Mit Sedativum im Operationssaal

(c) ORF (Ken Regan)
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Der ORF zeigt seit Montag „Nurse Jackie“. Eine Spitalsserie aus der Sicht einer abgebrühten Krankenschwester.

TV-KRITIK

Die Amerikaner fliegen auf sie. Vielleicht, weil sie als Identifikationsfigur für Millionen von Krankenschwestern in US-Spitälern taugt. Oder, und das ist wahrscheinlicher, weil man die „Nurse Jackie“ in den Staaten eben kennt. Schauspielerin Edie Falco war Teil der Mafia-Familien-Serie „Sopranos“, ist mehrfache Emmy- und Golden-Globe-Gewinnerin. Nun ist sie im österreichischen Fernsehen angekommen, als abgebrühte Krankenschwester mit burschikosem Haarschnitt, einer „loving family“ und einem harten Job.

Dennoch, bei der ersten Staffel braucht sogar der geübte Konsument von Spitalsserien einige Minuten, bis er begriffen hatte: Hier geht's nicht um die Damen und Herren in Weiß, sondern um die „Lady in blue“ – die Krankenschwester. Jackie Peyton arbeitet als solche in der Notaufnahme des All Saints Hospital in New York. Dass sie sich zwischendurch bei ihrem Liebhaber, dem Spitalsapotheker, Zärtlichkeit und Pillennachschub besorgt, sieht man ihr nach. Den anstrengenden Alltag schafft sie nur mit Tabletten und einer starken Portion Zynismus.

„Nurse Jackie“ hat definitiv das Zeug dazu, zum Edelstück aller Krankenhausserien zu werden. Weil sie weniger pathetisch-romantisch ist als „Emergency Room“ und „Grey's Anatomy“. Weil der Humor – anders als bei „Dr. House“ oder „Scrubs“ – nicht mit dem Vorschlaghammer auf die Zuseher losgelassen wird, sondern subtil, dafür pechschwarz. Und natürlich auch, weil sie nach dem vielfach kopierten Genre der Arztserien erstmals die Seite der Krankenschwestern zeigt. Das hat zwar schon Will Smiths Frau, Jada Pinkett Smith, als Oberschwester Christina Hawthorne in der gleichnamigen Serie versucht, nur ist sie damit gescheitert. Gerade weil „Nurse Jackie“ der Brachialhumor und der süße Romantikzucker fehlen, erschien die erste Folge ein wenig, als hätte man einer herkömmlichen Krankenhausserie ein Sedativum verpasst. Das Ergebnis war durchaus sehenswert. Die Hoffnung auf stärkeren Nachschub bleibt.

E-Mail: anna-maria.wallner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2011)

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