Der Begriff „Kommunismus“ ist historisch schwer belastet: Das gab auch Gregor Gysi, Mitgründer der deutschen „Linken“, zu.
Subtext
Es ist nicht das Tourette-Syndrom, das hab ich abgeklärt“, singt der wunderbare deutsche Liedermacher Funny van Dannen in seinem Song „Sozialismus“, in dem ihm eben dieses Wort peinlicherweise immer wieder entfährt. Zum Schluss sagt auch der Psychiater: „Sozialismus, Sozialismus.“
Ja, darf er das denn sagen? Ja. Hätte Gesine Lötzsch, Chefin der deutschen Partei „Die Linke“, geschrieben, dass sie die Wege zum Sozialismus finden wolle und nicht die zum Kommunismus, dann wäre die Aufregung viel kleiner gewesen. Wer sich zum Sozialismus bekennt, muss sich der Kritik stellen (wie Vertreter jeder Ideologie), braucht sich aber nicht vorwerfen zu lassen, die Verbrechen des Stalinismus und/oder Maoismus oder die Mauermorde der DDR zu verharmlosen. Das mag begriffsgeschichtlich inkonsequent sein – die in unserem Sprachgebrauch kommunistischen Staaten des Ostblocks sahen sich selbst als sozialistisch, unter Kommunismus wurde ein erst zu erreichender Zustand nach „Absterben“ des Staates verstanden –, es hat sich so eingebürgert, und das vereinfacht die Debatte. Das Wort „Sozialismus“ zu inkriminieren, weil es die Kommunisten, oft mit dem Prädikat „real“ versehen, verwendeten, wäre problematisch: Sie haben auch „demokratisch“ gern verwendet (siehe DDR, aber auch z.B. eine Reihe KP-Organisationen in Österreich), und das wird niemand zum Anlass nehmen, dieses Wort zu hinterfragen.
Lötzschs Parteikollege Gregor Gysi hat das offenbar eingesehen, er räumte ein, dass viele unter Kommunismus „Stalin, Mao und die Mauer“ verstehen. Lötzsch selbst blieb hartnäckig: „Gysi hat nicht recht, wenn er sagt, dass man den Begriff des Kommunismus nicht mehr verwenden darf.“ Das sagte sie bei einer Veranstaltung in Berlin, der Rosa-Luxemburg-Konferenz, an der etliche Organisationen teilnahmen, die das Wort „kommunistisch“ im Namen führen: u.a. die 1968 gegründete Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und sogar eine KPD. Vorgetragen wurde ein Gedicht Bert Brechts, das einst Kinder in der DDR auswendig lernen mussten, ein gutes Beispiel für Brechts Stammbuchstil in seiner streng dogmatischen Phase (der wir auch Zeilen wie „Lenin ist eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse“ verdanken).
Das Brecht-Gedicht, zu dem laut Bericht der „Süddeutschen“ etliche Teilnehmer ihre Lippen bewegten, „als wollten sie es mitsprechen“, heißt „Lob des Kommunismus“ und beschreibt diesen u.a. mit den Zeilen: „Er ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht. Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen. [...] Er ist nicht das Chaos, sondern die Ordnung. Er ist das Einfache, das schwer zu machen ist.“ Und: „Wir aber wissen: Er ist das Ende der Verbrechen.“ Ein vernünftiger Mensch, selbst einer mit „K-Vergangenheit“, sollte keiner Ideologiedebatte bedürfen, um zumindest dieses Glaubensbekenntnis zu widerrufen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2011)