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Film

Fall Teichtmeister: Regisseurin Kreutzer zieht "Corsage" nicht zurück

(Archivbild)
(Archivbild)(c) Getty Images (Pascal Le Segretain)
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„Wir würden ihm damit eine ungeheure Macht geben, wenn wir sagen, man kann diesen Film nicht mehr sehen“, sagt Kreutzer. Es tue ihr weh, dass der Film immer mit so „grauenhaften Taten“ verhaftet sein wird.

Regisseurin Marie Kreutzer will ihren Film "Corsage", in dem Florian Teichtmeister Kaiser Franz Joseph spielt, nicht zurückziehen. "Wir würden ihm eine ungeheure Macht geben, wenn wir sagen, man kann diesen Film nicht mehr sehen. Dazu bin ich nicht bereit", sagte sie im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Betrübt zeigte sie sich darüber, dass die "grauenvollen Taten" Teichtmeisters immer mit dem Film in Verbindung stehen würden.

Die Dreharbeiten zu "Corsage" waren beendet, als die Gerüchte rund um Teichtmeister, der sich im Februar für den Besitz von Dateien mit sexuellen Darstellungen von Unmündigen und Minderjährigen vor Gericht verantworten muss, aufkamen. Erfahren habe sie von den Vorwürfen durch anonymisierte Medienberichte. Sie habe Teichtmeister, der mittlerweile geständig ist, daraufhin per E-Mail gefragt, was an den Gerüchten dran sei. Teichtmeister habe "klar dementiert", so Kreutzer. In die Pressearbeit zu "Corsage" habe man ihn nicht eingebunden. Auf einigen Premieren tauchten sie dennoch gemeinsam auf. "Man kann natürlich sagen, wir hätten das ganz aktiv unterbinden können. Aber da kommen wir in den problematischen Bereich, wie man mit Gerüchten umgeht. Auch dafür gibt es kein Protokoll, nicht mal ein moralisches", so die Regisseurin.

Den Film wolle sie nicht zurückziehen, schließlich sei Teichtmeister nur einer von vielen Beteiligten am Film. "In 'Corsage' stecken jahrelange Arbeit und viel Liebe von vielen Menschen. Deshalb tut es ja auch so weh, dass der Film immer mit diesen grauenvollen Taten behaftet sein wird", so Kreutzer.

Szenen nachdrehen aus Geldgründen nicht möglich

Die Szenen mit Teichtmeister nach Bekanntwerden der Gerüchte herauszuschneiden oder mit einem anderen Schauspieler nachzudrehen wäre laut Kreutzer allein schon aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen. Man hätte sich vertragsbrüchig gemacht, sagte sie am Sonntagabend bei einer Live-Diskussion auf ORF III. Nicht nachgedacht habe sie darüber, ob sie jetzt noch etwas an "Corsage" ändern möchte.

"Corsage" befindet sich noch im Rennen um den Auslands-Oscar. Derzeit findet er sich auf einer Shortlist mit 15 fremdsprachigen Filmen. Welche fünf Filme davon nominiert werden, entscheidet sich am Dienstag. "Bis vor ein paar Tagen haben wir natürlich auf eine Nominierung gehofft. Jetzt weiß ich nicht, was ich mir wünschen soll", so Kreutzer gegenüber der "SZ".

Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky gab bei "Im Zentrum" auf ORF 2 zu bedenken, dass man nicht darum bitten könne, nicht nominiert zu werden. Die Stimmzettel seien ausgefüllt. "Man könnte aber die internationale Aufmerksamkeit, die man jetzt hat, nutzen, um ein Statement zu machen, sich zu distanzieren, sich weniger selber als Opfer zu sehen, sondern die wirklichen Opfer - die Kinder - in den Vordergrund zu stellen", meinte der Regisseur.

„Schweigekartell“ in der Kulturbranche?

Ein zweiter, namentlich nicht genannter "Corsage"-Schauspieler ist mit Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert. Er wies die Vorwürfe zurück. Gegenüber "profil" hielt Kreutzer dazu fest, dass dieser Schauspieler ihr in vielen Gesprächen versichert habe, dass gegen ihn keine strafrechtlich relevanten Vorwürfe vorlägen und er nie übergriffig gehandelt hätte.

Auch merkte sie im "profil" an, dass es in der Branche noch an Regeln und Verhaltensrichtlinien für den "schwierigen Umgang mit öffentlichen, aber anonymisierten Vorwürfen über sexuelle Belästigung durch Mitglieder eines Filmteams außerhalb einer Produktion" mangle. Daran müsse die Filmbranche dringend arbeiten, meinte die Regisseurin.

Ruzowitzky hielt es für "katastrophal", wenn nun so getan werde, als gäbe es ein "Schweigekartell" in der Kulturbranche. Man habe viel von der MeToo-Debatte gelernt, es habe sich viel verändert. Eva Blimlinger, Kultursprecherin der Grünen, sah zwar kein Kartell des Schweigens in der Branche, aber "ein Kartell des Ignorierens, wenn es um mutmaßliche Täter geht". Das sei das Hauptproblem. "Der springende Punkt für mich ist, Glauben zu schenken", so Blimlinger bei "Im Zentrum".

Seit September 2020 arbeitet Kreutzer an einem neuen Filmstoff und befasst sich dabei unter dem Arbeitstitel "Johnny Maccaroni" mit einem ähnlichen Themenkreis wie der Causa Teichtmeister. "Ich wollte das tun, was ich kann: Nämlich eine Geschichte zu erzählen, um die Wahrnehmung zu schärfen oder eine Sensibilisierung für die Thematik zu schaffen", erklärte Kreutzer der "SZ" dazu.

Werk von Künstler trennen

Kulturjournalist Heinz Sichrovsky trat bei der Diskussion auf ORF III dafür ein, das Werk von den Künstlerinnen und Künstlern zu trennen. Wenig Verständnis zeigte er dafür, dass das Burgtheater Teichtmeister auch nach Vorliegen des Verdachts weiter in Hauptrollen auf die Bühne schickte und ihn nun auf Schadenersatz klagen will. "Das erscheint mir schon sehr absurd", sagte Sichrovsky.

Das Burgtheater wurde über den Ermittlungsstand in der Causa Teichtmeister nicht von den Behörden informiert. Blimlinger trat bei "Im Zentrum" dafür ein, dass Arbeitgeber künftig im Falle solcher Ermittlungen verständigt werden müssen. Es liege dann immer noch am Arbeitgeber, was er mit den Informationen mache.

(APA)