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"Mittlere Reife": Was sie will, kann und bringt

(c) Clemens Fabry
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Die ÖVP plant eine "kleine Matura" für 14-Jährige: Nur wer die "Mittlere Reife" besteht, soll von der Hauptschule in eine AHS oder BHS wechseln können. "Die Presse" gibt Auskunft zu den wichtigsten Details.

Wien. Die „Mittlere Reife“, die alle 14-Jährigen am Ende der Neuen Mittelschule (NMS) und der AHS-Unterstufe absolvieren sollen, ist eines der Kernelemente des ÖVP-Bildungspapiers. Nur wer die Prüfung besteht, soll in die AHS-Oberstufe oder in eine berufsbildende höhere Schule (BHS) wechseln dürfen. Doch wie soll die „Mittlere Reife“, auch „kleine Matura“ genannt, genau funktionieren? Was würde sie bringen, was würde sich ändern? „Die Presse“ beantwortet die sechs wichtigsten Fragen:

1 Wie soll die „Mittlere Reife“ funktionieren?

Ein genaues Konzept hat auch die ÖVP noch nicht parat. Es solle sich jedenfalls nicht um eine „klassische Prüfung“ handeln – das Zeugnis, eine Projektarbeit und eine verbale Beschreibung von Talenten sollen ebenfalls zur Leistungsfeststellung herangezogen werden. Wie das in der Praxis funktionieren kann? Der schriftliche Teil könnte im März oder April abgehalten werden und aus einer Prüfung in Deutsch, Englisch und Mathematik bestehen, sagt Josef Lucyshyn, Direktor des Bildungsinstituts BIFIE. Eine ähnliche „Leistungsmessung“ ist ohnehin im Rahmen der künftig geltenden Bildungsstandards für die 14-Jährigen vorgesehen.

Die schriftlichen Prüfungsaufgaben für die „Mittlere Reife“ kämen – wie etwa auch bei der Zentralmatura – österreichweit einheitlich vom Bund. Bei der Zentralmatura werden diese vom BIFIE erarbeitet, geprüft und an die Schulen verschickt. Korrigiert werden die Tests vom jeweiligen Lehrer vor Ort anhand eines Lösungsschlüssels. Eine große Rolle bei der „Mittleren Reife“ müssten auch die Leistungen in anderen Fächern – von Musik bis Geschichte – spielen, so Lucyshyn. Zudem sollten Lehrer eine verbale Beschreibung der Leistung ihrer Schüler liefern.

Die Prüfung wäre an beiden Schultypen identisch, die Lehrpläne müssten daher aufeinander abgestimmt werden. Um allen Schülern faire Chancen zu bieten, sollten die NMS „zusätzliche Mittel für differenzierte Lernangebote sowie für Stützprogramme erhalten“, so Lucyshyn. Aktuell wechseln laut Statistik Austria rund 60 Prozent der Abgänger einer AHS-Unterstufe, aber nur sechs Prozent der Abgänger einer Hauptschule in eine AHS-Oberstufe. Rund 30 Prozent der AHS-Abgänger gehen an eine BHS, aus der Hauptschule wechseln 28 Prozent an eine BHS.

2 Was sagen die Befürworter des Konzepts?

Die ÖVP argumentiert damit, dass mit der „Mittleren Reife“ die „Bildungswegentscheidung“ erst mit 14 statt wie derzeit mit zehn Jahren stattfindet: Mit 14 hätten die Schüler (noch einmal) alle Chancen, an eine AHS oder an eine BHS zu kommen, wo sie auch Matura machen können. Die Volkspartei will mit der „Mittleren Reife“ offenbar Kritikern entgegentreten, die bemängeln, dass sich Schüler (oder ihre Eltern) zurzeit schon mit zehn Jahren auf AHS oder Hauptschule festlegen. Vorsichtig positiv zur „Mittleren Reife“ äußert sich die FPÖ: Diese könnte die Hauptschulen – die laut ÖVP künftig alle NMS sein sollen – „sinnvoll“ aufwerten.

