Wolodymyr Selenskij wird auf seiner Europa-Tour bejubelt. Meint es der Westen mit Militärhilfe ernst, bedeutet das eine Kraft- und Kommunikationsanstrengung.
Egal, ob in London, Paris oder Brüssel: Der ukrainische Präsident, Wolodymyr Selenskij, wird auf seiner Überraschungsreise durch europäische Hauptstädte allerorts begrüßt und bejubelt. Kaum ein demokratisch gesinnter europäischer Politiker lässt die Gelegenheit aus, sich auf einem gemeinsamen Foto mit dem Ukrainer zu zeigen. Der Handshake mit dem stets im lässigen Militärlook gekleideten, vollbärtigen Selenskij verspricht manch einem Anzugträger eine Steigerung der eigenen Popularität. Mut, Standhaftigkeit und allürenlose Hemdsärmeligkeit – für all das steht der ukrainische Staatschef seit Beginn der russischen Invasion vor knapp einem Jahr. Sich mit ihm zu zeigen bedeutet, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.
Die Ukrainer freuen sich über den festlichen Empfang, die anerkennenden Worte über ihren Freiheitskampf und die europäischen Unterstützungsbekundungen. Die Ukraine könne „auf uns zählen“, sagte etwa Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Donnerstag. Vor allem aber wollen die Ukrainer Taten sehen und weisen, wie Selenskij und andere Spitzenpolitiker seines Landes, unablässig auf weitere Wünsche hin. Ganz gleich, mit wem man dieser Tage spricht, mit ukrainischen Politikern, Diplomaten, Journalisten oder Zivilgesellschaftsvertretern, es geht immer um ein Thema: Waffenlieferungen. Waffen – beziehungsweise ihre Verfügbarkeit – werden diesen Krieg entscheiden, nicht Worte. Derzeit haben sich die Kampfhandlungen im ostukrainischen Donbass festgefressen; eine neue russische Offensive scheint in Vorbereitung. Auch kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Gefechte erneut auf andere Regionen des Landes übergreifen.