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Bensedrine: "Das tunesische Regime ist am Ende"

(c) EPA (LUCAS DOLEGA)
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Die bekannte tunesische Menschenrechtsaktivistin Sihem Bensedrine wirft Frankreich Komplizenschaft beim brutalen Vorgehen gegen Demonstranten in ihrer Heimat vor. Ben Alis Kehrtwende werde ihm nichts mehr nützen.

Wien. Die tunesische Menschenrechtlerin und Journalistin Sihem Bensedrine (*1950) gehört zu den schärfsten Kritikern des Regimes. Angesichts der Misshandlungen und Schikanen, die sie erlebt hatte, verbrachte sie die letzten Jahre großteils im Ausland. 2008 war sie Exilautorin in Graz, derzeit ist sie Gast des katalanischen PEN-Clubs.

 

Die Presse: Die Regierung kündigte an, alle verhafteten Demonstranten freizulassen, der Innenminister ist gefeuert. Kann das die Proteste beruhigen?

Sihem Bensedrine: Nein, es ist zu spät. Solche Maßnahmen hätte er früher ergreifen müssen, es ist schon zu viel passiert: Mehr als sechzig Menschen wurden erschossen, unbewaffnete Zivilisten. Und genau jetzt, während Ben Ali die Freilassung von Demonstranten ankündigt, gibt es in Sfax wieder Proteste – und neue Verhaftungen. Ben Ali lügt, er lügt seit 23 Jahren – aber Europa glaubt ihm.

 

Sie wirken verbittert über die Zurückhaltung des Westens. Was erwarten Sie von Europa und den USA?

Sie sollen das tunesische Volk unterstützten und nicht das Regime. Das Schweigen ist der größte Komplize, dabei liegt Tunesien so nahe an Europa.

Frankreichs Außenministerin Alliot-Marie sagte, Paris wolle sich nicht in die internen Angelegenheiten Tunesiens einmischen. Im Iran protestierten sie 2009 schon, als es dort noch weniger Todesopfer gab. Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Alliot-Marie hat sogar technische Hilfe Frankreichs beim Wiederherstellen der Ordnung angeboten. Viele in Tunesien sind aufgebracht über die französische Haltung und sagen: „Wir wollen keinen Kolonialismus mehr.“

Ben Ali scheint in die Enge getrieben: Er hat in der Hauptstadt Militär aufmarschieren lassen.

Ja, aber es gibt eine Fraternisierung zwischen Soldaten und den Menschen auf der Straße: Leute, die von der Polizei verfolgt werden, suchen teilweise Schutz bei der Armee. Es gibt eine neue Polizeieinheit, die Leute nennen sie Todesschwadronen, sie benützen Scharfschützengewehre. Und es gibt Berichte aus der Stadt Kasserine, wo junge Menschen aus ihren Häusern gezerrt wurden. Ihre Familien haben später die Leichen gefunden.


Wie gefährlich sind die Proteste für das Regime? Wird Ben Ali Ende des Jahres noch an der Macht sein?

Wir bewegen uns definitiv auf die Zeit nach Ben Ali zu. Das Regime ist am Ende: 150 Leute aus dem Umfeld des Regimes haben das Land verlassen. Ben Alis Schwiegersohn ist nach Québec gereist, und es gibt Berichte, dass Ben Alis Frau Leila in Genf ist.

 

Und was passiert dann? Chaos, oder kommt ein neuer Ben Ali, wie damals bei seinem Vorgänger Bourguiba?

Das glaube ich nicht. Die Leute wollen keinen korrupten Diktator mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2011)