3 Was sagen die Gegner einer „Mittleren Reife“?

Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) steht der „Mittleren Reife“ noch kritisch gegenüber. Im ORF-Radio erklärte sie am Montag, sie sei gegen weitere „Hürden“ für 14-Jährige – und gegen alle sonstigen Prüfungen, die das ÖVP-Papier vorsieht, darunter eine „Bildungsempfehlung“ am Ende der Volksschule. „Wir brauchen mehr Durchlässigkeit im Schulsystem, nicht noch mehr Selektion“, meint der Chef der Sozialistischen Jugend, Wolfgang Moitzi. Der Zugang zu den höheren Schulen und zur AHS-Oberstufe dürfe nicht auch noch „hermetisch abgeriegelt“ werden, wenn schon die Zehnjährigen auf Hauptschulen und AHS aufgeteilt werden.

Die Grünen halten eine „Mittlere Reife“ für eine „gefährliche Drohung“. Laut Parteichefin Eva Glawischnig will die ÖVP den Bildungsweg „zu einem Hürdenlauf“ machen: Eine „Mittlere Reife“ einzuziehen wäre „brutal“. Der Übertritt in die AHS-Oberstufe würde erschwert. Die ÖVP wolle „das Selektionssystem ausbauen“, meint auch Bildungssprecher Harald Walser. Sein Urteil: Die ÖVP wolle „zurück in die Vergangenheit“.

4 Wie funktioniert das System „Mittlere Reife“ im Ausland?

In Deutschland hat die „Mittlere Reife“ lange Tradition. In den meisten Bundesländern ist sie als Abschluss in den Jahren zwischen Hauptschule und Abitur angesiedelt; nur wer die „Mittlere Reife“ gemacht hat, erhält Zugang zu bestimmten Berufen oder Ausbildungen. Erworben wird der Abschluss in der Regel an der „Realschule“ (bis 1965 „Mittelschule“; bis einschließlich der zehnten Schulstufe) oder am Ende der sechsten Klasse Gymnasium, die dafür positiv abschlossen werden muss.

Auch in Österreich, nämlich in der Steiermark, gibt es schon seit fast 20 Jahren eine „Mittlere Reife“, und zwar am Ende der sechsjährigen Realschule, einer Sonderform der jetzigen Hauptschule.

5 Was soll sein, wenn Schüler die „Mittlere Reife“ nicht schaffen?

Derzeit braucht es keine Prüfung für den Umstieg in die Oberstufe. Hauptschüler müssen nur ein bestimmtes Leistungsniveau, etwa in den ersten Leistungsgruppen, erreichen. Die ÖVP will das ändern: Nur wer besteht, soll aufsteigen dürfen. Wer durchfällt, erhält bei einem „Nebentermin“ eine zweite Chance. Wer dennoch nicht besteht, könnte nur noch in eine Polytechnische oder in eine berufsbildende mittlere Schule ohne Maturaabschluss wechseln. Lucyshyn hält das für „unsinnig“. Es gehe um eine Leistungsmessung – und nicht darum, jemanden auszusieben.

6 Was würde die Umsetzung der neuen Prüfung kosten?

Selbst wenn sich die Koalitionspartner auf die „Mittlere Reife“ einigen, dürfte es mindestens bis 2014 dauern, bis diese österreichweit eingeführt ist. Die „teilzentrale Reifeprüfung“ für die AHS wurde 2009 beschlossen, sie ist aber bis heute in der Pilotphase und wird erst 2014 Standard. Der Vorteil bei der „Mittleren Reife“: Man profitiert von der Vorarbeit, die für Zentralmatura und Bildungsstandards geleistet wurde. Die Kosten stehen noch nicht fest; auch in der ÖVP sind sie umstritten. Teile der ÖVP, aber insbesondere der Opposition meinen, die Extrakosten gegenüber dem bestehenden System müssten oder sollten durch die Einsparungen gedeckt werden, die eine Verwaltungsreform bringt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2011)