Die Schulden der Millenniumskinder

Schulden Milleniumskinder
Schulden Milleniumskinder(c) ZDF (Reiner Bajo)
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Das ZDF zeichnet in der Doku-Fiction „2030 - Aufstand der Jungen" eine düstere Zukunft. Phasenweise ziemlich überzeichnet und absurd, aber auch ziemlich spannend.

Die Zukunft macht Angst. Das war schon immer so. Wenn sie sich aber an einem gewöhnlichen Dienstagabend im Jänner aus dem Fernseher an uns heranschleicht, dann verursacht sie mitunter leichtes Frösteln. Düster sieht die Welt im Jahr 2030 in der ZDF-Doku-Fiction „Aufstand der Jungen" (Regie und Drehbuch: Jörg Lühdorff) aus. Allerdings beweist der zweite öffentlich-rechtliche Fernsehkanal Deutschland zumindest bei der Wahl der Erzählperspektive ansatzweise Sinn für Humor: Der Film ist eine Persiflage auf eine Dokumentation im ZDF. Der Sender hat im Jahr 2000 ein aufwendiges Fernsehprojekt gestartet: Zehn Kinder, die am 1. Jänner dieses Jahres geboren sind, werden mit Kamerateams auf ihrem Lebensweg begleitet. Kindergarten, Schulzeit, Matura (oder Abitur, wie es in Deutschland heißt), erste Liebe, Studium, erster Job - Deutschland darf zusehen, wie sich die „Millenniumskinder" entwickeln. Am 4. September 2030 stirbt eines dieser mittlerweile erwachsenen Milleniumskinder an einer Schusswunde. Die Journalistin Lena Bach (Bettina Zimmermann) und eine Freundin des toten Tim Burdenski (Barnaby Metschurat) gehen der Todesursache im Rahmen einer Dokumentation auf den Grund. So viel zur simplen Handlung, die sich in Berlin zuträgt.

Rauhe Dystopie

Der „Aufstand der Jungen", eine Fortsetzung des 2007 produzierten Dreiteilers „Aufstand der Alten" ist eine Dystopie im klassischsten Sinn, die so ähnlich unlängst erst Autorin Juli Zeh in ihrem Buch „Corpus Delicti" entworfen hat: Das Bildungs- und Gesundheitssystem ist kollabiert, die Zweiklassenmedizin längst zur harten Realität geworden. Nur die Reichen können sich eine optimale medizinische Versorgung leisten, selbst die Mittelschicht muss sich für eine mittelklassige Gesundheitsversorgung verschulden. Im heruntergekommenen Stadtteil „Höllenberg" (eigentlich Schöneberg) - gewissermaßen die Antithese zum heute so schicken, aufstrebenden Viertel Prenzlauer Berg - haben sich die Illegalen zurückgezogen. Sie leben autark in verfallenen Häusern, Autowracks und Müllhalden vor der Tür. Sie erwarten zwar keine Hilfe vom Staat mehr, müssen aber auch ihre Schulden nicht mehr begleichen. Die Nachbarschaftshilfe lebt wieder auf. Ein freiwilliger Helfer dieser Entrechteten ist Vincent Fischer, geboren 1985. Er macht armen, hoch verschuldeten Seelen ein verlockendes Angebot: werden sie ins staatliche Krankenhaus eingeliefert, das einzige Spital, das noch nicht versicherte Patienten aufnimmt, schreibt er für sie einen Totenschein und lässt sie verschwinden. Ein neues, hoffnungsloses, aber schuldenfreies Leben wartet in Höllenberg. Dorthin verschlägt es auch die ZDF-Reporterin Bach mit Sophie Schäfer (Lavinia Wilson), die, ebenfalls Millenniumskind, einen viel erfolgreicherem Werdegang als Tim zurückgelegt hat und fest daran glaubt, dass ihr bester Freund nicht tot ist.

Autos wie der DeLorean

All das ist phasenweise stark überzeichnet und absurd. Wenn die angeblich armen Entrechteten in Höllenberg mit Tomaten und Eiern auf die unerwünschten Besucher vom Fernsehen schießen, ist das nicht sehr konsequent: Sind sie nun arm oder können Sie mit Nahrungsmitteln um sich werfen? Und überhaupt: Wer weiß schon wirklich, was die Zukunft bringt? Die Bemühungen der Ausstattung, die Zukunft für den Seher sichtbar zu machen, sind nicht wirklich geglückt: Wohlhabende Menschen tragen futuristisch anmutende Mäntel mit spitzen Krägen, fahren Autos, die aussehen wie das Folgemodell des DeLorean aus „Back to the Future", Computer sind Glasoberflächen, die in der Luft schweben und mittels Touch Screen bedienbar sind, Fernsehen und Zeitungen sind komplett vom Internet verdrängt („Wir haben uns was im Netz angeschaut").

Wenn Dystopien wie „Gattaca" filmisch um Längen subtiler gemacht sind, so ist die Stärke dieses Films mit Sicherheit gerade jene, das die Dinge nicht so weit hergeholt sind, Maschinen ersetzen nicht den Menschen, Außerirdische kommen nicht vor. Der Schrecken geht ganz allein von den verschleppten Sozialreformen, den fehlenden Antworten auf eine überalterte, verarmte Gesellschaft aus. Da wächst eine Generation heran, die nur mehr Schulden von ihren Vorfahren erbt. Das ist nicht weit hergeholt - darum macht es uns frösteln.

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