten einer sozialen und solidarischen Demokratie, ist für Hessel noch heute ein Fundament mit Errungenschaften, die er gegen die „internationale Diktatur der Finanzmärkte“ verteidigen will, die die Gegensätze ständig vergrößert.

An Unerträglichem mangelt es ihm zufolge nicht in dieser „allzu komplexen Welt“ von heute. Den Begriffsstutzigen hilft er mit aktuellen Stichworten auf die Sprünge: Da ist etwa die Behandlung der Roma-Familien und der „Sans-Papiers“, wie die illegalen Einwanderer in Frankreich genannt werden.

Kritiker nennen Hessels Appell naiv. Der Politologe Stéphane Rozès etwa kritisiert in „Libération“, dass diese Auflehnung folgenlos sei: „Empörung ist notwendig, aber nicht ausreichend. Die Gefahr ist, dass sich die Individuen zwar entrüsten, dann aber sich abkapseln.“ Andere werfen Hessel seinen Aufruf zum Boykott israelischer Produkte wegen des Angriffs auf die Schiffe mit Hilfsgütern für Gaza vor. Zum Engagement für die Palästinenser steht er, betont aber, dass er kategorisch für Gewaltlosigkeit sei. Im Unterschied zu seinem einstigen Lehrmeister Sartre meint er: „Die Gewalt ist ineffizient.“

Wer bei Hessel konkrete Handlungsanleitungen sucht, wird enttäuscht. Er erfüllt die Rolle des alten Weisen, der den Nachgeborenen rät, sich „gegen den Massenkonsum, die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Schwächeren, den allgemeinen Gedächtnisschwund und den ungebremsten Wettlauf von jedem gegen jeden“ zu empören. Er schließt mit dem Satz, Widerstand sei für ihn der Kern der Kreativität des 21.Jahrhunderts.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2011)