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Studie

Menschen mit starker Meinung schätzen eigenes Wissen (zu) hoch ein

Genfreie Tomaten?
Genfreie Tomaten?Die Presse/Clemens Fabry
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Enthalten Tomaten von Natur aus keine Gene? Eine Studie belegte: Gerade jene, die sich am negativsten zu einem Forschungsbereich äußern, wissen tendenziell wenig zum Thema.

Manche wissenschaftliche Themen rufen teils gegensätzliche und dabei sehr starke Meinungen hervor. Abgelehnt würden Erkenntnisse aus solchen Forschungsgebieten tendenziell vor allem von Menschen mit eher wenig Fachwissen, bestätigt eine in der Zeitschrift "PLOS Biology" vorgestellte Studie vorherige Analysen. Zudem schätzen demnach eher Menschen mit einer starken Haltung pro oder kontra Wissenschaft ihr eigenes Wissen als sehr hoch ein.

Konkret befragten die Forschenden 2000 britische Erwachsene
anhand verschiedener Forschungsthemen im Bereich Genetik über ihre
Einstellung zur Wissenschaft und dazu, wie sie ihr eigenes
Verständnis beurteilten. Dabei beobachteten sie, dass Befragte mit
den ausgeprägtesten Einstellungen - sowohl Befürworter als auch
Gegner der Wissenschaft - stärker von ihrem eigenen Wissen überzeugt
waren.

"Tomaten enthalten von Natur aus keine Gene"

Zu den gestellten Richtig/Falsch-Fragen gehörte: "Durch den
Verzehr einer gentechnisch veränderten Frucht könnten auch die Gene
einer Person verändert werden", "Alle Radioaktivität ist von
Menschen gemacht" und "Tomaten enthalten von Natur aus keine Gene,
Gene sind nur in gentechnisch veränderten Tomaten zu finden".

"Wir haben festgestellt, dass starke Einstellungen, sowohl für
als auch gegen die Wissenschaft, durch ein starkes Selbstvertrauen
in das Wissen über die Wissenschaft untermauert werden", sagt
Mitautor Laurence Hurst. Das mache psychologisch Sinn, so das Team:
Um eine starke Meinung zu haben, müsse man fest an sein Wissen über
die grundlegenden Fakten glauben.

Tatsächlich vorhanden ist dieses Basiswissen allerdings nicht
zwingend: Wie die Analyse bestätigt, verfügen gerade jene, die sich
am negativsten zu einem Forschungsbereich äußern, tendenziell über
wenig Wissen zum Thema. Den britischen Forschern zufolge ist es
zumindest bei gentechnisch veränderten Organismen nur eine sehr
kleine Gruppe von etwa fünf Prozent, die extrem ablehnend
eingestellt ist.

Bei Evolution und Klimakrise sieht es etwas anders aus

Grundsätzlich verallgemeinern ließen sich die Ergebnisse nicht, betont das Forscherteam auch. Bei der Evolution zum Beispiel spielten religiöse Einstellungen eine große Rolle, bei der Klimakrise politische Positionen. Wie stark das subjektive Verständnis Anteil habe, sei bei solchen Themen noch zu klären.

Laut Eva Thomm von der Universität Erfurt bestätigen die
aktuellen Befunde die Ergebnisse früherer Studien. "Die Konsequenz
einer Überschätzung des eigenen Wissens im Zusammenhang mit einer
kritischen Einstellung gegenüber Wissenschaft kann sein, dass man
fragwürdigen Informationen aus fragwürdigen Quellen aufliegt",
erläuterte die Psychologin in einer unabhängigen Einordnung.

Die von den britischen Forschern gefundenen Zusammenhänge ließen
sich zumindest zum Teil auch auf den deutschen Sprachraum
übertragen, so Thomm. So habe eine 2019 in "Nature Human Behaviour"
veröffentlichte Studie, die sich ebenfalls mit Einstellungen,
subjektivem und tatsächlichem Wissen über gentechnisch veränderte
Organismen beschäftigte, auch eine deutsche Stichprobe enthalten und
sei zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.

Kann man die laute Minderheit überzeugen?

In einer Analyse, an der Thomm beteiligt war, kamen die
Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass sich Kampagnen im Rahmen von Wissenschaftskommunikation eher darauf konzentrieren sollten, die stille, unsichere Mehrheit zu erreichen anstatt die laute
Minderheit zu überzeugen. Eine reine Weitergabe von Informationen
könne kontraproduktiv sein, hieß es nun auch. "Um die negative
Einstellung mancher Menschen gegenüber der Wissenschaft zu
überwinden, muss man wahrscheinlich das dekonstruieren, was sie über
die Wissenschaft zu wissen glauben, und es durch ein genaueres
Verständnis ersetzen", erklärt Anne Ferguson-Smith, Mitautorin der
Studie in "PLOS Biology".

Wie Thomm betont, gelte es auch, das Wissenschaftsverständnis von
Menschen zu berücksichtigen: "Welche Vorstellungen haben sie
darüber, wie wissenschaftliches Wissen generiert wird, wie
Wissenschaftler miteinander diskutieren oder wie wissenschaftliche
Standards aussehen?" Zu einer angemessenen Vorstellung von
Wissenschaft gehöre das Wissen über die Unsicherheit
wissenschaftlicher Erkenntnisse und über wissenschaftliche
Kontroversen.

Das Fehlen solchen Wissens könnte womöglich ein Treiber für die
Entwicklung einer ablehnenden Haltung sein. "In der
Wissenschaftskommunikation muss es gelingen, derartige
Unsicherheiten als Teil wissenschaftlicher Prozesse zu vermitteln,
ohne Vertrauenswürdigkeit oder Akzeptanz zu unterlaufen", sagt
Thomm. "Widersprüche und Veränderungen lösen vielleicht zunächst
Unbehagen aus. Sie sind aber auch Ausdruck davon, dass Wissenschaft
funktioniert."

(APA/dpa)