Allerorten ist von Empörung die Rede. Aber Wut ist weder schön noch zielführend. Heimito von Doderer hat eine Therapie vorgeschlagen.
Wutnigel, Zornbinkerl und Giftzwerge stehen derzeit allerorten hoch im Kurs: In Frankreich fordert der 93-jährige Diplomat Stéphane Hessel in einem 30-seitigen Bändchen namens „Indignez-vous!“ zur allgemeinen Empörung auf (ohne sich genau festzulegen, wogegen); in Deutschland und auch schon Österreich spricht man von (angeblich konservativen bis reaktionären) Wutbürgern; in den USA hat die republikanische Politikerin Sarah Palin, die sich selbst treffend als „Pitbull mit Lippenstift“ charakterisiert hat, die Bürger zum „Nachladen“ animiert („Don't retreat, reload!“), wohlwissend, dass etliche ihrer Rezipienten zwar nicht alle Tassen, aber dafür ein Schießeisen im Schrank haben.
Mir ist dieser Trend zur Empörung suspekt. Es glaube doch niemand, dass sich all die Wütenden auf ein gemeinsames Erregungsprogramm einigen können! Die einen schäumen, weil ihnen die Steuern zu hoch vorkommen, die anderen ärgern sich, weil ihnen die Reichen zu wenig Steuern zahlen; die einen finden die Pensionen zu hoch, die anderen sind selbst schon in Pension; die einen wollen mehr Staat und Politik, die anderen weniger; die einen echauffieren sich über rasante Radfahrer, die anderen über fehlende Fahrradwege... Auf einer gut layoutierten Leserbriefseite haben diese Erregten ja alle friedlich nebeneinander Platz. Aber sollen sie wirklich gemeinsam wutschnaubend aufmarschieren und sich dann bei der Schlusskundgebung gegenseitig befetzen?
Selbst nicht ganz ohne Zorn und Eifer, erlaube ich mir, an den in Doderers „Merowingern“ vorgestellten Umgang mit Wutkranken zu erinnern: Prof. Dr. Horn behandelt sie in seiner Privatordination, indem er eine Nasenzange appliziert und sie an dieser durch einen Wutparcours führt, durch den sie stampfen und dabei nach Herzenslust porzellanene Figuren zerschmettern können. Nur in besonders schlimmen Fällen müssen auch Ohrfeigen verabreicht werden. Gemessen und (für den Genesungsfortschritt) bewertet werden Figurenverbrauch und Fußwinkel (je höher, umso größer die Wut, Doderer wusste das, er litt selbst an cholerischen Anfällen).
Wollt ihr das wirklich, ihr Wüteriche? Bedarf es der Nasenzange? Könnt ihr euch nicht ohne drastische Therapie mäßigen? Seid ihr gar stolz auf euren Jähzorn? Ihr könnt nicht anders, ihr müsst einfach ausrasten? Mein Rat: Rastet euch lieber einmal aus.
E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2011)