US-Autobauer sehen sich als Vorbild für Europa – bei Werksschließungen

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Sie hätten keine Überkapazitäten mehr, rühmen sich GM und Ford. Beide Unternehmen schlossen mehrere Werke und bauten massiv Personal ab. GM und Ford senkte die Kapazitäten in der Krise um rund 40Prozent.

Wien/Gau. Auf der Autoshow in Detroit klopft man sich heuer wieder gerne auf die Brust. Die Deutschen jubeln über ihre Exporterfolge. Die US-Hersteller hingegen präsentieren sich als betriebswirtschaftliche Lehrmeister der Europäer. GM-Finanzchef Chris Liddell rechnet vor, dass sein Konzern – ebenso wie Ford – die Kapazitäten in der Krise um 40Prozent reduziert haben. Beide Unternehmen schlossen mehrere Werke und bauten massiv Personal ab.

In Summe legten die US-Autobauer Kapazitäten für vier Mio. Einheiten still – und schafften so den Turnaround. Nun könnten sie ihre Werke voll auslasten, ohne den Markt zu überfordern, rühmt sich Liddell – und fügt sorgenvoll hinzu: „In Europa sehe ich hingegen Überkapazitäten in erheblichem Umfang.“ Ford-Finanzchef Lewis Booth bläst in der „Financial Times Deutschland“ ins gleiche Horn: „In Europa werden die Produktionskapazitäten einfach nicht angepasst.“ Tatsächlich ist der Rückbau in Europa durch die strengeren arbeitsrechtlichen Bestimmungen schwieriger als in den USA. Jede Werksschließung wird zum Politikum, auch die potenziellen Autokäufer drohen mit Liebesentzug – das erfährt GM mit Opel am eigenen Leib. Die Anpassung, die sich aus laufenden Rationalisierungen in der „alten“ EU ergibt, wird durch den anhaltenden Kapazitätsaufbau in Osteuropa zu einem guten Teil wettgemacht. Die Folge sind Rabattschlachten – siehe oben stehenden Artikel.

 

Deutschlands riskanter Boom

Auf 35Prozent schätzte der damalige Ford-Europa-Chef John Fleming die europäischen Überkapazitäten noch im vergangenen Sommer, als sich die Erholung am Automarkt schon deutlich abzeichnete. Das liegt deutlich über den etwa 20Prozent für die USA, die eine soeben veröffentlichte Brancheninsider-Befragung der Beratungsfirma KPMG ergab. Europas Problem konzentriert sich freilich auf Frankreich und Italien. Für Deutschland sieht nur ein Fünftel der Befragten zu hohe Kapazitäten, die sie im Schnitt nur mit zehn Prozent beziffern.

Tatsächlich kommen die meisten deutschen Hersteller zur Zeit mit dem Produzieren kaum nach und kämpfen eher mit langen Lieferzeiten als mit brachliegenden Produktionslinien. Allerdings ist der aktuelle Boom der starken Nachfrage aus den aufstrebenden Schwellenländern zu verdanken.

Aber auch in China, Indien und Brasilien dürfte in den nächsten fünf Jahren das Angebot die Nachfrage deutlich übersteigen, wie die KPMG-Studie zeigt. Zu den internationalen Anbietern, die sich in die Hoffnungsmärkte drängen, kommen immer mehr heimische Produzenten. Die Konzerne sind sich der Gefahr bewusst.

Aber noch sehen sie die Chancen immer neuer Kapazitäten größer als die Gefahren: „Wenn wir in unsere Werke nicht investieren, versäumen wir Möglichkeiten, mehr zu verkaufen“, sagt VW-China-Chef Bernd Pichler. „Es ist ein Risiko, das sich lohnt.“