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Mein Dienstag

Freiwild Fußgänger

A man carries a backpack in a crosswalk at Lujiazui financial district of Pudong, in Shanghai
REUTERS
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Die Ausnahmen vom Vertrauensgrundsatz sind zur Regel geworden, und sie betreffen nicht uns Fußgänger, sondern die Autofahrer.

Als ich Mitte der 1990er-Jahre meinen Führerschein erwarb, sorgte ein Begriff im Lehrsaal der Fahrschule für Amusement unter uns 18-Jährigen: der „Vertrauensgrundsatz“ – beziehungsweise die Ausnahmen von selbigem. So steht's in § 3 Straßenverkehrsordnung: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme; dessen ungeachtet darf jeder Straßenbenützer vertrauen, dass andere Personen die für die Benützung der Straße maßgeblichen Rechtsvorschriften befolgen, außer er müsste annehmen, dass es sich um Kinder, Menschen mit Sehbehinderung mit weißem Stock oder gelber Armbinde, Menschen mit offensichtlicher körperlicher Beeinträchtigung oder um Personen handelt, aus deren augenfälligem Gehaben geschlossen werden muss, dass sie unfähig sind, die Gefahren des Straßenverkehrs einzusehen oder sich dieser Einsicht gemäß zu verhalten.“

Heute habe ich den Eindruck, dass sich die Verhältnisse umgekehrt haben: Die Ausnahmen vom Vertrauensgrundsatz sind zur Regel geworden, und sie betreffen nicht uns Fußgänger, sondern die Autofahrer. Denn „unfähig, die Gefahren des Straßenverkehrs einzusehen oder sicher dieser Einsicht gemäß zu verhalten“ scheinen fast alle Pkw-Piloten zu sein, vor denen ich mich und mein Kind stetig schützen muss, wenn wir uns erfrechen, einen Verkehrsweg zu überqueren. Egal, ob in Brüssel oder in Wien: Ich habe stets das Gefühl, ein Verkehrshindernis darzustellen, wenn ich (ohnehin brav links und rechts und noch einmal links schauend, bevor ich den Fuß auf den Zebrastreifen setze) von hier nach drüben will. Das betrifft übrigens nicht nur den fast sprichwörtlichen SUV-Cowboy: Auch Damen fortgeschrittenen Alters in Kleinwagen haben uns schon nonchalant und ohne zu bremsen auf Fußgängerübergängen beinahe über den Haufen gefahren.

Woran liegt das? An den Handys, auf die zu viele Autofahrer stets zu glotzen glauben müssen, auch wenn das verboten ist? An der Vorstellung, man müsse sich am Volant schminken oder frühstücken? Oder, schlimme Vermutung: an blanker Rücksichtslosigkeit?

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com